Home
http://www.faz.net/-gq5-790de
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 09.05.2013, 17:44 Uhr

Sexuelle Gewalt Täglich Dutzende Übergriffe in Amerikas Militär

Ein amerikanischer Oberstleutnant grapscht betrunken eine Frau an. Der Fall beleuchtet ein Problem des amerikanischen Militärs, das bisher im Dunkeln lag: Täglich gibt es Dutzende sexuelle Übergriffe.

© AFP Frauen beim amerikanischen Militär: Marine-Truppen beim Training in Kalifornien

Vergangenen Samstagabend trank Jeffrey Krusinski zu viel. Kurz nach Mitternacht, offenbar auf dem Heimweg von einer Kneipe zu seiner Wohnung in Arlington nahe Washington, griff er auf einem Parkplatz eine Frau an. Er begrapschte ihre Brüste und ihr Gesäß, doch das Opfer konnte sich dem Zugriff Krusinskis entwinden und rief die Polizei. Die war glücklicherweise nicht weit und konnte den sichtlich betrunkenen Angreifer festnehmen. Nach Hinterlegung einer Kaution in Höhe von 5000 Dollar wurde Krusinski wieder auf freien Fuß gesetzt. Am Donnerstag wurde er wegen des Verdachts auf Körperverletzung und sexuellen Übergriff dem Haftrichter vorgeführt.

Matthias Rüb Folgen:

Jeffrey Krusinski ist 41 Jahre alt und Oberstleutnant der amerikanischen Luftwaffe. Er hatte sich unmittelbar nach dem Abschluss der Schule bei den Streitkräften verpflichtet und diente unter anderem in Afghanistan. Vor gut zwei Monaten übernahm er im Pentagon die Leitung der Abteilung zur Verhinderung von sexuellen Übergriffen bei der Luftwaffe.

Sexuelle Übergriffe keine Einzelfälle

Die absurde Fehlbesetzung dieser Führungsposition wirft ein Schlaglicht auf ein Problem, das die amerikanischen Streitkräfte seit langem plagt und dessen Ausmaß in den vergangenen Monaten in schmerzhafter Deutlichkeit ans Licht gekommen ist. „Unsere Grundwerte und der gegenseitige Respekt sind das Fundament, auf dem die Kultur unserer Streitkräfte fußt - eine Kultur, in welcher wir aufeinander achtgeben und füreinander sorgen“, heißt es in der Aufgabenbeschreibung der zuletzt von Krusinski geführten Abteilung. „Fälle von sexuellen Übergriffen untergraben diese Kultur, deshalb müssen wir eine Arbeitsatmosphäre schaffen, in welcher ein solches Fehlverhalten nicht toleriert wird.“ Nach dem Vorfall vom Wochenende wurde Krusinski seines Postens enthoben.

Indizien, dass sexuelle Übergriffe bei den Streitkräften nicht nur keine Einzelfälle sind, sondern faktisch toleriert werden, gab es indes seit langem. Ein Meilenstein bei der Aufdeckung der Unkultur von Duldung und Vertuschung sexueller Gewalt bei den amerikanischen Streitkräften war der von Kirby Dick und Amy Zierung gedrehte Dokumentartfilm „The Invisible War“ (Der unsichtbare Krieg), der vor einem Jahr beim Sundance Filmfestival in Park City in Utah Premiere hatte. Die Opfer sexueller Gewalt, die in dem Film zu Wort kommen, beklagen übereinstimmend, dass sie sich von den Militärgerichten im Stich gelassen fühlten; dass sich die Opfer und nicht die Täter Repressalien ausgesetzt sahen; dass Offiziere ungeachtet ihrer Gewalttaten auf der Karriereleiter weiter nach oben kletterten, während die ihnen untergebenen Opfer aus den Streitkräften hinausgedrängt wurden; dass schließlich in Fällen, in denen es zu Urteilssprüchen durch Militärgerichte gegen Vergewaltiger kam, die verurteilten Täter von Generälen und Admiralen oft bald begnadigt wurden.

Der damalige Verteidigungsminister Leon Panetta legte nahe, dass der in Sundance als beste Dokumentation ausgezeichnete und später auch für einen Oscar nominierte Film von möglichst vielen Offizieren und Soldaten gesehen werden sollte. Nach Schätzung des Filmverleihs haben im vergangenen Jahr rund 235.000 Männer und Frauen in Uniform den vielfach preisgekrönten Dokumentarfilm gesehen. Bei der Luftwaffe gehört der Film zum Pflichtprogramm für alle kommandierenden Offiziere. Vor einiger Zeit ist bekannt geworden, dass auf der Luftwaffenbasis Lackland nahe San Antonio in Texas mehr als 30 Ausbilder Dutzende junger Rekrutinnen missbraucht haben.

