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Latrinenreiniger in Haiti : Knochenarbeit in beißendem Gestank

Harte, verpönte Arbeit: Cadet Saurel bei der nächtlichen Beseitigung von Exkrementen. Bild: Jochen Stahnke

Haiti leidet unter seinen Exkrementen. Sauberes Wasser ist teuer und rar. Latrinenreiniger sind derzeit wichtiger denn je – denn sie halten die Cholera fern.

          Es ist jetzt zehn Uhr am Abend, aber bevor Cadet Saurel mit der Arbeit beginnt, nimmt er noch einen ordentlichen Schluck Rum aus der Plastikflasche. Der Geruch von Fäkalien und Chemikalien beißt in der Nase. Die warme Nachtluft ist klebrig vom Staub. Auf Saurels Schädel sitzt ein abgewetzter Strohhut, aus seinem ledrigen Gesicht sprießt ein fransiger Bart.

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Zunächst trägt Saurel ein ballonhaftes kariertes Hemd und eine graue Hose. Sie sind ihm viel zu groß. Dann zieht er sich bis auf die Unterhose aus, flucht irgendetwas und klettert in die Latrine. Bis zu den Brustwarzen steckt er in der grünbraunen Brühe.

          Saurel verkörpert das Sanitärsystem Haitis. Er ist Latrinenreiniger, ein Bayakou – jene angeblich unberührbare und stigmatisierte Figur, die niemand zu Gesicht bekommt. Saurel sieht das etwas pragmatischer. „Arbeit ist Arbeit“, sagt er. „Und Arbeit ist immer gut.“ Cadet Saurel und seine Mannschaft arbeiten immer im Schutze der Dunkelheit. Dass sie nachts arbeiten, sagt Saurel, habe damit zu tun, dass die Haitianer den kümmerlichen Beleg der eigenen Existenz einfach nicht sehen wollen.

          Nachts sind sie unsichtbar

          Sein Beruf ist so verpönt, dass viele Latrinenarbeiter selbst ihren Angehörigen nicht verraten, was sie wirklich machen. Seit in Haiti die Cholera ausgebrochen ist, sind die Bayakou wichtiger denn je – und so gefährdet wie nie. Haiti hat außer in winzigen Enklaven der Oberschichtenviertel bis heute kein Sanitärsystem.

          Die milliardenschweren Hilfsgelder der internationalen Gemeinschaft flossen zum größten Teil an der Regierung vorbei in hohe Gehälter für die eingeflogenen Entwicklungshelfer, in die Anschaffung teurer Geländewagen und in größtenteils vorübergehende Maßnahmen: Einige Entwicklungshilfeorganisationen stellten nach dem Erdbeben von 2010 Toilettenkabinen aus Plastik vor die Flüchtlingslager. Nach ein paar Monaten liefen die Verträge der Reinigungskräfte aus und die Toiletten über. Ein paar stehen heute noch herum. Sie werden nicht mehr benutzt.

          Aber noch immer sind die Flüchtlinge da. Tinor, Alfonse, und wie die vierzig anderen hier in diesem Hinterhof von Port-au-Prince heißen. Sie wohnen auf einer verlassenen Baustelle in Delmas, einem Stadtteil der Hauptstadt, in der Nähe des Flughafens.

          Profiteur des Frustes: Der frühere Machthaber Jean Bertrand Aristide wartet auf sein Comeback.
          Profiteur des Frustes: Der frühere Machthaber Jean Bertrand Aristide wartet auf sein Comeback. : Bild: AFP

          Der Bauherr zog vor Jahren nach Miami und verlor das Interesse an dem Grundstück. Nach dem Erdbeben kamen die Menschen. Wer etwas Geld hatte, hängte windschiefe Holztüren in die Betonöffnungen des Rohbaus. Andere müssen ihr Refugium mit Vorhängen abtrennen. Auf dem Dach des Erdgeschosses zelten die, die nichts haben außer Planen, die aus dem Stoff der Reissäcke amerikanischer Hilfslieferungen zurechtgeschnitten wurden.

          Niemand kann sich hier so ganz vom anderen trennen. Schon gar nicht von den Abfällen der eigenen Eingeweide. Vierzig Menschen, vierzig Därme. Nach zwei Jahren war ihre Latrine voll. Sie legten zusammen und riefen den Bayakou.

          Nepalesen brachten die Cholera nach Haiti

          Cadet Saurel und seine zwei Helfer reiben sich die Haut mit einer nach Chlor riechenden Flüssigkeit ein. Einiges davon schütten sie in die Latrine, zur Desinfektion und zur Lockerung der stinkenden Masse. Manch ein Toilettenbenutzer schmeißt Glas oder Metalldosen in die Latrinen. Wer sich daran blutig schneidet und infiziert, kann sterben. „Sechs Mitarbeiter habe ich im Laufe der Jahre verloren“, sagt Saurel. „Aber mit Cholera hatte ich noch nie Probleme.“ Blutende Wunden reiben sie mit Kochbenzin ein und zünden es an.

