Das ist Amerika. In der Woche, in der seine Regierung zugeben muß, daß ihr epochales Projekt zur Neuordnung des Mittleren Ostens vor dem Scheitern steht, spricht seine Raumfahrtbehörde von der Rückkehr zu den Sternen. Amerika bläst zum Rückzug aus dem Irak und im selben Atemzug zum Aufbruch Richtung Mond und Mars.
Soll es Zufall sein, daß die Amerikaner sich in Zeiten der Demütigung und der Niederlage alter Triumphe erinnern? Die Expeditionen ins Ungewisse, ob in die Wüsten des Iraks oder des Mondes, führen in das Grenzgebiet von Macht und Ohnmacht, das die Amerikaner seit je bis zum letzten Quadratzentimeter erkunden wollen. Sie machen dabei einzigartige Erfahrungen. Keine andere Nation würde und könnte einen Krieg wie jenen am Golf führen, für den die Amerikaner Tausende ihrer Söhne und Töchter opfern und einen Teil ihres Wohlstands in Höhe von wohl einer halben Billion Dollar. Vermutlich dächte auch keine andere Nation ernsthaft über Reisen zum Mond und Mars nach, während sie auf der Erde gerade einen solchen Krieg verliert.
Dominotheorie revisited
Der Mond, der Mars, der Irak. Den meisten Amerikanern ist der eine so fern und so fremd wie der andere. Doch sind Amerika Wüstenwelten auch nicht zuwider. Es hinterläßt gerne Spuren im Sand. Am liebsten für die Ewigkeit.
Einem Amerikaner muß man nicht lange erklären, daß es gut und richtig und damit amerikanisch ist, das angeblich Unmögliche zu versuchen: einen Mann auf den Mond zu schießen oder arabische Despotien in blühende Oasen der Demokratie zu verwandeln. Präsident Bush hat sich denn auch nicht besonders anstrengen müssen, um seine Bürger für den Feldzug gegen den Irak zu gewinnen. Amerika war angegriffen worden. Noch schlimmere Anschläge schienen zu drohen. Selbst als immer deutlicher wurde, daß die Behauptungen über die irakischen Massenvernichtungswaffen und Saddam Husseins Verbindungen zur Al Qaida nicht zutrafen, mußte Bush nicht den Kurs ändern. Er konnte sich auf den erzamerikanischen Missionsauftrag berufen, die Sphäre der Freiheit auf dem Erdball zu vergrößern. Der Irak sollte zum Epizentrum der Demokratie in der arabischen Welt werden. Ringsherum, so der Plan der Neokonservativen, sollte ein Despoten-Regime nach dem anderen fallen: die Dominotheorie, revisited.
Ernüchterungserfahrungen
Doch mußte die Bush-Administration zur Kenntnis nehmen, daß es dazu nicht genügt, mit einer High-Tech-Armee die Mauern der gerade aufs Korn genommenen Diktatur zum Einstürzen zu bringen. Amerika wurde auch beim Einmarsch in den Irak von der Vorstellung begleitet, aus den Ruinen einer jeglichen Zwangsherrschaft steige der Geist der Freiheit auf, der dann zusammen mit der ebenfalls unsichtbaren Hand des Marktes unweigerlich dafür sorge, daß überall ähnlich lichte Gemeinwesen entstünden wie im Mittleren Westen. Die Befreiung des Iraks geriet jedoch nicht zu jenem sich selbst nährenden Prozeß, den Washington erwartet hatte. Amerika besiegte Saddam. Aber es gewann die Iraker wie auch die übrige arabische Welt nicht für den „American dream of life“ - seine Vorstellungen von Glück, Freiheit und gerechter Regierung. Und es konnte nicht verhindern, daß der eroberte Irak zum Spielball der Interessen seiner Nachbarn wurde. Im Irak erfuhr Amerika die Grenzen seiner Macht, nach denen es sucht, seit mit der Sowjetunion der Gegenspieler verschwand, der sie ihm ein halbes Jahrhundert lang aufgezeigt hatte.
