21.01.2005 · Amerika hört die religiösen Botschaften in Präsidentenreden immer wieder gerne. George W. Bush lehnt sich an Zitaten seiner Vorgänger an. Nur wenige Reden handelten nicht vom Allmächtigen.
Von Matthias Rüb, WashingtonEine „Freiheitsrede“ hatte George W. Bush seit Wochen für die Vereidigungszeremonie angekündigt - in beiläufigen Bemerkungen zu Vertrauten und auch zu Journalisten. Eine eindrucksvolle, nachgerade donnernde „Freiheitsrede“ hat er am Donnerstag zu Füßen des Kapitols in Washington und vor den aufmerksamen Augen und Ohren der Welt gehalten.
In den etwa 20 Minuten kamen die Wörter „freedom“ und „liberty“ als Substantive zwei dutzendmal vor, rechnet man die Adjektive hinzu, kommt man gar auf 42 Erwähnungen -; das wäre im Durchschnitt eine Erwähnung jede halbe Minute. Die Ländernamen Afghanistan, Irak oder auch Iran kamen nicht vor, ebensowenig die Wörter „Terrorismus“ oder „Krieg“. Der Gegner der Freiheit trug in Bushs Rede den Namen „Tyrannei“.
Keine Scham
Freiheit gegen Tyrannei also hieß die große Dichotomie, und zwar gottgewollte Freiheit gegen menschengemachte Tyrannei. Die Rede Bushs trug unverkennbar die Handschrift seines scheidenden Chefredenschreibers Michael Gerson, eines evangelikalen Episkopalianers. Und die Rede trug die Handschrift der amerikanischen Geschichte als der Geschichte einer Nation mit einer unerschütterlichen „Zivilreligion“, in welcher der Glaube an die eigene Auserwähltheit, an den Gottesauftrag, die Mission zur Verbreitung des Guten und der Freiheit in der Welt eine entscheidende Rolle spielt.
Der Historiker Walter Russell Mead hat in diesem Zusammenhang den treffenden Begriff geprägt, Amerika habe einen „nationalen Messias-Komplex“ - und das zumal für viele europäische Augen und Ohren Schlimme daran ist, daß sich kaum einer dieses irgendwie biblischen „Messias-Komplexes“ schämt - weder bei Demokraten noch bei Republikanern. Er wird im Gegenteil zu symbolisch aufgeladenen Anlässen wie Reden von Präsidenten zur Amtseinführung oder zur „Lage der Nation“ ausführlich zelebriert. Man kann das als archaisch, als „vormodern“, gar als gefährlich primitiv abtun, doch man sollte es immerhin zur Kenntnis nehmen. Und zwar auch als Teil der amerikanischen „Volksseele“, die recht stabil „sonnig“ ist und immer wieder gerne die Botschaft hört, daß alles immerzu sogar noch besser wird und „unsere besten Tage noch vor uns liegen“.
Religion und Freiheit: Hand in Hand
Vielleicht sind die Vereinigten Staaten von Amerika die einzige moderne Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft, die vom „Kältesturm“ der Säkularisierung nicht wirklich erfaßt und verändert wurde. Amerika ist ein gläubiges Land, das religiöse Leben ist vital und bis zur Unübersichtlichkeit vielfältig, die Parkplätze an Freitagen, Samstagen und Sonntagen sind vor Moscheen, Synagogen und Kirchen gleichermaßen gut gefüllt, weil der Gang zum Gottesdienst für weit mehr Menschen als etwa in den meisten Ländern Europas zum Wochenlauf dazugehört.
Weil Amerika nie autoritäre Staatskirchen wie die europäischen kannte - vor denen liefen die Pilgerväter ja gerade davon, um ihren eigenen Glauben in der Neuen Welt ungehindert praktizieren zu können -, waren Religion und Freiheit immer verschwistert, fochten Hand in Hand für Gottes Willen und der Menschen Glück.
Pluralität des Glaubens
Von Präsident Dwight D. Eisenhower ist der Satz überliefert: „Unsere Nation ist auf den Glauben gegründet - und mir ist es gleichgültig, welcher Glauben es ist.“ Auch Präsident George W. Bush bekannte sich in seiner Rede vom Donnerstag ausdrücklich zu dieser Pluralität des Glaubens und religiöser Lebensform. Schon vor vier Jahren, bei seiner ersten Antrittsrede, hatte Bush von „Kirchen, Synagogen und Moscheen“ gesprochen, die „unseren Gemeinden ihr menschliches Antlitz verleihen“ und deshalb vom Staat bei deren karitativen Aufgaben mehr Unterstützung erhalten sollen. Am Donnerstag nannte er „die Wahrheiten vom Sinai“ (die Zehn Gebote, die Gott Mose und dem jüdischen Volk gab), die Bergpredigt Jesu Christi, „die Worte des Korans und die unterschiedlichen Glauben unseres Volkes“ als Grundlage für das „Charaktergebäude“ Amerikas, das die Ideale von Gerechtigkeit, Freiheit und gutem Lebenswandel beherbergt - „gestern, heute und in Ewigkeit“.
