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Bundespräsident Gauck in Peru : Ein leerer Ort der Erinnerung

„Keine Zukunft ohne Vergangenheit“: Bundespräsident Joachim Gauck wird mit seiner Lebensgefährtin Daniela Schadt von Präsident OIlanta Humala und dessen Frau Nadine Heredia empfangen. Bild: dpa

Mit deutscher Unterstützung ist in Peru eine Gedenkstätte für die Opfer des Terrors entstanden - doch die Mächtigen tun sich schwer mit der Vergangenheit.

          Am Portal des Präsidentenpalasts an der Plaza Mayor im Herzen der peruanischen Hauptstadt Lima steht ein Denkmal. Es ist ein rund vier Meter hoher weißer Marmorobelisk auf einem schwarzen Sockel. Eingeweiht hat es im Mai 2009 der damalige Präsident Alan García. Der Obelisk ist dem Gedenken der „4357 Verteidiger des Vaterlandes und der Demokratie“ gewidmet, die „Opfer terroristischer Verbrechen“ wurden: Angehörige der Streitkräfte und der Polizei sowie Politiker und Behördenvertreter. Jeden Tag zur Mittagszeit findet im Ehrenhof vor dem neobarocken Prachtbau der farbenfrohe Wachwechsel des Dragonerregiments statt.

          Matthias Rüb

          Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in São Paulo.

          Der Obelisk für die „Opfer terroristischer Verbrechen“ gehört gewissermaßen zum Inventar einer Zeremonie, mit welcher sich die Republik Peru täglich ihrer Geschichte vergewissert - von der 1821 erstrittenen Unabhängigkeit von den spanischen Kolonialherren bis zur stabilen und prosperierenden Demokratie der Gegenwart. Der leidvollen Epoche des Terrorismus von 1980 bis 2000 wird das Denkmal vor dem Präsidentenpalast freilich nicht gerecht. In den Jahren des Terrors der maoistischen Guerrilla „Sendero Luminoso“ (Leuchtender Pfad) und der aus dieser hervorgegangenen „Revolutionären Bewegung Túpac Amaru“ (MRTA) ließen nicht nur 4357 Sicherheitskräfte und Staatsvertreter ihr Leben. Die allermeisten der rund 70.000 Opfer des blutigen Kampfes zwischen linken Terrorgruppen und peruanischem Militär waren Zivilisten, und die Muttersprache von drei Vierteln dieser zivilen Opfer wiederum war das indigene Quecha.

          Anders als für die 4357 Opfer des Terrors unter Sicherheitskräften und Staatsvertretern gibt es für die ungleich größere Zahl von Ermordeten und Verschwundenen unter der überwiegend indigenen Zivilbevölkerung noch immer kein nationales Gedenkmonument - sieht man von verschiedenen Dokumentations- und Erinnerungsstätten ab, die in der besonders gezeichneten Andenregion im Süden von Opferverbänden eingerichtet wurden. Dabei hätte diese Lücke im nationalen Aufarbeitungs- und Heilungsprozess der inzwischen gefestigten peruanischen Demokratie längst geschlossen werden können.

          Das eindrucksvolle Gebäude des „Lugar de la Memoria“ (Ort der Erinnerung) steht seit neun Monaten bezugsfertig im Stadtteil Miraflores und wartet darauf, mit Inhalt und Leben gefüllt zu werden. Deutschland hat den Bau der Gedenkstätte mit 4,5 Millionen Euro mitfinanziert, auch Schweden hat Mittel bereitgestellt. Doch die Gestaltung der geplanten Dauerausstellung ist politisch heftig umstritten. Von unabhängigen Fachleuten vorgestellte Konzepte, die Opfer- und Täterschaft beider Seiten gleichermaßen beleuchten sollen, bleiben im Gremiendschungel der Ministerien hängen.

          Viel spricht dafür, dass auch der seit Juli 2011 amtierende Präsident Ollanta Humala mehr als nur ein Wörtchen dabei mitreden will, wie sich Peru im nationalen „Lugar de la Memoria“ seine blutige jüngere Geschichte vergegenwärtigt. Schließlich ist Humala pensionierter Oberstleutnant des peruanischen Heeres, und er war 1992 im Stützpunkt Madre Mía bei Pacayacu in den Anden stationiert, von wo aus Soldaten bei Aktionen gegen die vorgeblich mit dem „Leuchtenden Pfad“ verbündete Zivilbevölkerung Menschenrechtsverletzungen begangen haben sollen. Auch der frühere Präsident Alan García, in dessen erste Amtszeit von 1985 bis 1990 berüchtigte Massaker der Streitkräfte an der indigenen Bevölkerung fallen, soll nach Kräften das Ausstellungskonzept torpedieren.

