17.04.2009 · Die mittelamerikanischen Länder freuen sich darauf, dass Präsident Obama zu ihnen kommt. Nur in Venezuela und auf Kuba ist man nicht glücklich, war George Bush doch das bessere Feindbild.
Von Matthias Rüb, Port-of-SpainAls die große Weltpolitik zunächst zu Wasser und dann in der Luft in die kleine Karibiknation Trinidad und Tobago einzog, da staunten und stöhnten die Menschen. Die Zeitungen zählten die Minuten bis zum Startschuss des Gipfels und quollen über mit identischen Exlusivberichten, die Organisation brach schon bei der Ausgabe der Akkreditierungen zusammen.
Zu Lande ging sowieso nichts mehr, zumal um die „Rote Zone“ am Hafen, wo von Freitag bis Sonntag in einem nagelneuen Hotel und Konferenzzentrum der Fünfte Amerika-Gipfel stattfindet. Dort werden sich am Wochenende auch keine ungeliebten Vierbeiner unbefugt Zutritt verschaffen, denn die Hundefänger von Port-of-Spain haben seit Tagen praktisch rund um die Uhr gearbeitet.
Ausgangssperre während Obama da ist
Zu Wasser hatten schon am Dienstag zwei riesige Kreuzfahrtschiffe, die freilich noch keinen einzigen Passagier an Bord hatten, Port-of-Spain erreicht, die Hauptstadt der Republik der beiden ungleichen ostkaribischen Inseln Trinidad und Tobago. Die „Princess“ und die „Carnival“ werden gebraucht, um Journalisten und Sicherheitskräfte unterzubringen.
Denn anders als das beschauliche Tobago ist die von der Petroindustrie und vom Bankgewerbe geprägte geschäftige Insel Trinidad nicht auf große Besucherströme eingerichtet: Sie verfügt gerade einmal über 1700 Hotelbetten. 96 Prozent der Einwohner des Karibikstaates leben auf Trinidad, der Rest versorgt auf dem kleinen, nordöstlich gelegenen Tobago die dort kasernierten Pauschaltouristen.
An diesem Freitag wird der amerikanische Präsident Barack Obama mit seinem Dienstflugzeug „Air Force One“ auf dem Piarco-Flughafen östlich von Port-of-Spain landen. Für die Ortschaften rings um den Flughafen gilt faktisch eine dreitägige Ausgangssperre, der Linienverkehr der Busse und Sammeltaxis in der Stadt selbst wurde neuen Regeln und Fahrtrouten unterworfen, die wie so vieles andere dieser Tage als schlechterdings historisch zu gelten haben.
Um ein Armenviertel - so etwas gibt es auch in der Hauptstadt eines relativ wohlhabenden Karibikstaates wie Trinidad und Tobago - wurde eilig eine Mauer als Sichtblende errichtet. Die Straßen wurden gefegt, Randsteine geweißelt, Fassaden gestrichen.
Ein Coup in der Karibik
Um zu ermessen, was es für die seit 1962 unabhängige ehemalige britische Kronkolonie mit ihren heute etwa 1,3 Millionen Einwohnern sowie für die Hauptstadt Port-of-Spain und deren gut 71.000 Menschen bedeutet, einen Gipfel wie jenen von diesem Wochenende auszurichten, möge man sich an Obamas Europa-Reise von Anfang April erinnern. Dort war der amerikanische Präsident die am besten geschützte und am sehnlichsten erwartete Hauptattraktion.
Für Trinidad und Tobago sowie für den ob Stolz und Aufregung strahlenden Premierminister Patrick Manning ist die Ausrichtung des „Fifth Summit of the Americas“ ein Coup wie die Zusammenlegung eines Nato- und eines Weltwirtschaftsgipfels - und das in der Karibik.
Das erste Treffen war in Miami
Denn die Organisation Amerikanischer Staaten (OAS), in welcher die 35 Länder der westlichen Hemisphäre von Alaska bis nach Feuerland mit ihren etwa 900 Millionen Menschen zusammengeschlossen sind, pflegte ihre Gipfeltreffen bisher im Norden oder im Süden des amerikanischen Kontinents abzuhalten.
