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Wahl in Ecuador Der aufbrausende Caudillo

 ·  Die große Mehrheit steht hinter ihm: 57 Prozent der Ecuadorianer stimmten für Rafael Correa. Seinen Wahlsieg widmet er Hugo Chávez. Nun will in die „Bürgerrevolution“ nach venezolanischem Vorbild weiter vorantreiben.

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© AP Die Mehrheit stimmte für ihn: Rafael Correa (rechts) mit Vizepräsident Jorge Glass nach der Wahl

Auch am Wahlabend konnte er es nicht lassen. Kaum stand fest, dass er schon in der ersten Runde im Amt bestätigt worden war, schimpfte der ecuadorianische Präsident Rafael Correa über die „merkantilistische Presse“. Die Medien, nicht etwa seine Konkurrenten im Kampf um das höchste Staatsamt, seien soeben besiegt worden. Die privaten Medien hätten auf anmaßende und dreiste Weise Partei gegen ihn ergriffen. Wenn es so war, dann ohne Erfolg: Weder der frühere Militär und ehemalige Präsident Lucio Gutiérrez noch der reichste Mann des Landes, der Bananen-Magnat Álvaro Noboa, konnte Correa gefährlich werden. Während der Präsident mit einem 57-Prozent-Ergebnis unangefochten bestätigt wurde, mussten die beiden sich mit sechs und knapp vier Prozent begnügen, viel weniger als bei der vorigen Wahl. Für den Bankier Guillermo Lasso stimmte immerhin knapp jeder vierte Wähler. Er sieht sich nun als Anführer der Opposition - aber die ist zersplittert.

Die privaten Medienunternehmen sind für Correa seit jeher ein rotes Tuch. Es vergeht kaum eine Gelegenheit, zu der er nicht auf ihnen herumhackt und androht, ihre „Lügen“ und „Exzesse“ unterbinden zu wollen. Er hat auch schon angekündigt, dass er jetzt, gestärkt durch die Wiederwahl, seinen Feldzug weiterführen werde. „Diese Revolution hält nichts und niemand auf“, versprach Correa am Wahlabend donnernd. Ähnlich wie sein Vorbild, der venezolanische Präsident Hugo Chávez, hat Correa längst begonnen, die missliebigen Medien strafrechtlich verfolgen zu lassen. Auf spektakuläre Weise hat er Urteile mit drastischen Geld- und Haftstrafen für Journalisten der Zeitung „El Universo“ wegen Meinungsartikeln erwirkt, die ihm missfallen hatten.

Die Revolution weiter vorantreiben

Correa hat seinen Wahlsieg ausdrücklich Chávez „gewidmet“. Dabei war es ein passender Zufall, dass der schwer krebskranke venezolanische Präsident ausgerechnet in der ecuadorianischen Wahlnacht aus Kuba nach Caracas zurückgekehrt ist. Ähnlich wie sein Idol nach erfolgreichen Wahlschlachten seine Revolution zu „vertiefen“, das heißt zu radikalisieren pflegte, dürfte auch Correa nun seine „Bürgerrevolution“ weiter vorantreiben. Doch Ecuador ist nicht Venezuela, und auch zwischen Correa und Chávez gibt es bedeutsame Unterschiede. Correa ist immerhin Wirtschaftswissenschaftler; er weiß, wovon er spricht, wenn er seine wirtschaftlichen Pläne entwickelt. Eines der erklärten Ziele seiner künftigen Politik besteht darin, vom bloßen Export von Rohstoffen abzurücken, die Industrialisierung zu fördern und den Dienstleistungssektor zu stärken. Zugleich will er das Bildungswesen ausbauen, um die Wirtschaft mit besser ausgebildeten Fachkräften international konkurrenzfähiger zu machen. Schließlich plant er eine stärkere Dezentralisierung der staatlichen Dienstleistungen, um für seine „Bürgerrevolution“ auch mehr Bürgernähe zu erreichen.

