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Amerikakritik in Russland Panarins krude Thesen

 ·  Amerika werde in sechs Rumpfstaaten zerfallen, obwohl Obama noch in diesem Jahr das Kriegsrecht verhängt, behauptet der Dekan der russischen Diplomatenakademie. Igor Panarins Pech besteht darin, dass er die politische Entwicklung im eigenen Land verschlafen hat.

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Ob er sich nicht geirrt und ob er nicht vielmehr den Zustand Russlands beschrieben habe, musste sich Professor Igor Panarin nach seinem Vortrag fragen lassen. Darin hatte der Dekan der russischen Diplomatenakademie am Donnerstag den vollkommenen und endgültigen Kollaps der Vereinigten Staaten von Amerika vorausgesagt. Dabei befindet sich Russland gegenwärtig in der schwersten Wirtschaftskrise seit einem Jahrzehnt, und noch während Panarins Vortrag über das amerikanische Desaster liefen die neuesten russischen Wirtschaftszahlen über den Ticker, die beispielsweise besagten, dass die russischen Ausfuhren im Vergleich zum Vorjahr um die Hälfte zurückgegangen seien.

Panarin meinte dennoch, Russland drohe kein Kollaps. Der Zusammenbruch Amerikas dagegen sei nur eine Frage weniger Jahre. Noch vor 2011 würden die Vereinigten Staaten in sechs Rumpfstaaten zerfallen. Das lasse sich nicht einmal durch Verhängen des Kriegsrechts verhindern, wozu sich Präsident Barack Obama bereits in diesem Jahr gezwungen sehen werde. Dann schlage die Stunde Moskaus.

Panarin: Alaska wird wieder russisch werden

Alaska werde unter russische Kontrolle zurückkehren, sagte Panarin voraus, und gemeinsam mit China werde Russland das Rückgrat einer neuen Weltordnung bilden. Deshalb müssten China und Russland schon jetzt enger zusammenarbeiten und eine neue (Leit-)Währung schaffen, die den Dollar ersetze. Der amerikanische Traum sei zerplatzt, das habe er selbst mit eigenen Augen bei einem Aufenthalt in Amerika gesehen. Verantwortlich dafür seien nicht nur der wirtschaftliche Niedergang, sondern auch der moralische Verfall in Amerika, der sich an Schießereien in den Schulen, an der großen Zahl von Häftlingen und homosexuellen Männern erkennen lasse.

Untergangsszenarien für Amerika tauchen in Russland immer wieder auf. So bemühte sich im vergangenen Sommer ein Vertreter des Amts am Smolensker Platz, dem Sitz des russischen Außenministeriums, den eigens bestellten Reportern den unvermeidlichen und nahen Untergang Amerikas nahezubringen. Das geisterte durch die Zeitungen und traf auf klammheimliche Freude, weil es ohnehin ein weitverbreiteter Sport vieler Russen war, dem ewigen Rivalen Amerika, den sie nie erreichen konnten, die politische Pest an den Hals zu wünschen. Die unsägliche, vom Kreml gesteuerte Propaganda gegen Amerika vor der Parlamentswahl 2007 und vor der Präsidentenwahl im Frühjahr 2008 traf deshalb ebenfalls auf offene Ohren.

Das Pech des Dekans der Diplomatenakademie besteht darin, dass er offenbar die neueste politische Entwicklung im eigenen Land verschlafen hat. Als Präsident George W. Bush noch in Amerika regierte und Präsident Putin gegen den Unilateralismus und andere amerikanische „Verbrechen“ wetterte sowie, im Hochgefühl der mit Petrodollars prall gefüllten Staatskasse, den Rubel mindestens zu einer regionalen Leitwährung machen wollte, hätte sich Panarin noch auf gleicher Linie mit den Kreml wähnen dürfen. Aber die politischen Vorzeichen haben sich geändert, seit Obama am Ruder ist und dem Kreml, wo inzwischen Dmitrij Medwedjew als russischer Präsident regiert, Avancen macht.

Russlands politische Klasse stellt sich nun auf einmal selbst die bange Frage, wer denn, wenn nicht die Amerikaner mit ihrer Militärmaschine, die afghanischen Taliban niederkämpfen und verhindern solle, dass islamistischer Terror nicht nur ganz Zentralasien, sondern auch Russland selbst bedroht - und findet Amerika keineswegs mehr nur schlecht, sondern erlaubt amerikanische Militärtransporte durch das russische Reich in Richtung Afghanistan.

Putin will die Wogen glätten

Auch wirtschaftlich hat sich das Blatt in Russland gewendet. Krisenstimmung herrscht, und jeder weiß, dass Amerikas Wirtschaft wieder erstarken muss, damit die Weltkonjunktur in der verarbeitenden Industrie wieder anspringt. Denn dann würden russische Rohstoffe wie in alten Zeiten wieder gebraucht werden und könnten höhere Preise erzielen als heute.

Ministerpräsident Putin, der Panarin vor einigen Monaten vielleicht noch Beifall gespendet hätte, versucht nun, im eigenen russischen Interesse die Wogen zu glätten und ist dabei fast schon zum Gesundbeter geworden: Amerikas Wirtschaft werde sich binnen kurzer Zeit wieder erholen, versicherte der Ministerpräsident. Und keine Rede könne auch davon sein, den Dollar als Leitwährung zu ersetzen. Das seien alles nur wilde Gerüchte, träumte Putin den „amerikanischen Traum“. Kassandras, die den Untergang Amerikas predigen, stehen nicht mehr hoch im Kurs.

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Jahrgang 1948, politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

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