Zwar gibt es die OAS, deren Hauptquartier sich in der amerikanischen Hauptstadt Washington befindet, schon seit 1948. Aber das erste formale Gipfeltreffen fand erst 1994 in Miami in Florida statt. Prinzipiell sollten die Amerika-Gipfel zur Förderung der Demokratie und des Freihandels alle vier Jahre stattfinden, auch wenn der Rhythmus mitunter etwas durcheinandergeriet. 1998 war Santiago in Chile mit dem zweiten Gipfel an der Reihe, 2001 Québec in Kanada mit dem dritten und Mar del Plata in Argentinien 2005 schließlich mit Gipfel Nummer vier.
Dass die Staats- und Regierungschefs aus dem Norden und dem Süden des Kontinents sich dieses Mal sozusagen auf halbem Wege in der Karibik treffen, ist von großer symbolischer Bedeutung für die Völker dieser Inselwelt. Zudem könnte die relativ abgelegene Destination Port-of-Spain auf Tobago manchen Globalisierungsgegner davon abhalten, wie noch in Québec in Kanada und Mar del Plata in Argentinien massenhaft friedlich - oder in der eingespielten Kleingruppe gewalt- und medienwirksam - gegen das wirtschaftliche Zusammenwachsen der Welt zu protestieren.
Michelle Obama kommt nicht mit
Nach offizieller Darstellung soll es beim fünften Amerika-Gipfel, zu dem in Port-of-Spain gut 6000 Delegierte und Besucher sowie mehr als 1200 akkreditierte Journalisten erwartet werden, um die „Förderung des menschlichen Fortschritts, der Energiesicherheit und der Umweltvertäglichkeit“ gehen. Tatsächlich ist die Veranstaltung vor allem die zweite Etappe der internationalen Vorstellungsreise Obamas.
Der bringt zwar, anders als beim Auftakt in Europa und zur großen Enttäuschung des hiesigen Publikums, seine Frau Michelle nicht nach Trinidad mit. Aber die amerikanische Delegation ist mit gut 1000 Mitgliedern, zu der allein mehr als 100 Beamte des „Secret Service“ gehören, noch immer mit Abstand die größte.
Die Amerikaner haben nicht nur das Hilton-Hotel auf den Hügeln über dem Queens Park, von welchen sich ein prächtiger Blick auf den Hafen und die Hochhäuser von Port-of-Spain bietet, komplett in Beschlag genommen. Sie behalten auch sonst von oben herab alles im Auge. Auf dem Flughafen des nördlich benachbarten Inselstaates Grenada, wo einst Ronald Reagan mit der Invasion von 1983 gewissermaßen seine Visitenkarte in der Karibik abgegeben hatte, wurden für die Zeit des Gipfels mindestens anderthalb Dutzend F-15-Jagdbomber der amerikanischen Luftwaffe stationiert.
Und wenn spät am Abend die eindringlichen „Steel Pan“-Trommeln der Kalypso- und Soca-Musikgruppen im Queen's Park verklungen sind, dann hört man immer noch das leise Dröhnen der Propeller eines ferngesteuerten und reichlich mit Überwachungskameras bestückten Luftschiffs, das seit Tagen im karibikblauen Himmel mit den sandstrandweißen Wolken patrouilliert.
Die Kameras bleiben für das nächste Mammut-Ereignis
Dass zur Vorbereitung des Amerika-Gipfels an fast jeder zweiten Straßenlaterne am Curchill-Roosevelt Highway Überwachungskameras montiert wurden, dürfte sich auch nach der Abreise der 34 Staats- und Regierungschefs aus Port-of-Spain als nützlich erweisen. Denn schon im November werden die Hauptstadt von Trinidad und Tobago sowie die Mannschaft um Premierminister Patrick Manning schon das nächste Mammut-Ereignis zu stemmen haben: Dann kommen 55 Staats- und Regierungschefs des britischen Commonwealth zu einem Gipfeltreffen zusammen - die Queen und die Präsidenten Indiens und Pakistans wahrscheinlich eingeschlossen.
Außerdem wird die fast flächendeckende Kameraüberwachung der Hauptstraßen der einheimischen Polizei künftig beim Kampf gegen die grassierende Gewaltkriminalität und gegen das Rowdytum meist junger Autofahrer helfen, deren blutige Ergebnisse nur für die Zeit des historischen Amerika-Gipfels von den Titelblättern der sehr bunten Tageszeitungen verdrängt wurden.