          Seit vier Jahren wütet die Cholera in Haiti. Direkt mit dem Erdbeben hat der Ausbruch aber nichts zu tun. Die Leichen der geschätzt zwischen 100.000 und 300.000 Toten, die im Januar 2010 manchmal viele Tage unter Schutt oder freiem Himmel lagen, lösten keine Epidemien aus. Es waren nepalische UN-Soldaten, die die Seuche aus Katmandu einschleppten. Dort war die Cholera zuerst ausgebrochen, wie epidemiologische Studien mittlerweile belegen. Der Erregerstamm gleicht jenem in Nepal. Nie zuvor in der Geschichte Haitis ist ein Choleraausbruch dokumentiert worden.

          In Mirebalais, eine Autostunde nördlich von Port-au-Prince, waren die Blauhelme seit Ende 2010 stationiert. Linker Hand fließt dort der Artibonite, der größte Fluss Haitis. Die Latrinen des UN-Stützpunkts wurden von einem örtlichen Unternehmen abgepumpt und mit Lastwagen weggefahren.

          Karibisches Haiti: Das Land spürt heute noch die Folgen des schweren Erdbebens von 2010.
          Karibisches Haiti: Das Land spürt heute noch die Folgen des schweren Erdbebens von 2010. : Bild: F.A.Z.

          Der Einfachheit halber schütteten die Fahrer die infizierten Fäkalien ein paar hundert Meter weiter in offene Gruben neben dem Fluss, in dem sich die Haitianer wuschen und aus dem sie wahrscheinlich auch tranken. Bei Regen oder Überschwemmungen schwappten die Cholera-Fäkalien in den Artibonite. Rasch breitete sich die Seuche bis in die Hauptstadt aus. Bislang sind daran in Haiti rund 9000 Menschen gestorben, mehr als 700.000 haben sich infiziert.

          Diese Zahlen, die jene der Ebola-Epidemie in Westafrika übersteigen, wollen die UN-Sprecher in Haiti nicht kommentieren. Auch Schuldfragen seien falsche Fragen: „Wir müssen auf das Heute schauen“, sagt eine Sprecherin der UN-Truppe Minustah.

          Sauberes Wasser – kostbares Gut

          Cholera wird über mit Fäkalien infizierte Nahrung oder Wasser übertragen. Unbehandelt führt sie binnen Stunden zum Tode. Aber die Behandlung ist kein Hexenwerk. Grundsätzlich müssen Infizierte lediglich mehr Flüssigkeit zu sich nehmen, als sie durch ihren extremen Brechdurchfall ausscheiden.

          Dazu braucht es sauberes Wasser. Aber in Port-au-Prince haben weit weniger als die Hälfte der zwei Millionen Bewohner Zugang zu fließendem Wasser. Sie müssen sich auf die „Gwo Machin“ verlassen – jene schweren Lastwagen amerikanischer Bauart, die privaten Unternehmen gehören, die Wasser verkaufen.

          Brüllend wühlen sich diese jahrzehntealten Ungetüme durch den Verkehr und über die Schlaglöcher der durstigen Stadt. Ein Eimer mit gechlortem Trinkwasser kostet 25 haitianische Gourdes, vierzig Euro-Cent. Das ist ein Vielfaches von dem, was Wasser in Deutschland kostet. Nicht trinkbares Waschwasser wird für fünf Gourdes den Eimer verkauft.

          An der Hand eines Mitarbeiters lässt sich Saurel in die Latrine hinab. Den Zementaufsatz zum Hocken über dem Latrinenloch haben sie aufgeschlagen, damit Saurel hindurchpasst. Dann reichen sie ihm einen Plastikeimer hinunter. Er füllt ihn, sie ziehen den vollen Eimer hoch. So geht es stundenlang. Den stinkenden Inhalt schleppen Saurels Mitarbeiter bis an die Mauer zur Straße, wo sie ein Loch gegraben haben. Aufgeschreckte Hühner flüchten.

          Mit den meisten Häuschen und Baracken stürzten im Januar 2010 auch die Latrinen in sich zusammen. Und mit ihnen die Preise. „Das Erdbeben hat das Geschäft kaputtgemacht“, sagt Saurel. Zum ersten Mal seit drei Wochen habe er wieder einen Job. Das dürre Männchen ist 64 Jahre alt. Saurel trägt eine gewisse Aggressivität in sich, die der Alkohol hervorholt und die wohl auch sein ganzes Leben widerspiegelt. Seine vier Kinder haben auch keine festen Jobs. Bayakou wollte keines von ihnen werden.

          Am anderen Ende des Hofs der Baustellensiedlung steht eine weitere Latrine. Nach zwei Jahren war sie voll. Jemand legte einen Stein über das Loch. Dann wurde sie vergessen. Der Vermieter oder der Mann, der sich als solcher ausgibt, so ganz klar wird das nicht – der jedenfalls, der hier regelmäßig Miete kassiert, ließ vor zwei Jahren eine zweite Toilette bauen.

