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Terrorbekämpfung Amerika nach dem Anschlag in Boston

Obamas Kampf gegen den islamistischen Terror hat die Gefahren nicht verringert. Das Gegenteil ist der Fall. Es ist an der Zeit, das anzuerkennen und einen Kurswechsel zu vollziehen. Ein Kommentar.

© dpa Vergrößern Gäste und Zaungäste beim Begräbnis eines der Bostoner Todesopfer am Montag in Medford in Massachusetts

Der Terroranschlag in Boston hat Amerika schockiert. Vier Tage später führt die Jagd nach dem überlebenden der beiden Attentäter zur Lähmung einer Metropolenregion, Bankenhochhäuser und Universitäten von Weltruf werden zugesperrt, über mehr als eine Million Menschen wird einen ganzen Tag lang eine Ausgangssperre verhängt. Es gehört zum amerikanischen Ritual, sich nach einer überstandenen Katastrophe lautstark zu gratulieren: zum Heldentum der Einsatzkräfte im Besonderen und ganz allgemein zur Einzigartig dieser Vereinigten Staaten.

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Was aber bedeutet „Boston“ für Amerika und für den globalen Kampf gegen den islamistischen Terror? Noch weiß man nicht, ob die beiden Brüder mit tschetschenischen Wurzeln beim Bombenbau und beim Anlegen ihres furchterregenden Waffenarsenals unterstützt wurden. Alles deutet aber darauf hin, dass zumal der ältere der beiden in den vergangenen Jahren immer tiefer in den Sog jener Mordideologie geriet, wie sie von muslimischen Hasspredigern und islamistischen Extremisten im Internet verbreitet wird. Letztlich spielt es keine Rolle, ob der mutmaßliche Anstifter und Chefplaner der Anschläge von Boston den Bau von Bomben aus Schnellkochtöpfen, Nägeln und Schwarzpulver beim Aufenthalt in einem Trainingslager in Dagestan im Frühjahr 2012 erlernte oder einfach nur die Anleitung aus einer englischsprachigen Internet-Publikation zum „Bau einer Bombe in Mamas Küche“ befolgte.

Weder neu noch einzigartig

Der Terroranschlag von Boston war weder einzigartig noch neuartig. Er steht vielmehr in der Traditionslinie der verheerenden islamistischen Attentate auf Vorortzüge in Madrid vom März 2004 sowie auf U-Bahnen und einen Bus in London vom Juli 2007 und auch der versuchten Anschläge auf Züge und Bahnhöfe in Köln vom Juli 2006 und in Bonn vom Dezember 2012. Auch in den Vereinigten Staaten gab es vor Boston mehr als ein Dutzend Anschlagsversuche auf „weiche Ziele“, gleich mehrere davon in New York; sie konnten vereitelt werden oder schlugen fehl.

Nach Boston ist es an der Zeit, das seit langem manifeste Scheitern des Anti-Terror-Kampfes von Präsident Barack Obama anzuerkennen und einen Kurswechsel zu vollziehen. Im Wahlkampf 2008 hatte Obama seinen Vorgänger George W. Bush heftig kritisiert, weil dieser einen „dummen Krieg“ im Irak angezettelt, die Befriedung Afghanistans vernachlässigt, mit dem Gefangenenlager Guantánamo amerikanische Werte verletzt und zudem ein Rekrutierungsinstrument für islamistische Terroristen geschaffen habe. Obamas „kluge“ Antwort bestand in dem Versprechen, Amerikas Ansehen in der Welt - zumal der muslimischen - wiederherzustellen, das Lager Guantánamo bis Januar 2010 zu schließen, den Krieg im Irak zu beenden und in Afghanistan so rasch wie möglich sichere Verhältnisse für einen Abzug der internationalen Truppen zu schaffen. An die Stelle von „Stiefeln auf dem Boden“ - der Abzug aus dem Irak wurde bis Dezember 2011 vollzogen, der aus Afghanistan soll bis Ende 2014 abgeschlossen sein - traten der dramatisch zugespitzte Drohnenkrieg sowie der Einsatz von Spezialkommandos, etwa gegen den Al-Qaida-Chef Usama Bin Ladin.

Was nützen Drohnen gegen Ideologie im Internet?

Als Obama im Dezember 2009 den Friedensnobelpreis entgegennahm, hatte er schon mehr Drohnenangriffe befohlen als George W. Bush in seiner achtjährigen Amtszeit. Nach drei Jahren im Weißen Haus waren auf Obamas Befehl doppelt so viele Terrorverdächtige (und Hunderte unschuldige Zivilisten als „Kollateralschaden“ dazu) von Drohnen getötet worden wie jemals in Guantánamo inhaftiert waren. Während in Guantánamo heute noch immer 166 Männer ohne Anklage festgehalten werden, ist der amerikanische Drohnenkrieg am Hindukusch, auf der Arabischen Halbinsel und am Horn von Afrika zum noch viel mächtigeren Rekrutierungsinstrument für die globalen Ableger von Al Qaida geworden. Obama lässt mit der stetig wachsenden Drohnenflotte des CIA Krieg gegen einen Feind von gestern führen.

Längst hat sich das Terrornetz „Al Qaida“, dessen Nachrücker-Chef Ajman al Zawahiri sich übrigens noch immer versteckt hält, zu einem Geflecht verändert, das im Cyberspace überallhin Wurzeln treibt, wo es zornige junge (sunnitische) Muslime gibt. Längst wissen Terrorfachleute und Geheimdienste, dass die Internationale des islamistischen Terrors ihre Taktik geändert hat: Statt spektakulärer Großangriffe wie jenem vom 11. September 2001 werden zahlreiche begrenzte Aktionen von Einzelkämpfern oder kleinen Zellen geplant. Was nützen Hunderte Drohnen auf Trainingslager oder Unterschlupfe der Taliban im pakistanischen Waziristan oder von Al Qaida im Jemen, wenn sich die Ideologie vom bewaffneten Dschihad gegen die Ungläubigen durch das Internet global verbreitet?

Obamas Krieg mit dem Joystick hat weder am Hindukusch noch in der Arabischen Welt noch in Afrika die vom islamistischen Terrorismus ausgehende Gefahr reduziert. Im Gegenteil: Man schaue nach Afghanistan und Pakistan, in den Irak und nach Syrien, nach Somalia und Mali, nach Tunesien, Libyen und Ägypten. Und nach Boston. Der Kampf gegen diesen Terror wird Jahrzehnte dauern.

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Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 22.04.2013, 17:19 Uhr

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