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Veröffentlicht: 30.01.2016, 09:05 Uhr

Vergewaltigungsvorwürfe Kein Sex ohne Yes

Jede fünfte Studentin wird auf dem Campus sexuell genötigt, sagt das Weiße Haus. Die amerikanischen Hochschulen sollen erledigen, was der Strafjustiz selten gelingt: Vergewaltiger aus dem Weg schaffen. Doch sie tun sich schwer.

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© Getty Protest gegen Vergewaltigung: Die Kunststudentin Emma Sulkowicz trug ein Jahr eine Matratze mit sich auf dem Campus, um dagegen zu protestieren, dass der Mann, der sie angeblich vergewaltigt habe, nicht verurteilt wurde.

Als Marissa Blanchard zu sich kam, lag sie neben einem schlafenden Fremden. Sie begann zu begreifen, dass er sie vergewaltigt hatte. Sie stand auf und klaubte ihre Sachen zusammen. Er wachte auf. „Ich muss weg“, stammelte die 19 Jahre alte Studentin, ohne ihn anzugucken. Der unwesentlich ältere Mann bot an, sie zu ihrem Wohnheim zu fahren. Verschüchtert willigte Marissa ein. „Ich hatte ja keinen Schimmer, wo ich überhaupt war.“ Als der Vergewaltiger sie im Morgengrauen am Campus absetzte, bat er Marissa um ihre Telefonnummer. Wortlos lief sie davon. Sie duschte lange. Sie fühlte sich schuldig. Sie weiß bis heute nicht, wer er ist, würde ihn gar nicht erkennen. Dabei ist sie ihm womöglich noch ein paarmal begegnet, denn auch er hat an der Syracuse University studiert.

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Die Journalistik-Studentin hat keine Ahnung, wie sie vor zwei Jahren in die Wohnung ihres Vergewaltigers gelangte. Sie weiß noch, wie sie zwei, höchstens drei Bier getrunken hatte, bevor sie zu einer Party ging. Sie erinnert sich auch noch an die erste halbe Stunde in dem Haus der Studentenverbindung. Da verlief der Abend wie so viele andere, seit die behütet aufgewachsene Tochter einer streng katholischen Familie anderthalb Jahre zuvor aus Illinois zum Studium in den Staat New York gezogen war.

„Aber dann hatte ich einen Filmriss, den einzigen meines Lebens.“ Vertrug sie auf einmal den Alkohol nicht? Oder hatte ihr jemand etwas ins Glas geschüttet? Sie weiß es nicht, aber an einer Gewissheit hält sie sich fest: Sie kann nicht mehr in der Lage gewesen sein, einem Fremden Bereitschaft zum Sex bekundet zu haben. Geschweige denn Lust.

„Behandelt dieses Mädchen, als wäre sie eure Schwester!“

Marissa Blanchard hat den Vorfall nie gemeldet, nicht bei der Campus-Polizei, nicht bei der Stadtpolizei, nicht bei der Hochschulverwaltung. „Ich wollte nicht herausfinden, wer er war, und mich der ganzen Sache stellen“, sagt die Studentin, die in diesem Sommer ihre Abschlussprüfungen ablegen wird. „Ich wollte auch nicht wissen, wer von meinen Freunden alles gesehen, aber nichts unternommen hat.“ Marissa ist an diesem kalten Regennachmittag etwas aufgedreht, denn eben stand der Vizepräsident der Vereinigten Staaten in der Aula ihrer Universität und hat ihren Kommilitonen ins Gewissen geredet.

„Ihr Kerle, die ihr euch für starke Jungs haltet“, rief Joe Biden:„Kriegt eure Är . . ., ich meine: eure Hintern hoch und werdet echte Männer!“ Dann senkte der Dreiundsiebzigjährige die Stimme. Ob auf Partys oder im Wohnheim, man bekomme es doch mit, wenn ein Kumpel eine unwillige oder willenlose Frau abschleppe. Wenn sich also ein Mitbewohner mit einer Studentin davonmache, die nicht mehr bei Sinnen scheine, „dann habt den Schneid, euch einzumischen!“

Im Saal war es still. Der Vizepräsident brüllte: „Behandelt dieses Mädchen, als wäre sie eure Schwester! Als wäre sie eure Mutter! Ihr wisst doch, dass es falsch ist!“ Das Weiße Haus hat sich den Kampf gegen „sexuelle Gewalt“ an Hochschulen zur Mission gemacht. Für Joe Biden, der vor vier Jahrzehnten in Syracuse Jura studierte, ist es eine Herzensangelegenheit, nicht nur an der eigenen Alma Mater. Auch an der Marineakademie von Annapolis sowie an Universitäten in South Carolina und Georgia forderte Biden kürzlich Tausende Studenten persönlich auf, sich auf einer Website zu registrieren und dort drei feierliche Versprechen abzugeben: dass sie eingreifen, statt wegzusehen. Dass Sex kriminell statt einvernehmlich ist, wenn die Partnerin keine Zustimmung geben kann. Und dass alle ein Klima schaffen müssen, in dem sexuelle Übergriffe tabu sind.

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