          Als sie voll war, legten die Familien Geld zusammen für den Bayakou und seine Mannschaft aus Tagelöhnern: achttausend haitianische Gourdes, rund 140 Euro. Hier leben nicht die Ärmsten der Armen, denn die könnten sich gar keine Toilette leisten. Die Ärmsten in den Slums wie Cité Soleil oder in den Zeltlagern, wie es sie auch in der Innenstadt noch gibt, waten in die müllstarrenden Kanäle oder benutzen Plastiktüten, um ihr Geschäft zu verrichten: „Elikoptè“ – Hubschrauber nennt sie der Volksmund, weil die Plastiktüten nach der Benutzung in hohem Bogen weggeworfen werden.

          Die Interamerikanische Entwicklungsbank und Spanien haben rund 180 Millionen Dollar in den Aufbau und Unterhalt eines Sanitärsystems in Haiti investiert. Eine mittelgroße deutsche Stadt wie Frankfurt zahlte im Vergleich für sein Wasser- und Abwassersystem nach heutiger Rechnung anderthalb Milliarden Euro. Jedes Jahr gibt Frankfurt rund sechzig bis siebzig Millionen Euro für Unterhalt, Instandhaltung und Ausbau des bestehenden Netzes aus – bei einer Einwohnerzahl, die weniger als einem Zehntel jener Haitis entspricht.

          Spanien bezahlte Haiti auch die einzige funktionierende Kläranlage des Landes. Die UN hatten nach dem Erdbeben noch eine weitere finanziert. Aber die ist mittlerweile geschlossen: Die Fördergelder zum Unterhalt sind ausgelaufen. Und die Regierung verwendet die zwei Milliarden Dollar ihres kümmerliches Haushalts anderweitig.

          Im Hauptquartier der Wasser- und Sanitärbehörde Dinepa sollen nicht mehr als zehn Mitarbeiter arbeiten. Eine Strategie, Cholera zu bekämpfen, hat die Regierung ebenfalls nicht, sagt ein Mitarbeiter von „Ärzte ohne Grenzen“. Es hänge alles an den Hilfsorganisationen, die ihre Gelder aber zurückfahren.

          „Unter Aristide war alles besser“, sagt Cadet Saurel. Jean-Bertrand Aristide, der sich sozialistisch gebende Demagoge, der Haiti bis 2004 regierte, hat Tausende auf dem Gewissen. Sie wurden von den gefürchteten „Chimères“ getötet, wie die Gangster Aristides damals hießen. Das alles stört Saurel nicht. „Wir hatten zwar mehr Banden als heute, aber auch mehr zu essen.“

          In Haiti finden mittlerweile fast täglich Demonstrationen gegen die Regierung statt. Dahinter steht oft Aristides Lavalas-Partei. Aristide ist aus dem südafrikanischen Exil zurückgekehrt. Im Stadtteil Tabarre hält er sich bereit.

          Proteste in Port-au-Prince : Haiti stellt sich gegen seinen Präsidenten

          Die Regierung traut sich nicht, gegen ihn vorzugehen. Nicht zuletzt, weil er einen Teil der Massen hinter sich hat. Saurel macht bei den Demonstrationen, auf denen zunehmend auch Schüsse fallen, nicht mit. Aber er ist einer von den vielen Haitianern, die von dem angeblichen zarten Wirtschaftsaufschwung unter Präsident Michel Martelly nicht einmal ansatzweise profitieren.

          Es ist weit nach Mitternacht in Delmas. Die Latrine ist leer. Fluchend klettert Cadet Saurel heraus. Er hält sich an einem Draht fest, den seine Arbeiter hinaufziehen. Sie zünden sich erstmal eine Zigarette an, gegen den Gestank. Lange ausruhen können sie nicht. Saurel treibt seine Tagelöhner an. Er will endlich fertig werden. Sie schütten die Grube zu, während sich Saurel den Rest Chlorflüssigkeit über den Körper schüttet und mit Wasser aus der Tonne abspült. Ihre verschmutzen Klamotten begraben die Arbeiter mit in der Grube.

          „Siehst du, was wir machen, um Geld zu verdienen?“, sagt einer der Arbeiter. Jean Rolem heißt er, 24 Jahre ist er alt und so dünn, dass die Rippen hervorstehen. Drei Kinder hat er. Seiner Frau hat er nicht erzählt, was er heute Abend macht. Rolem sagt, es sei nicht leicht, Geld für die Schulgebühren aufzutreiben. Als Bayakou verdiene man zwar am meisten, aber solche Jobs seien rar. Meist schlägt er sich als Gelegenheitsarbeiter auf Baustellen durch. Immerhin muss er keine Miete zahlen: Er wohnt in einem Verschlag in einem Elendsviertel am Rande des Viertels. Dort brauchen sie keine Bayakou. Sie haben Plastiktüten.

          Quelle: F.A.Z.

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