Amerikas Ernüchterungserfahrung im Irak ist im „alten“ Europa mit stiller Genugtuung registriert worden. Aber auch die Venus muß es beunruhigen, wenn die Schwäche des Mars seinen Feinden bekannt wird - es sind nicht nur die seinen. Nicht nur die staatlichen Gegenspieler Amerikas in der Region, Iran und Syrien, wittern nun Morgenluft. In dem Vakuum, das nach dem Sturz des Baath-Regimes entstand und das die Amerikaner nicht füllen können, breitet sich der islamistische Terrorismus aus. Die Terroristen können ihr Geschäft fortan mit der Überzeugung betreiben, daß der „große Satan“ Amerika zu schlagen ist. Kein Geringerer als der neue amerikanische Verteidigungsminister dient ihnen als Kronzeuge. Sein strammes „No, Sir“ auf die Frage im Senat, ob Amerika den Krieg im Irak gewinne, ist der größte Triumph für die Feinde der westlichen Welt seit der Vernichtung der Zwillingstürme von New York.
Amerikas Träume
Doch fällt Amerika wegen der schlechten Nachrichten aus einer fernen Wüste in eine kollektive Depression? Wird es gelähmt von Entsetzen? Mitnichten. Die Amerikaner mögen Idealisten sein, aber sie sind auch Pragmatiker. Historische Missionen haben kein Verfallsdatum. Man kann sich an sie wieder erinnern, wenn der nächste Präsident von einem Erweckungserlebnis heimgesucht wird. Amerika hat genug andere Träume. Träume, die es aus eigener Kraft verwirklichen kann, ohne sich dabei mit Schurkenstaaten, undankbaren Befreiten oder den üblichen Verbündeten herumschlagen zu müssen.
Die Raumfahrt gehört zu dieser nationalen Traumwelt. Sie ist zum jüngsten Bannerträger des ewigen amerikanischen Strebens nach der „New Frontier“, der neuen Grenze, geworden, das seinen Ursprung in der Eroberung des Westens hatte. Auch die Saturn-Raketen Wernher von Brauns trieb der Drang an, zu erfahren, was hinter dem Horizont liegt. Und das Bedürfnis, die Grenzen der eigenen Leistungsfähigkeit auszuloten, im Himmel wie auf Erden. Mit dem Mond-Programm forderten die Amerikaner sich selbst in einer Weise heraus, die auch ihren Gegnern Respekt abnötigte. Längst ist klar, daß die unbemannte Raumfahrt der Wissenschaft mindestens so gut dient wie die bemannte - bei erheblich geringeren Kosten und Risiken. Doch ging es nie nur um die Wissenschaft. Im Mai 1961 ließ Präsident Kennedy Amerika und die Welt wissen, was er gemeint hatte, als er bei seiner Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten vom Aufbruch in das Grenzland der „unerfüllten Träume und Hoffnungen“ sprach. Das Ziel des von Kennedy begonnenen Unternehmens des Jahrzehnts war es, „einen Menschen auf den Mond und wieder heil zurück zur Erde zu bringen“. Gemeint war natürlich, knappe sechs Wochen nach dem Flug Gagarins: einen Amerikaner.
Flucht in die Technik
Amerika sah damals die Grundfesten seiner Existenz bedroht. Der Sowjetkommunismus durfte sich nicht ausgerechnet bei der Eroberung des Alls als das leistungsfähigere System erweisen. Wer den Weltraum kontrolliere, so fürchtete Kennedy, gewinne so große Macht über die Erde wie früher die Herrscher über die Weltmeere. Amerika stand noch unter dem Sputnik-Schock. Seit dem Start dieses Satelliten vier Jahre zuvor, der gezeigt hatte, daß Moskau Raketen mit interkontinentaler Reichweite zu bauen wußte, konnten die Amerikaner nicht mehr an die militärische Unverwundbarkeit ihres Kernlandes glauben. Amerika versuchte, wie so häufig, seine Ängste durch die Flucht in die Technik abzuschütteln. Über Jahrzehnte perfektionierten die Amerikaner das System des wechselseitigen Überlebens durch gesicherte gegenseitige Vernichtung. Doch der Widerwille gegen das Abschreckungssystem der „mutual assured destruction“, der gegenseitigen Geiselnahme, blieb ihnen. Der Traum von der Unverwundbarkeit verschwand nie völlig aus den Gehirnen der Amerikaner.
