22.02.2006 · Er hat nie die Rolle eines Politikers gesucht, die irakische Politik aber entscheidend beeinflußt. Nun mahnt Großajatollah Ali al Sistani die Schiiten, sich nicht provozieren zu lassen. Nicht zum ersten Mal greift er mäßigend ein.
Von Hans-Christian RösslerDaß es im Irak in den vergangenen Jahren keinen Bürgerkrieg gab, ist einem Mann zu verdanken. Unablässig hatte Großajatollah Ali al Sistani die schiitische Bevölkerungsmehrheit ermahnt, sich durch die Gewalt sunnitischer Militanter nicht provozieren zu lassen. Mit jedem Anschlag wuchs jedoch der Druck auf den weißbärtigen Kleriker, seinen Anhängern das Recht zuzugestehen, endlich Vergeltung zu üben.
„Steht auf, Schiiten! Rächt euch! Wehrt euch!“ riefen mehr als tausend demonstrierende Schiiten am Mittwoch vor seinem Haus in Nadschaf. Nach dem Attentat auf die Goldene Moschee in Samarra brach der Großajatollah dann sein monatelanges Schweigen: Er rief zu friedlichen Protesten auf. Die kommenden Tage werden zu einem Test für Sistanis Autorität, denn am Mittwoch wurden schon die ersten sunnitischen Moscheen angegriffen, und einige Schiitenführer drohten damit, das Recht in ihre Hand zu nehmen, sollte der Staat versagen.
Politiker-Rolle nie gesucht
Sistani hat jedoch die Rolle eines Politikers nie gesucht, obwohl er die irakische Politik seit dem Sturz Saddam Husseins entscheidend beeinflußt hatte. Er ist Vertreter einer quietistischen Linie und lehnt es ab, die Macht auf die Rechtsgelehrten zu übertragen wie in Iran. Im August 2004 genügte die Rückkehr des herzkranken Klerikers nach Nadschaf, daß der blutige Aufstand der Mahdi-Miliz gegen die Amerikaner ein Ende fand. Wenige Monate später billigte Sistani, der sich kaum in der Öffentlichkeit zeigt, die Übergangsverfassung, als sich andere noch über sie stritten. Sie bezeichnete den Islam als die offizielle Religion und „eine“ - nicht „die“ - Quelle der Gesetzgebung.
Später drängte er die Amerikaner dazu, die Machtübergabe auf Juni 2004 vorzuziehen und bald Wahlen abhalten zu lassen, zu denen es aber erst im Januar 2005 kam. Seiner Aufforderung, sich in großer Zahl an der Wahl zu beteiligen, kamen viele Schiiten nach. Sie stimmten auch für das siegreiche schiitische Wahlbündnis, das er gutgeheißen hatte. Auf eine solche Wahlempfehlung verzichtete er bei den Parlamentswahlen im vergangenen Dezember. Das Schiitenbündnis wurde aber auch so ein weiteres Mal dominierende Kraft im Parlament und führt die Regierung.
Mullahs seit mehr als 40 Generationen
Auch wenn der 1930 in der iranischen Pilgerstadt Maschad geborene Kleriker ruhiger geworden ist, konsultieren ihn in seinem bescheidenen Haus unweit der Imam-Ali-Moschee in Nadschaf weiterhin nicht nur führende Politiker aus Bagdad, sondern auch Schiiten, die in Lebensfragen Rat suchen. Sistani stammt aus einer angesehenen Familie, die sich auf den Propheten zurückführt und schon seit mehr als 40 Generationen Mullahs hervorbringt.
Er studierte zunächst im iranischen Gom, später in Nadschaf bei Großajatollah Abulkasim al Khoi. Nach dessen Tod erhielt Sistani auch die Würde eines Mardscha und ist damit als „Quelle der Nachahmung“ zur höchsten religiösen Autorität für die meisten irakischen Schiiten geworden. Ihnen riet er im März 2003, sich dem amerikanisch geführten Einmarsch nicht zu widersetzen; Saddam Hussein hatte ihn zuvor zu einer Fatwa aufgefordert, in der er zum Kampf gegen die ausländischen Truppen aufrufen sollte. Wegen seines Eintretens für Gewaltlosigkeit und Demokratie schlug ihn der angesehene amerikanische Publizist Thomas Friedman schon für den Friedensnobelpreis vor.
Hans-Christian Rößler Jahrgang 1967, politischer Korrespondent für Israel und die Palästinensergebiete mit Sitz in Jerusalem.
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