So heißt es jedenfalls. Doch in den ersten sechs Jahren seiner Präsidentschaft ist Correa mit diesem Programm nicht recht vorangekommen. Nicht selten steht sich der Präsident mit seiner aufbrausenden Art selbst im Weg; Feinde hat er selbst im eigenen Lager zuhauf. Sein Mentor und früherer Freund, Alberto Acosta, trat am Sonntag sogar mit einer eigenen Partei bei der Wahl an. Als Kandidat scheiterte er zwar kläglich, aber mit seiner Kritik könnte er den Präsidenten getroffen haben: Correa, so Acosta, sei zu einem „autoritären Caudillo“ geworden, der die Eingeborenen und die Gewerkschaften betrogen habe. Außerdem wirft Acosta dem Präsidenten vor, ein Dutzend ehemaliger Verbündeter „aussortiert“ und Hunderte von Beamten entlassen zu haben, um Vertrauensleute an ihre Stelle zu setzen. Zu denen zähle sein alter Gefolgsmann Jorge Glas, der nun zum Vizepräsidenten aufsteigt.

Vorwürfe des Bruders

Nach den Maßstäben der ecuadorianischen Politik ist dieses Zerwürfnis noch ein eher unauffälliges. Correas Verhältnis zu seinem Bruder Fabricio ist dagegen eine der schillerndsten Geschichten, die das Land bewegen. Er habe die Grundlagen der Bewegung „Alianza País“ (Landesallianz) verraten, seine Regierung habe Ecuador geschadet, die demokratischen Freiheiten hätten gelitten, Drogenhandel und Kriminalität hätten zugenommen, warf Fabricio dem Präsidentenbruder vor. Als scharfer Gegner der Annäherung an Chávez’ Venezuela wollte Fabricio Correa eigentlich selbst für das höchste Staatsamt kandidieren. Doch dann war er wegen mutmaßlicher unlauterer millionenschwerer Geschäfte unter Verdacht geraten. Ihm nahestehende Unternehmen hatten öffentliche Aufträge unter Umgehung von Gesetzen und Vorschriften erhalten. Wegen der Vorwürfe, die Vetternwirtschaft begünstigt zu haben, musste der Präsident persönlich diese Geschäfte annullieren. Der Protest des Präsidentenbruders schmolz am Wahltag auf einen Klamauk-Auftritt zusammen: Mit einem als Darth Vader verkleideten Begleiter ging er ins Wahllokal in der Stadt Guayaquil. Unter der Maske war ein Journalist, den Fabricio Correa als „interplanetarischen Beobachter“ der Wahl vorstellte.

Seinen Kritikern gilt der Präsident als kalt, als arrogant bis autoritär, als Choleriker, der versucht sei, sich auch gleich als „Oberster Richter“ aufzuspielen, zumal er die Justiz nach Chávez-Art längst unter seine Kontrolle gebracht habe. Doch viele seiner Landsleute sagen im vertraulichen Gespräch, dass Ecuador eben ein strenges Regiment brauche, also gleichsam an die kurze Leine - spanisch „correa“ - genommen werden müsse.

Stabilität nach Jahren der Unruhe

Unter den einfachen Arbeitern etwa wissen auch solche, die nie für Correa gestimmt haben, zu schätzen, dass sich die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse in den vergangenen sechs Jahren stabilisiert haben. Dass Abdalá Bucaram 1997 als „geistig unzurechnungsfähig“ aus dem Amt gejagt wurde und dass drei Jahre später Lucio Gutiérrez, später selbst gewählter und wieder gestürzter Präsident, aktiv an dem Putsch gegen Jamil Mahuad beteiligt war, klingt inzwischen wie Episoden aus einer schlechten Polit-Telenovela. „Immer wenn da oben wieder etwas passiert ist, habe ich meinen Job verloren“, sagt ein Bauarbeiter, der von der Kundgebung am Wahlabend vor dem Präsidentenamt zurückkehrt. „Seit Correa dran ist, habe ich mein regelmäßiges Einkommen.“

In Lateinamerika gilt Correa als eigentlicher Erbe des schwerkranken Chávez und als möglicher künftiger Anführer der Gruppe der sogenannten Linksregierungen. Im Vergleich zu den venezolanischen Aspiranten auf die Chávez-Nachfolge wie dem Vizepräsidenten Nicolás Maduro oder dem Parlamentspräsidenten Diosdado Cabello verfügt Correa über die größere Ausstrahlung und die umfassendere Erfahrung - zumal beim Durchregieren.

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Jahrgang 1949, politischer Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in Buenos Aires.

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