Das Denkmotiv von der auserwählten Nation wies Bush - anders als zahlreiche seiner Vorgänger an gleicher Stelle - übrigens zurück. Das „vollständige Vertrauen in den letztlichen Triumph der Freiheit“ speise sich nicht aus dem Glauben an die Unausweichlichkeit des Geschichtsverlaufs oder „weil wir uns als auserwählte Nation verstehen, denn Gott handelt nach Seinem Willen“. Vielmehr fuße diese Zuversicht auf dem Umstand, daß „Freiheit die bleibende Hoffnung aller Menschen, der Hunger an dunklem Ort, das Verlangen der Seele“ sei.
Anspielung auf Lincolns Zitat
Die messianische Dimension in der amerikanischen Großstrategie ist ein Ausfluß der festen Überzeugung von Generationen von Amerikanern, daß die amerikanische Gesellschaftsform die bestmögliche ist und die Welt im ganzen besser dastünde, wenn sie amerikanischer würde. Wenn Abraham Lincoln in seiner Jahresbotschaft an den Kongreß vom 1. Dezember 1862 die Vereinigten Staaten als „letzte beste Hoffnung der Erde“ bezeichnet, dann fällt er nicht aus dem Rahmen - und George W. Bush spielte auf das berühmte Zitat Lincolns, dessen zweite Antrittsrede von 1865 in ihrer Wucht und Schönheit bis heute als unerreicht gilt, mit dem Satz an: „Die beste Hoffnung für Frieden in unserer Welt ist die Verbreitung von Freiheit in aller Welt.“
Woodrow Wilson schloß seine Rede vor dem Kongreß vom 2. April 1917, in welcher er um eine Kriegserklärung gegen Deutschland bat, mit dem Aufruf: „Amerika hat das noble Vorrecht, sein Blut und seine Macht für die Prinzipien einzusetzen, denen es seine Geburt und sein Glück und den Frieden verdankt, den wir so hochschätzen. Mit Gottes Hilfe können wir nicht anders.“
Eisenhower: Glaube bestimmt unsere ganze Lebensauffassung
Franklin D. Roosevelt, der Amerika von 1933 bis 1945 durch die Zeit der Großen Depression und des Zweiten Weltkrieges führte, wandte sich am 6. Januar 1942 mit folgenden Worten an den Kongreß: „Wir kämpfen heute für Sicherheit, Fortschritt und Frieden, nicht nur um unserer selbst, sondern um aller Menschen willen, nicht nur für eine Generation, sondern für alle Generationen. Wir kämpfen, gleich unseren Vätern, um die Lehre aufrechtzuerhalten, daß vor Gott alle Menschen gleich sind.“ Harry Truman, der Roosevelt nach dessen Tod am 12. April 1945 im Präsidentenamt nachfolgte, schlug nach seiner Wahl für eine weitere Amtsperiode am 20. Januar 1949 den gleichen Ton an wie sein großer Vorgänger: „Wir glauben, daß alle Menschen das Recht auf die Freiheit des Denkens und des Redens haben. Wir glauben, daß alle Menschen als gleiche geschaffen sind, weil sie nach dem Bilde Gottes geschaffen sind.“
Eisenhower, der als in der Schlacht gestählter Weltkriegsgeneral nicht zu Sentimentalitäten neigte, gab am 20. Januar 1953 in der Antrittsrede zu seiner ersten Amtszeit auf den Stufen des Kapitols folgende Marschorder für den Kalten Krieg aus: „Die Welt und wir haben mehr als die Hälfte eines Jahrhunderts fortgesetzter Herausforderungen erlebt. Wir spüren mit all unseren Sinnen, daß die Kräfte des Bösen und des Guten, geballt und bewaffnet, einander gegenüberstehen wie kaum je in der Geschichte zuvor. An diesem Augenblick in der Geschichte müssen wir, die wir frei sind, unseren Glauben aufs neue bekennen. Dieser Glaube bestimmt unsere ganze Lebensauffassung. Er bekräftigt, jenseits aller Debatte, die Geschenke des Schöpfers, die des Menschen unveräußerliche Rechte sind und alle Menschen vor Ihm gleich machen.“ Und schließlich John F. Kennedy, der erste katholische Präsident Amerikas, bekräftigte am 20. Januar 1961 den Glauben, „daß die Rechte des Menschen nicht vom Großmut des Staates herrühren, sondern aus der Hand Gottes“.
Gott in fast aller Munde
Es ist - oft bis zur Wortwahl - der gleiche „Sermon“, den demokratische wie republikanische Präsidenten durch die Jahrhunderte bei Amtseinführungen oder in wichtigen Reden in Krisenzeiten vortragen. Nur Theodore Roosevelt 1905 und Calvin Coolidge 1925 erwähnten in ihren Reden zum Amtsantritt den Allmächtigen nicht. Alle anderen folgten dem Beispiel George Washingtons von 1789, der seinen „ersten offiziellen Akt“ als Präsident mit einem Dank abschloß an jenes „Allmächtige Wesen, welches über das Universum herrscht“.
Matthias Rüb Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.
Jüngste Beiträge