Ein wichtiger Termin für Chávez
Der nordöstliche Zipfel der Insel Trinidad, deren Einwohner afrikanischer, indischer, chinesischer und europäischer Herkunft, christlichen, hinduistischen und muslimischen Glaubens in aller Regel erstaunlich friedlich zusammenleben, liegt nur elf Kilometer von Venezuela am südamerikanischen Festland entfernt. Das ist ein Katzensprung für den venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez, der bei seinen geostrategisch angelegten Auslandsreisen ganz andere Dimensionen zurückzulegen pflegt. Doch das panamerikanische Gipfeltreffen im karibischen Hinterhof ist für Chávez ein immens wichtiger Termin.
Der allseits verachtete George W. Bush, der die ideale Projektionsfläche für die Karikatur des Yankees mit Cowboystiefeln und des notorischen Invasoren abgab, ist Vergangenheit. Gegenwart ist das einnehmende Lächeln des charmanten Obamas, der aller Welt die Hand ausstreckt und dazu noch von schwarzer Hautfarbe ist.
Obamas Charisma ist ein Problem für antiamerikanische Propaganda
Denn: Menschen mit dunkler Hautfarbe in der Karibik und vor allem in Lateinamerika erfahren täglich den Rassismus ihrer angeblich „farbenblinden“ Gesellschaften, und dass es gerade in den Vereinigten Staaten ein Schwarzer ins Zentrum der Macht im Weißen Haus geschafft hat, untergräbt die antiamerikanische Propaganda des Populisten Hugo Chávez. Und auch die von dessen kommunistischen Verbündeten auf Kuba, die allesamt weißer Hautfarbe sind.
Für Chávez, dessen regionale und globale Ambitionen von sinkenden Erdölpreisen und einer strukturell bedingten Rezession daheim ohnedies gestutzt werden, ist der charismatische Obama eine große Gefahr. Nicht umsonst wird man in Caracas und Havanna nicht müde, Obama gleichsam als etwas eingedunkelte Kopie George W. Bushs hinzustellen.
Diesen Angriffen könnte Obama aber gewachsen sein. Ordnungsgemäß hat er in einer Mitteilung, die am Donnerstag von den Medien in Trinidad und Tobago, anderswo in der Karibik und in Lateinamerika ausführlich zitiert wurde, beklagt, dass die Vereinigten Staaten in der jüngeren Vergangenheit „zu selten ein fortgesetztes Engagement mit unseren Nachbarn gepflegt“ hätten. Damit sei es nun vorbei, fortan werde man zuhören und zusammenarbeiten.
Kuba nimmt nicht teil
Als Zeichen für diesen Richtungswechsel nennt Obama die Lockerung der Sanktionen gegen Kuba, und Kuba wird ein wichtiges Thema des Amerika-Gipfels in Trinidad sein, obwohl oder vielmehr gerade weil Kuba nicht dabei ist. Die Mitgliedschaft Havannas in der OAS ruht seit 1962, weil die OAS mit diesem Schritt seinerzeit gegen die Machtergreifung der Kommunisten um Fidel und Raúl Castro auf Kuba protestierten.
Gewissermaßen präemptiv hat Fidel Castro wissen lassen, dass Havanna keine Wiederaufnahme der Mitgliedschaft in der als "Kolonialistenklub" bezeichneten OAS wünsche - obwohl Chávez, der brasilianische Präsident Lula da Silva und andere Staats- und Regierungschefs der Region die Forderung nach Wiederzulassung Kubas in die OAS auf dem Gipfel in Port-of-Spain eindringlich stellen werden.
Nicht um die Themen aus dem Programmheft wird es vor allem gehen beim ersten karibischen Gipfel der amerikanischen Staaten, sondern um die Wiederkehr der Vereinigten Staaten unter Präsident Barack Obama als respektierter und mächtiger Partner in einer nun schon seit Jahren vernachlässigten Region. Dieses Machtvakuum haben zuletzt China und Russland zu füllen versucht, und Hugo Chávez und die Castros haben sich als deren geostrategische Cicerones angeboten. Jetzt aber kommt Obama. Proteste gegen die Globalisierung und gegen die Vereinigten Staaten werden in Port-of-Spain für das Wochenende nicht erwartet.
Matthias Rüb Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.
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