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Sexuelle Gewalt : Täglich Dutzende Übergriffe in Amerikas Militär

Frauen beim amerikanischen Militär: Marine-Truppen beim Training in Kalifornien Bild: AFP

Ein amerikanischer Oberstleutnant grapscht betrunken eine Frau an. Der Fall beleuchtet ein Problem des amerikanischen Militärs, das bisher im Dunkeln lag: Täglich gibt es Dutzende sexuelle Übergriffe.

          Vergangenen Samstagabend trank Jeffrey Krusinski zu viel. Kurz nach Mitternacht, offenbar auf dem Heimweg von einer Kneipe zu seiner Wohnung in Arlington nahe Washington, griff er auf einem Parkplatz eine Frau an. Er begrapschte ihre Brüste und ihr Gesäß, doch das Opfer konnte sich dem Zugriff Krusinskis entwinden und rief die Polizei. Die war glücklicherweise nicht weit und konnte den sichtlich betrunkenen Angreifer festnehmen. Nach Hinterlegung einer Kaution in Höhe von 5000 Dollar wurde Krusinski wieder auf freien Fuß gesetzt. Am Donnerstag wurde er wegen des Verdachts auf Körperverletzung und sexuellen Übergriff dem Haftrichter vorgeführt.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Jeffrey Krusinski ist 41 Jahre alt und Oberstleutnant der amerikanischen Luftwaffe. Er hatte sich unmittelbar nach dem Abschluss der Schule bei den Streitkräften verpflichtet und diente unter anderem in Afghanistan. Vor gut zwei Monaten übernahm er im Pentagon die Leitung der Abteilung zur Verhinderung von sexuellen Übergriffen bei der Luftwaffe.

          Sexuelle Übergriffe keine Einzelfälle

          Die absurde Fehlbesetzung dieser Führungsposition wirft ein Schlaglicht auf ein Problem, das die amerikanischen Streitkräfte seit langem plagt und dessen Ausmaß in den vergangenen Monaten in schmerzhafter Deutlichkeit ans Licht gekommen ist. „Unsere Grundwerte und der gegenseitige Respekt sind das Fundament, auf dem die Kultur unserer Streitkräfte fußt - eine Kultur, in welcher wir aufeinander achtgeben und füreinander sorgen“, heißt es in der Aufgabenbeschreibung der zuletzt von Krusinski geführten Abteilung. „Fälle von sexuellen Übergriffen untergraben diese Kultur, deshalb müssen wir eine Arbeitsatmosphäre schaffen, in welcher ein solches Fehlverhalten nicht toleriert wird.“ Nach dem Vorfall vom Wochenende wurde Krusinski seines Postens enthoben.

          Indizien, dass sexuelle Übergriffe bei den Streitkräften nicht nur keine Einzelfälle sind, sondern faktisch toleriert werden, gab es indes seit langem. Ein Meilenstein bei der Aufdeckung der Unkultur von Duldung und Vertuschung sexueller Gewalt bei den amerikanischen Streitkräften war der von Kirby Dick und Amy Zierung gedrehte Dokumentartfilm „The Invisible War“ (Der unsichtbare Krieg), der vor einem Jahr beim Sundance Filmfestival in Park City in Utah Premiere hatte. Die Opfer sexueller Gewalt, die in dem Film zu Wort kommen, beklagen übereinstimmend, dass sie sich von den Militärgerichten im Stich gelassen fühlten; dass sich die Opfer und nicht die Täter Repressalien ausgesetzt sahen; dass Offiziere ungeachtet ihrer Gewalttaten auf der Karriereleiter weiter nach oben kletterten, während die ihnen untergebenen Opfer aus den Streitkräften hinausgedrängt wurden; dass schließlich in Fällen, in denen es zu Urteilssprüchen durch Militärgerichte gegen Vergewaltiger kam, die verurteilten Täter von Generälen und Admiralen oft bald begnadigt wurden.

          Der damalige Verteidigungsminister Leon Panetta legte nahe, dass der in Sundance als beste Dokumentation ausgezeichnete und später auch für einen Oscar nominierte Film von möglichst vielen Offizieren und Soldaten gesehen werden sollte. Nach Schätzung des Filmverleihs haben im vergangenen Jahr rund 235.000 Männer und Frauen in Uniform den vielfach preisgekrönten Dokumentarfilm gesehen. Bei der Luftwaffe gehört der Film zum Pflichtprogramm für alle kommandierenden Offiziere. Vor einiger Zeit ist bekannt geworden, dass auf der Luftwaffenbasis Lackland nahe San Antonio in Texas mehr als 30 Ausbilder Dutzende junger Rekrutinnen missbraucht haben.

          Wichtiger noch als Aufklärung über die Missstände ist freilich die Bestrafung der Gewalttäter. Nach Angaben des Pentagons wurden im vergangenen Jahr 3374 Fälle von sexueller Gewalt bei den Streitkräften gemeldet, das waren sechs Prozent mehr als 2011. Selbst das Pentagon geht aber von einer hohen Dunkelziffer aus und schätzt, dass es täglich mehr als 50 Fälle von sexuellen Übergriffen gibt. Gut sechs Prozent aller Frauen im aktiven Dienst berichteten in einer anonymen Umfrage von solchen Übergriffen in den zurückliegenden zwölf Monaten; bei den Männern waren es 1,2 Prozent.

          Auch Präsident Barack Obama hat sich jetzt in die Debatte eingeschaltet. Sexuelle Gewalt bei den Streitkräften müsse unnachgiebig bestraft werden, forderte er: „Wenn wir herausfinden, dass sich jemand solcher Dinge schuldig gemacht hat, dann muss er zur Rechenschaft gezogen, von einem Militärgericht bestraft, degradiert und unehrenhaft entlassen werden. Punktum.“ Verteidigungsminister Chuck Hagel zeigte sich „angewidert und schockiert“ von der hohen Zahl sexueller Übergriffe bei den Streitkräften und von der Festnahme von Oberstleutnant Krusinski. Den Kampf gegen sexuelle Gewalt bezeichnete er als eine der größten Herausforderungen für sein Ministerium. Die demokratische Senatorin Kirsten Gillibrand fordert, dass Opfer von sexueller Gewalt bei den Streitkräften sich künftig nicht mehr zunächst an ihre unmittelbaren Vorgesetzten wenden müssen, sondern ihren Fall direkt vor die oberste Justizinstanz des Pentagons bringen können.

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