http://www.faz.net/-gq5-86m0x

Journalistenmorde in Mexiko : Aufklärung unwahrscheinlich

Demonstranten halten das Konterfei des ermordeten Fotojournalisten Rubén Espinosa in Höhe. Bild: Reuters

Nach der Ermordung des Fotojournalisten Rubén Espinosa in Mexiko wurde schnell ein Verdächtiger verhaftet. Dass die Tat aber wirklich aufgeklärt wird, ist unwahrscheinlich. Zu viele ähnliche Fälle blieben ungesühnt.

          Schon wenige Tage nach der Bluttat vom 31. Juli in Mexiko-Stadt wurde ein „üblicher Verdächtiger“ festgenommen. Der Mann sei wegen Vergewaltigung und Körperverletzung vorbestraft, teilte die Polizei mit. Zudem seien die Fingerabdrücke des Verhafteten am Tatort gefunden worden, hieß es. Der Verdächtige habe zugegeben, in die Wohnung eingedrungen zu sein, in der die fünf Leichen gefunden worden waren. Er habe jedoch bestritten, etwas mit den Morden zu tun zu haben. Die Ermittlungen in der Sache dauerten an.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          „Das ist so ein alter Hut“, sagte Emily Edmonds-Poll, Politik-Professorin an der Universität von San Diego, dem Rundfunksender BBC kurz nach dem raschen „Fahndungserfolg“ der mexikanischen Polizei: „Man verhaftet den nächstbesten Kriminellen und beschuldigt ihn des Verbrechens.“ Immerhin behaupten die Behörden nicht, der fünffache Mord sei aufgeklärt. Vielmehr wurde am Dienstag Javier Duarte, Gouverneur des Bundesstaats Veracruz, vernommen. Duarte ist Mitglied der auch in Mexiko-Stadt regierenden „Partei der Institutionalisierten Revolution“ (PRI) von Präsident Enrique Peña Nieto. Duarte regiert seit 2010 in dem Südost-Staat am Golf von Mexiko. Seit seinem Amtsantritt wurden in Veracruz 14 Journalisten ermordet, so viele wie in keinem anderen Bundesstaat.

          Das Mordopfer berichtete über Machenschaften der Drogenkartelle

          Das letzte Opfer war Rubén Espinosa, ein 31 Jahre alter Fotoreporter aus Veracruz. Seine Leiche, die Folterspuren aufwies, wurde am 1. August in einem von Angehörigen der Mittelschicht bewohnten Viertel im Süden von Mexiko-Stadt gefunden. In der Wohnung fanden die von Nachbarn alarmierten Polizisten außerdem die Leichen der ebenfalls aus Veracruz stammenden Menschenrechtsaktivistin Nadia Vera sowie von drei weiteren Frauen im Alter zwischen 18 und 40 Jahren. Polizei und Staatsanwaltschaft teilten mit, drei der vier Frauen seien vergewaltigt worden. Die Opfer waren außerdem mit Klebeband gefesselt und offenbar gefoltert worden. Alle fünf Leichen wiesen mehrere Schusswunden auf, unter ihnen jeweils ein Kopfschuss.

          Espinosa war unter anderem für das in Mexiko-Stadt erscheinende Wochenblatt „Proceso“, die lokale Nachrichtenagentur AVC und die Fotoagentur „Cuartoscuro“ tätig. Er berichtete als Fotojournalist vor allem über soziale Proteste gegen Behördenwillkür und über Machenschaften der Drogenkartelle. Nachdem er in Veracruz mehrfach bedroht und in der Öffentlichkeit tätlich angegriffen worden war, floh Espinosa im Juni in die mexikanische Hauptstadt. Auch die Aktivistin Nadia Vera hatte sich nach Drohungen in die Hauptstadt abgesetzt. „Wir sehen mit Besorgnis, dass Mexiko-Stadt kein sicherer Zufluchtsort mehr für vertriebene Journalisten ist“, heißt es in einer Mitteilung von „Artículo 19“, der mexikanischen Sektion der internationalen Organisation zur Verteidigung der Menschenrechte und der Meinungsfreiheit „Article 19“. Nach Angaben von „Artículo 19“ wurden seit 2000 in Mexiko 88 Journalisten ermordet und 90 Prozent dieser Morde werden niemals aufgeklärt.

          Dass die Mörder Espinosas und der vier Frauen zur Rechenschaft gezogen werden, muss man deshalb bezweifeln. Mindestens ebenso zweifelhaft erscheint es, dass ausgerechnet Gouverneur Duarte zur Aufklärung der Morde vom 31. Juli beitragen kann. Er sagte zwar am Dienstag vor den Ermittlern aus Mexiko-Stadt aus. Anschließend teilte er mit: „Ich habe in der besagten Aussage alle Fragen beantwortet und deutlich gemacht, dass ich mich absolut von den Vorkommnissen vom 31. Juli in Mexiko-Stadt distanziere.“

          Seine Abneigung gegen renitente Journalisten hat Duarte indes nie geleugnet. Es sind mehrere Aussagen des Gouverneurs überliefert, wonach Journalisten keine Recherchen über Machenschaften von Drogenkartellen und Verbrechenbanden anstellen sollten, weil ihnen dabei etwas zustoßen könnte. Deshalb gebe er Journalisten den Rat, „sich zu benehmen“. Ganz ohne Eigennutz erteilte der Gouverneur den Ratschlag freilich nicht: „Wenn Euch etwas zustößt, dann bin ich es, der ans Kreuz geschlagen wird. Also benehmt Euch!“

          Vor drei Jahren wurde die prominente Journalistin Regina Martínez, die wie Espinosa für das Wochenblatt „Proceso“ gearbeitet hatte, erdrosselt in ihrem Haus in Xalapa, der Hauptstadt von Veracruz aufgefunden. Auch damals wurde rasch ein Verdächtiger festgenommen und für den angeblichen Raubüberfall verantwortlich gemacht. Der Mann rief später vor einem Richter sein Geständnis zurück und gab zu Protokoll, er sei durch Folter zu seiner Aussage gezwungen worden. Dennoch wurde er zu 38 Jahren Gefängnis verurteilt. „Die wirklich Schuldigen wurden nicht ermittelt“, kommentierte das Wochenmagazin „Proceso“ nach der Urteilverkündung zum gewaltsamen Tod seiner Mitarbeiterin Martínez.

          Weitere Themen

          Der erziehbare Deutsche

          WM-Kolumne „Nachgetreten“ : Der erziehbare Deutsche

          Den Deutschen, schrieb der französische Schriftsteller Jacques Rivière vor hundert Jahren, fehle es an Temperament und eigenem Willen. Das passt zum Auftreten der deutschen Fußballnationalmannschaft bei der WM.

          Topmeldungen

          Erdogan und die Wahl : Die türkische Kakophonie

          Erdogans Wiederwahl als türkischer Staatspräsident gilt als sicher – doch seine Partei könnte die Mehrheit im Parlament verlieren. Was geschieht dann?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.