          Das Museum „Lugar de la Memoria“ in Lima vor dem Besuch von Bundespräsident Gauck
          Das Museum „Lugar de la Memoria“ in Lima vor dem Besuch von Bundespräsident Gauck : Bild: dpa

          In diese anhaltende Phase des mitunter heftig geführten Nationaldisputs fällt dieser Tage die Visite von Bundespräsident Joachim Gauck - der erste Staatsbesuch eines Bundespräsidenten in Peru seit 1964. Am Samstag eröffnete Gauck im Beisein von Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa, der als intellektueller Mentor das Projekt des „Lugar de la Memoria“ maßgeblich unterstützt hat, eine provisorische Ausstellung zur Geschichte des Konflikts von 1980 bis 2000. „Deutschland hat ein Beispiel gesetzt, wie man eine Gewaltherrschaft überwinden kann: durch Aufzeigen statt durch Verbergen“, sagte Vargas Llosa mit Blick auf die Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung von 1990.

          Die für den Besuch Gaucks und die Museumseröffnung herbeigeschafften Schautafeln konnten die Ausstellungsräume freilich nicht füllen - weder räumlich noch inhaltlich. Im Auditorium des Museums hielt Gauck vor einem überwiegend jungen Publikum eine geradezu beschwörende Rede zum Thema „Es gibt keine Zukunft ohne Vergangenheit“. Wie schon bei seinem Besuch in Kolumbien 2013 bot Gauck auch in Peru die Hilfe Deutschlands bei der Aufarbeitung des Traumas einer von Gewalt und Unrecht geprägten Geschichtsepoche an. Der Impuls sei verständlich, die Vergangenheit zu verdrängen und „nach vorne zu schauen“, sagte Gauck, doch das Verschüttete trete spätestens nach einer Generation wieder zutage. „Eine Nation verliert sich nicht, wenn sie ihre Schuld bekennt“, sagte der Bundespräsident.

          Der linke Terror wie auch der Gegenterror von Armee und Polizei wüteten vor allem in der Andenregion Ayacucho im Süden des Landes. In der Hauptstadt Lima an der Pazifikküste rief sich der Terror durch gelegentliche Bombenanschläge und Attentate in Erinnerung, doch zu dem von studentischen Sympathisanten der Guerrilleros erhofften und angeheizten „Befreiungskrieg“ in den Städten kam es nicht. Im Juni und im September 1992 gelang den peruanischen Sicherheitskräften mit den Festnahmen von Abimael Guzmán, dem Anführer des „Leuchtenden Pfads“, sowie von Víctor Polay Campos, dem Chef der MRTA, die entscheidenden Schläge gegen die Terroristen. Es dauerte noch weitere acht Jahre, bis die Epoche des Terrors im Jahre 2000 zu einem Ende kam. Guzmán und Polay Campos sind heute 80 beziehungsweise 63 Jahre alt. Sie wurden zu langjährigen Freiheitsstrafen verurteilt und sitzen beide im Hochsicherheitsgefängnis Callao im Hafenbezirk von Lima - im gleichen Gefängnis übrigens wie der berüchtigte langjährige Geheimdienstchef Vladimiro Montesinos, der hinter zahlreichen Massakern des staatlichen Gegenterrors steckt und schließlich über seine Verbindungen zu Drogenkartellen und wegen massiver Bestechung von Politikern, Militärs und Medienvertretern zu Fall kam.

          Schon 2001 wurde die unabhängige Wahrheits- und Versöhnungskommission ins Leben gerufen, deren beispielhafte Arbeit - etwa die Anhörung von rund 16.000 Zeugen - als Meilenstein in Perus Prozess der Aufarbeitung der Vergangenheit gilt. Für 54 Prozent der Todesopfer machte die Kommission in ihrem 2003 vorgelegten Abschlussbericht den „Leuchtenden Pfad“ verantwortlich; dem peruanischen Militär und paramilitärischen Gruppen wurde die Verantwortung von immerhin 42 Prozent der Opfer zur Last gelegt.

          „Opfer werden gütig, wenn die Täter ihre Schuld bekennen“, sagte Gauck bei seiner Rede zur Museumseröffnung. Diese Überzeugung hat Gauck auch bei seinen Gesprächen unter vier Augen mit Präsident Ollanta Humala immer wieder bekräftigt. Ob der Rat auf offene Ohren gestoßen ist, wird sich nicht zuletzt im „Lugar de la Memoria“ zeigen. Der Konsens im Umgang mit der Vergangenheit war in Peru stabil genug, um einen Ort der Erinnerung zu bauen. Bisher war dieser Konsens aber zu schwach, um diesen Ort auch auszufüllen.

          Quelle: F.A.Z.

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