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Umfrage in Amerika : Die Weltmacht verliert an Selbstgewissheit

Entzauberter Nationenbauer: Barack Obama Bild: REUTERS

Mehr Amerikaner als je zuvor finden, dass die Bedeutung ihres Landes in der Welt sinkt. Eine Mehrheit sieht das außenpolitische Engagement skeptisch. Gute Beziehungen zu Europa sind ihnen aber wieder wichtiger.

          Die Amerikaner sind unentschlossen, ob die größte Gefahr von Iran oder von China ausgeht. Jeweils 16 Prozent der Befragten haben diese Länder genannt, als sich die Meinungsforscher von Pew Research danach erkundigten. Bezeichnender ist, welches Land auf den dritten Platz dieser Rangliste des Schreckens kam: die Vereinigten Staaten. Zwar zeigte nur jeder zehnte Befragte mit dem Finger auf die eigene Hauptstadt, wo der Kongress das Land wenige Wochen vor der Erhebung an den Rand der Zahlungsunfähigkeit gebracht hatte.

          Andreas Ross

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Doch die Antwort beschreibt die Befindlichkeit in einem Land, das an Selbstgewissheit verliert. Seit vor vierzig Jahren die Frage erstmals gestellt wurde, haben nie so viele Amerikaner wie jetzt bekundet, die Bedeutung ihres Landes in der Welt sinke. Mehr als die Hälfte meinen, vor zehn Jahren sei Amerika wichtiger gewesen. Im Jahr 2004 – drei Jahre nach den Terroranschlägen auf New York und Washington, ein Jahr nach dem Irak-Einmarsch – fand das nur jeder Fünfte.

          Doch die mehr als 2000 befragten Bürger scheinen den Einflussverlust mehrheitlich nicht als eine Fehlentwicklung anzusehen, die Präsident Barack Obama dringend korrigieren müsse, sondern als Tatsache hinzunehmen. Darauf deutet ein weiterer Rekordwert hin, den die Forscher bei der Vorstellung der Studie „Amerikas Stellung der Welt“ am Dienstag in Washington hervorhoben: Erstmals bejahen mehr als die Hälfte der Amerikaner die Aussage: „International sollten sich die Vereinigten Staaten mehr um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern.“

          Heil in der Globalisierung

          Doch sollte man daraus nicht schließen, dass sich die Amerikaner den Isolationismus zu eigen machen, den einzelne Vertreter der republikanischen Tea-Party-Bewegung predigen. Nach der Rezession haben die Meinungsforscher eine präzendenzlos große Bereitschaft gemessen, das wirtschaftliche Heil in der Globalisierung zu suchen. Zwei Drittel sind überzeugt davon, dass die Chancen des internationalen Engagements der Wirtschaft die Risiken übersteigen. Fast genauso viele Befragte würden es befürworten, wenn mehr ausländische Unternehmen in Amerika investierten. Herrschte vor kurzem noch Angst vor chinesischer Dominanz, haben sich viele nun mit der fernöstlichen Konkurrenz abgefunden. Entgegen der Statistik glaubt sogar fast die Hälfte der Amerikaner, dass China ihr Land längst als wichtigste Wirtschaftsmacht überholt habe.

          So deutlich die Bevölkerung ihre Regierung auffordert, statt der Probleme der Welt die im eigenen Land anzupacken, so sehr hält sie daran fest, dass Amerikas Armee die stärkste der Welt bleiben müsse. Vier von fünf Befragten glauben zwar nicht, dass der seit zwölf Jahren währende Afghanistan-Einsatz Amerika sicherer vor Terrorismus gemacht habe, aber sie lasten das nicht den Streitkräften an. Vielmehr erteilen sie Obama schlechtere Noten in Außenpolitik als bisher. Darin liegt für den Präsidenten eine Tragik, denn an sich folgt die Mehrheit seiner Linie: Obamas Diktum von 2009, er wolle „Nation-building“ vor allem zu Hause betreiben, gibt den Tenor der Studie perfekt wieder.

          Dabei folgt die Enttäuschung über den Oberbefehlshaber nicht dem europäischen Muster. Denn als einziges Instrument im Antiterrorkampf heißen die Amerikaner den Drohnenkrieg mehrheitlich gut. Nur jeder Dritte ist der Ansicht, die Enthüllungen des früheren NSA-Mitarbeiters Snowden über Amerikas Spähprogramme hätten dem öffentlichen Interesse gedient. Überhaupt sieht nur eine Minderheit der Anhänger beider Parteien bürgerliche Freiheiten im Antiterrorkampf gefährdet. Deutsche Leser der Studie können sich damit trösten, dass ihr Land (hinter Kanada, Großbritannien und Japan) weiterhin zu den beliebtesten gehört. Insgesamt wird in Amerika die Bedeutung guter Beziehungen zu Europa wieder höher eingeschätzt. Allerdings haben sich nur ältere Amerikaner wieder von der Einschätzung distanziert, dass Asien für Amerika wichtiger sei.

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