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Polizeigewalt in Amerika : Vier Schüsse in den Rücken

Kundgebung gegen Polizeigewalt in North Charleston, wo am Samstag der Schwarze Walter Scott erschossen wurde Bild: AP

Dass Polizisten wegen Mordes angeklagt werden, ist in Amerika selten. Doch im Fall des getöteten Schwarzen Walter Scott ist vieles außergewöhnlich.

          Die Szene hat etwas von einer Exekution. Auf einem von einem Zeugen aufgenommenen Film ist zu sehen, wie ein offenbar unbewaffneter Schwarzer vor einem Polizisten wegrennt. Es ist zu sehen, wie der weiße Polizist ruhig seine Pistole hebt, dann sind mehrere Schüsse zu hören. Der Schwarze fällt auf den Bauch und bleibt regungslos mit dem Gesicht zum Boden liegen. Achtmal soll der Polizist geschossen haben. Fünfmal sei der Flüchtende getroffen worden, davon vier Mal im Rücken, berichtet die Lokalzeitung „Post and Courier“ unter Berufung auf den Anwalt der Familie des Toten.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Im amerikanischen Bundesstaat South Carolina ist der Polizist nun in Arrest genommen und des Mordes angeklagt worden. Er sei bereits aus dem Polizeidienst entlassen worden, sagte der Bürgermeister von Charleston auf einer Pressekonferenz am Mittwoch. Außerdem seien Körperkameras für alle knapp 350 Polizeibeamten der Gemeinde bestellt worden, um künftig die Polizeiarbeit transparenter zu machen.

          Den Todesschüssen soll ein Streit bei einer Verkehrskontrolle vorausgegangen sein, wie aus am Dienstag veröffentlichten Gerichtsdokumenten hervorgeht. Ein unbekannter Zeuge hatte die Szene mit seinem Mobiltelefon gefilmt und das Video der Zeitung „New York Times“ zugänglich gemacht, die den Film im Internet verbreitete. Die Mordanklage gegen den Polizisten ist im Vergleich zu früheren Fällen bemerkenswert. Denn gewöhnlich kommt es selten zur Anklage in solchen Fällen, da Polizisten große Spielräume bei der Gewaltanwendung zugestanden werden. In diesem Fall aber übernahm eine außenstehende Behörde die Ermittlungen. In einer ersten Stellungnahme ließ der beschuldigte Polizist über seinen Anwalt mitteilen, er habe sich an die geltenden Polizeiregeln gehalten.

          South Carolina : Dieses Amateurvideo soll Todesschüsse durch Polizisten zeigen.

          Der Vorfall passt zu einer ganzen Reihe von Begebenheiten, in denen weiße Polizisten schwarze Männer niedergeschossen haben. Gewaltsame Proteste hatte der Tod von Michael Brown in der Stadt Ferguson im Bundesstaat Missouri nach sich gezogen. Zu Demonstrationen im ganzen Land war es auch gekommen, als der Schwarze Eric Garner der Polizeigewalt zum Opfer fiel. In Ohio erschoss ein Polizist einen schwarzen Zwölfjährigen, der mit einer Spielzeugwaffe durch einen Park strolchte. Seitdem wird in Amerika verstärkt über Rassismus im Polizeiapparat und über das Justizsystem debattiert. Daten der Bundespolizei FBI belegen, dass Schwarze bei Festnahmen einem wesentlich höherem Risiko ausgesetzt sind, erschossen zu werden, als Weiße oder Latinos. Die Vorfälle haben das Weiße Haus veranlasst, eine Sonderkommission unter Leitung des scheidenden Justizministers Eric Holder einzusetzen.

          Bemerkenswert an dem Fall von North Charleston ist, dass der Polizist zu seiner Verteidigung Behauptungen aufstellt, die im Widerspruch zum Videomaterial stehen. Der 33 Jahre alte Michael Slager sagte, das Opfer, den die Medien als Walter L. Scott identifiziert haben, habe ihm seine Elektroschockpistole abgerungen, bevor er selbst das Feuer mit der richtigen Pistole eröffnet habe. Nach Angaben der „New York Times“ meldete Slager der Zentrale: „Schüsse wurden abgegeben und das Subjekt ist am Boden. Er nahm meine Elektroschockpistole.“

          Das Video dagegen zeigt zunächst den flüchtenden Mann, auf den achtmal in den Rücken geschossen wird. Nach der Erschießung hebt Slager ein schwer zu identifizierendes Objekt vom Boden auf an dem Standpunkt, von dem aus er den Flüchtenden niedergestreckt hat. Dann geht der Polizist zur sieben oder acht Meter entfernten Leiche und lässt das Objekt fallen, während sich ein hinzugekommener Polizist über den Mann am Boden beugt. Diese Szene ist von Bedeutung: Wenn es sich bei dem Objekt um die Elektroschockpistole gehandelt hat, dann könnte Slager versucht haben, Beweise zu türken. Denn in diesem – noch unbewiesenen – Fall hätte der Polizist den Eindruck zu erwecken versucht, der Flüchtende habe ihm die Waffe entwenden können. Im Widerspruch zum Video steht auch die von der „New York Times“ vermeldete Polizeiangabe, die Sicherheitskräfte hätten Wiederbelebungsversuche unternommen. Zwei Polizisten, die nach der Erschießung in Erscheinung treten, unternehmen dem Filmmaterial zufolge nichts dergleichen. Einer tätschelt dem Schützen beruhigend die Schulter.

          Schießen nur mit guten Gründen

          In den Vereinigten Staaten dürfen Polizisten schießen, wenn sie selbst oder unschuldige Dritte einer ernst zu nehmenden Gefahr ausgesetzt sind. Die zweite Situation, die den Schusswaffengebrauch erlaubt, liegt vor, wenn der Polizist eine Flucht verhindern will – der Polizist muss aber gute Gründe zu der Annahme haben, dass der Flüchtende ein schweres Gewaltverbrechen ausgeübt hat.

          Der in North Charleston niedergeschossene Walter Scott ist ein Vater von vier Kindern. Er ist polizeibekannt. Zeitungen melden, dass er bereits bis zu zehn Mal festgenommen worden war, am häufigsten offenbar, weil er mit Unterhaltszahlungen für seine Kinder im Rückstand war oder weil er trotz Einbestellung nicht zu Gerichtsverhandlungen erschien. Ein Anwalt, den die Familie des Opfers beauftragt hat, sagte, Scott habe offenbar Angst vor einer Festnahme und einem möglichen Gefängnisaufenthalt gehabt, weil er abermals mit Unterhaltszahlungen im Rückstand gewesen sei.

          Quelle: F.A.Z.

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