Er war die treibende Kraft hinter Ronald Reagans „Strategic Defense Initiative“, Strategischen Verteidigungsinitiative, aus dem Jahr 1983. Nicht zufällig bedachte die Presse das SDI-Projekt sogleich mit dem Titel, den George Lucas seiner Sternen-Saga „Star Wars“ über den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse gegeben hatte. Vielen Kritikern kam Reagans Plan nicht weniger phantastisch vor als die Hollywood-Produktion. Damals begannen die Grenzen zwischen science und fiction zu verschwimmen. Nach dem Ende des Apollo-Programms hatte es Hollywood übernommen, die Sehnsucht der Amerikaner nach unbekannten Welten zu stillen. Reagan, der damals gerne als der finstere Darth Vader porträtiert wurde, mußte den Spott ertragen, Film und Wirklichkeit nicht mehr auseinanderhalten zu können. Doch dachte er durch und durch amerikanisch. Er suchte die Entscheidung im Kampf mit dem sowjetischen „Reich der Finsternis“ in der Technik. Und er suchte sie im Weltraum.
Die Politik des „roll back“
Das war bei weitem nicht so dumm, wie man Reagan unterstellte. SDI kam nicht wesentlich über das Stadium der Computeranimation hinaus. Doch die Sowjets glaubten, die Amerikaner könnten auch auf diesem Feld abermals das Unmögliche versuchen. Reagans Drohung, den Kalten Krieg im All fortzusetzen, trug erheblich dazu bei, daß Amerika ihn gewann. Gorbatschow wußte, daß die marode Sowjetunion nicht mehr in der Lage war, ein Wettrüsten im Weltraum für sich zu entscheiden.
Damals wie heute stehen hinter Amerikas Griff nach den Sternen höchst irdische Motive. Wenig anderes hebt eine Nation auf diesem Planeten so hervor wie die Fähigkeit, ihn zu verlassen. Amerika ist das einzige Land, das Menschen auf den Mond gebracht hat und daran arbeitet, dorthin zurückzukehren. Noch gibt es die Station auf dem Erdtrabanten nicht. Noch kein Raumschiff, das den Mars erreicht. Doch traut alle Welt den Amerikanern zu, beides zu bauen. Für die Amerikaner ist schon die Rückkehr zum Mond - der Stätte eines ihrer größten Triumphe, die jede Nacht über dem Horizont aufgeht - ein Akt der Selbstvergewisserung. Aber auch nach außen dringt die Botschaft: Amerika hat trotz seiner Mißerfolge den Glauben an sich selbst nicht verloren.
Viele seiner Feinde, aber auch manche seiner Freunde werden sich wünschen, daß Amerika sich noch mehr auf die erdfernen Räume konzentriere. Die Verbündeten Amerikas sollten sich diesen frommen Wunsch zweimal überlegen. Die Welt ist, anders als Bush weiter trotzig behauptet, mit dem Sturz Saddams nicht sicherer geworden - schon deshalb nicht, weil der auf Lügen gegründete, schlecht vorbereitete und (im Glauben an die Allmacht der Technik) schlecht geführte Irak-Feldzug das Ansehen und die Macht der einzigen verbliebenen globalen Ordnungsmacht beschädigte. Ihr Taumeln ist eine Einladung an staatliche und nichtstaatliche Terroristen, im Mittleren Osten und anderswo, die Frontlinie in Richtung Westen zu verschieben. Auch die Feinde der freien Welt kennen die Politik des „roll back“: Sie suchen Amerikas Einfluß zu beschneiden und seine Spuren auszulöschen, wo immer sie auf sie treffen. So war es in Vietnam, so wird es im Irak sein. Nur der Mond ist noch immer so, wie ihn die Amerikaner verließen.
Amerika auf der Suche nach dem Wunder
G. Ulrich Steinmann (Sekijin)
- 10.12.2006, 21:02 Uhr
