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Veröffentlicht: 07.06.2013, 11:11 Uhr

Spionageaktionen bei Internet-Firmen Amerikanische Regierung schnüffelt in Rechnern

Die amerikanische Regierung greift laut einem Bericht direkt auf Computer von Microsoft, Apple, Google und Facebook zu. Während die Firmen das dementierten, hat der Geheimdienst die Existenz des Spähprogramms „Prism“ bestätigt.

© REUTERS Geheimsache Internet? Die amerikanische Regierung könnte mitlesen

Der amerikanische Geheimdienst hat laut einem Zeitungsbericht direkten Zugang zu den Computersystemen von neun der führenden Internet-Konzerne des Landes und greift darüber massenweise auf E-Mails, Fotos, Videos, Dokumente und Audio-Dateien zu. Wie die „Washington Post“ am Donnerstag berichtete, arbeiten die Unternehmen Microsoft, Yahoo, Google, Facebook, PalTalk, AOL, Skype, YouTube und Apple wissentlich als Teil des „Prism“-Programms mit dem Nachrichtendienst NSA und der Bundespolizei FBI zusammen. In ersten Stellungnahmen wiesen mehrere der Konzerne den Vorwurf zurück, direkten Zugang zu ihren Servern zu gewähren. Geheimdienstdirektor James Clapper bestätigte jedoch die Existenz eines Überwachungsprogramms.

Die Zeitung veröffentlichte auf ihrer Website Dokumente und Präsentationsvorlagen zu dem bislang streng geheimen Programm mit dem Codenamen „Prism“ (Prisma). Die „Washington Post“ erfuhr von dem Programm durch einen Geheimdienstmitarbeiter, der über die nach seiner Sicht grobe Verletzung der Privatsphäre der Nutzer entsetzt gewesen sei, hieß es. „Die können im wahrsten Sinne des Wortes sehen, wie Sie beim Tippen Ihre Gedanken ausformulieren“, wurde der Insider zitiert. Wer als Kongress-Abgeordneter von dem Programm wisse, sei zum Schweigen verpflichtet.

Microsoft angeblich seit 2007 dabei

Das Programm könne „nicht dazu genutzt werden, zielgerichtet amerikanische Bürger … oder irgendjemanden in den Vereinigten Staaten“ auszuforschen, sagte Geheimdienstdirektor James Clapper in einer Stellungnahme. „Informationen aus diesem Programm sind unter den wichtigsten und wertvollsten Geheimdienstinformationen, die wir sammeln.“ Das Programm sei aufgenommen worden, „um unsere Nation vor einer großen Zahl von Gefahren zu schützen“. Ein ranghoher Regierungsmitarbeiter sagte der Nachrichtenagentur Reuters, der Kongress habe das Programm jüngst „nach ausführlichen Anhörungen und Debatten“ verlängert.

Der Zeitung zufolge wurde Prism im Jahr 2007 unter Präsident George W. Bush ins Leben gerufen und von dessen Nachfolger Barack Obama ausgeweitet. In den vergangenen sechs Jahren sei die Nutzung stark gewachsen und inzwischen die Grundlage für jeden siebten Geheimdienstbericht. „Die Berichte der NSA stützen sich zunehmend auf Prism“, zitierte die Zeitung aus den Unterlagen. Der Zugang zu den Servern stelle heute die umfangreichste Quelle für die täglichen Berichte des Präsidenten dar. Diese hätten im vergangenen Jahr in 1477 Einträgen Prism-Erkenntnisse zitiert.

Microsoft nahm 2007 als erster sogenannter „Partner im Privatsektor“ am Programm teil, hieß es weiter. Apple verweigerte demnach fünf Jahre lang die Mitarbeit, bevor der Konzern auch beigetreten sei. Zwar sei PalTalk ein deutlich kleinerer Dienst als die anderen. Er sei jedoch während des Arabischen Frühlings und des Bürgerkriegs in Syrien rege genutzt worden. Der Online-Speicherdienst „Dropbox“ solle „in kürze“ dazustoßen. Twitter war auf der Liste nicht vertreten.

Apple: „Wir haben noch nie von Prism gehört“

In ersten Reaktionen erklärten Microsoft, Google, Apple, Facebook und Yahoo, man gewähre keiner offiziellen Stelle einen direkten Zugang zu seinen Servern. Google teilte mit, der Regierung sei nie „eine Hintertür“ geöffnet worden. Microsoft erklärte, man leiste nur Anweisungen folge, die sich auf „spezifische Nutzer oder identifizierende Merkmale“ bezögen. Ein Apple-Sprecher sagte: „Wir haben noch nie von Prism gehört.“ Wenn eine Regierungsstelle Zugang zu Nutzerdaten erhalten wolle, müsse sie eine richterliche Anordnung vorlegen. Auf die direkte Frage, ob man am NSA-FBI-Programm teilnehme, lehnte Apple eine weitergehende Stellungnahme ab.

Der Bericht über das Prism-Programm wurde nur Stunden nach der Enthüllung einer großangelegten Sammlung von Telefon-Verbindungsdaten durch die amerikanischen Geheimdienste veröffentlicht. Obama stand schon vorher in der Kritik, weil sich seine Regierung heimlich Telefon-Daten von Journalisten der Nachrichtenagentur AP und E-Mails eines Fox-Fernsehreporters verschaffte.

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