Wichtiger noch als Aufklärung über die Missstände ist freilich die Bestrafung der Gewalttäter. Nach Angaben des Pentagons wurden im vergangenen Jahr 3374 Fälle von sexueller Gewalt bei den Streitkräften gemeldet, das waren sechs Prozent mehr als 2011. Selbst das Pentagon geht aber von einer hohen Dunkelziffer aus und schätzt, dass es täglich mehr als 50 Fälle von sexuellen Übergriffen gibt. Gut sechs Prozent aller Frauen im aktiven Dienst berichteten in einer anonymen Umfrage von solchen Übergriffen in den zurückliegenden zwölf Monaten; bei den Männern waren es 1,2 Prozent.

Auch Präsident Barack Obama hat sich jetzt in die Debatte eingeschaltet. Sexuelle Gewalt bei den Streitkräften müsse unnachgiebig bestraft werden, forderte er: „Wenn wir herausfinden, dass sich jemand solcher Dinge schuldig gemacht hat, dann muss er zur Rechenschaft gezogen, von einem Militärgericht bestraft, degradiert und unehrenhaft entlassen werden. Punktum.“ Verteidigungsminister Chuck Hagel zeigte sich „angewidert und schockiert“ von der hohen Zahl sexueller Übergriffe bei den Streitkräften und von der Festnahme von Oberstleutnant Krusinski. Den Kampf gegen sexuelle Gewalt bezeichnete er als eine der größten Herausforderungen für sein Ministerium. Die demokratische Senatorin Kirsten Gillibrand fordert, dass Opfer von sexueller Gewalt bei den Streitkräften sich künftig nicht mehr zunächst an ihre unmittelbaren Vorgesetzten wenden müssen, sondern ihren Fall direkt vor die oberste Justizinstanz des Pentagons bringen können.

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Karneval in Köln Mehr sexuelle Übergriffe bei Polizei gemeldet

Die Zahl der sexuellen Übergriffe in Köln ist an Weiberfastnacht deutlich gestiegen – laut Polizei hat das vor allem einen Grund. Mehr

05.02.2016, 14:28 Uhr | Gesellschaft
Schockstarre Deutschland nach Silvester

Diebstähle und sexuelle Übergriffe auf Frauen in der Silvesternacht haben über Deutschland hinaus große Empörung ausgelöst. Die deutsche Polizei vermutet, dass hinter den Taten organisierte Banden und auch Flüchtlinge stecken. Mehr

14.01.2016, 13:12 Uhr | Politik
Vereinigte Staaten Pentagon veröffentlicht Fotos misshandelter Gefangener

Das amerikanische Verteidigungsministerium hat einen jahrelangen Rechtsstreit verloren. Es musste 198 Fotos von misshandelten Gefangenen freigeben. Über die Umstände der Bilder ist wenig bekannt. Mehr

06.02.2016, 12:32 Uhr | Politik
Nach Kölner Silvesternacht Opposition will Jägers Rücktritt

Als Konsequenz aus den massenhaften sexuellen Übergriffen auf Frauen in der Kölner Silvesternacht haben CDU und FDP in NRW dem dortigen Innenminister Ralf Jäger den Amtsverzicht nahegelegt. Mehr

14.01.2016, 15:59 Uhr | Politik
Nach Silvesternacht Mehr Polizeieinsätze im Karneval, mehr Anzeigen wegen Sexualdelikten

Die Zahl der Anzeigen wegen Sexualdelikten im Kölner Karneval hat deutlich zugenommen. Insgesamt ist die Polizei aber zufrieden mit ihrer neuen Strategie – es waren so viele Beamte im Einsatz wie nie. Mehr

09.02.2016, 15:38 Uhr | Politik

Der Westen will keinen kalten Krieg

Von Klaus-Dieter Frankenberger

Es wäre wünschenswert, wenn es zu einem neuen west-östlichen Frühling käme. Und wenn man sich vertrauen könnte. Der russische Ministerpräsident hat in München beteuert, Moskau wolle genau das. Es könnte ja etwas dafür tun. Mehr 14 24