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Al Qaida im Jemen Dschihadisten im Schutz der Stämme

05.01.2010 ·  Al Qaida im Jemen galt 2003 schon als besiegt - nun ist die Organisation gestärkt und sogar im Ausland aktiv. Unterstützt werden die Umtriebe des Terrornetzwerkes durch die schwache Zentralregierung und einheimische Stämme.

Von Rainer Hermann
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In der Provinz Marib blockieren Mitglieder des Stamms der Dschahm die Straße in die Hauptstadt. Grund ist ein nicht beigelegter Grundstücksstreit mit der Zentralregierung in Sanaa, die auf umstrittenem Terrain eine Polizeistation gebaut hat. In der Provinz al Dschauf überfallen Kämpfer vom Stamm der Abida einen Lastwagen der Zentralregierung, der mit Zucker und Reis beladen ist, und erbeuten die Fracht. Ereignisse aus den vergangenen Wochen, die zeigen, dass der Staatsmacht die Kontrolle über Teile des Jemen entgleitet und dass die Stämme ihre Macht ausbauen.

Für die Regierung von Präsident Saleh ist diese Entwicklung bedrohlich, weil sich die staatlichen Strukturen aufzulösen beginnen. Für das westliche Ausland ist sie bedrohlich, weil sich "Al Qaida auf der Arabischen Halbinsel" das entstehende Vakuum zunutze macht. Denn die beiden Stämme, und mit ihnen andere, fordern nicht nur die Zentralregierung heraus. Da der Feind des Feindes auch ihr Freund ist, bieten sie - vor allem in den Provinzen Marib, Dschauf, Shabwa und Abyan - Al-Qaida-Terroristen Unterschlupf.

Vom Zentralstaat haben die Stämme nicht viel zu erwarten. Der hatte sie über Jahrzehnte vernachlässigt, hatte keine Straßen gebaut und keine Arbeitsplätze geschaffen. Eine Loyalität der Stämme zum Staat ist nicht entstanden. Er kümmert sich erst jetzt um sie, weil er sie von Al Qaida trennen will. Jüngst verkündete in Sanaa die staatliche Presse, der Stamm der Abida bewege sich von Al Qaida weg und wolle ihren Kämpfern keinen Schutz mehr gewähren. Was der Staat dem Stamm geboten hat, wurde nicht berichtet.

Rekrutierung durch finanzielle Anreize

Nicht jeder Stamm gewährt Al Qaida Obhut oder toleriert das Durchreisen von Dschihadisten. Einige Stämme handelten opportunistisch, beobachtet Nicole Stracke, Jemen-Fachfrau in der Forschungseinrichtung Gulf Research Center in Dubai. Manche Stammesführer betrachteten ihre Parteinahme für Al Qaida als Verhandlungsmasse gegenüber dem Staat und wären bereit, ihre Unterstützung aufzugeben, sollte der Staat Straßen bauen oder ihnen in einem Grundstücksstreit entgegenkommen. Weniger leicht hat es der Staat, sollte ein Dschihadist den Schutz eines Stammes genießen, weil er eingeheiratet hat. Dann ist er Mitglied des Stamms, und der muss ihn schützen.

Die Rekrutierung neuer Al-Qaida-Mitglieder erfolgt meist über finanzielle Anreize. So ist ein Fall bekanntgeworden, bei dem ein Mitglied von Al Qaida die Schulden eines jungen Jemeniten bezahlt, sich mit ihm angefreundet und ihn in einen Korankurs eingeführt hat. Über den landete er bei Al Qaida. Die Bevölkerung des ärmsten arabischen Landes wächst schneller als in den meisten anderen Ländern der Welt, der Bildungsstand ist äußerst gering und eine Aussicht auf eine würdevolle Arbeit besteht nicht.

Das Emirat Abu Dhabi hat das erkannt. Im vergangenen November gewährte der Entwicklungsfonds des Emirats für 14 Projekte insgesamt 650 Millionen Dollar, um eine nachhaltige Entwicklung in einzelnen Regionen anzustoßen. Ein Tropfen auf den heißen Stein: Dem jemenitischen Staat gehen die Mittel aus. Zu viele Ressourcen setzt er zur Niederschlagung der Aufstände im Norden gegen die Houthi-Rebellen und im Süden gegen die Separatisten ein. Diese Konflikte gelten der Zentralregierung eher als überlebenswichtig als der Kampf gegen Al Qaida. Zu lange wurde in Sanaa daher das Wiedererstarken der Terrororganisation übersehen.

Ausbruch von zwei Dutzend Al-Qaida-Kämpfern

Groß ist die Organisation von Al Qaida im Jemen nicht. Landeskenner schätzen sie auf höchstens zehn Kader, die planen und Geld beschaffen, sowie ein paar Dutzend Dschihadisten, die rekrutieren und Anschläge ausführen. Nahezu alle sind jemenitische oder saudische Staatsangehörige. Konkrete Nachweise, dass sich Dschihadisten in größerer Zahl aus Somalia oder Afghanistan im Jemen niedergelassen hätten, gebe es noch nicht, sagt Nicole Stracke. Die somalischen Al-Shabaab-Milizen könnten lediglich motivierte Kämpfer liefern. Die jemenitische Al Qaida bräuchte aber intelligenten und ausgebildeten Nachwuchs - und Geld.

Im November 2003 galt Al Qaida als besiegt. Erst hatte die CIA mit einer Drohne im November 2002 den damaligen Führer Abu Ali al Harithi getötet. Ein Jahr später verhafteten die jemenitischen Sicherheitskräfte dessen Nachfolger. Wendepunkt war im Februar 2006 der Ausbruch von zwei Dutzend Al-Qaida-Mitgliedern aus einem Hochsicherheitsgefängnis. Unter ihnen waren die späteren Führer Nassir al Wahaishi und Kassim al Raimi. Beide hatten in Afghanistan an der Seite AlQaida-Führer Usama Bin Ladins gekämpft, dessen Familie aus der Region Hadramaut stammt und von dort nach Saudi-Arabien ausgewandert war.

Fusion der Terrorgruppen

Wahaishi reorganisierte im Untergrund Al Qaida und eliminierte im Juni 2008 den Führer der rivalisierenden Organisation "Kataeb Dschund al Yemen" (Brigade der Soldaten des Jemen), Hamza al Dadschani. Dessen Anhänger schlossen sich Al Qaida an, und Bin Ladins Stellvertreter Zawahiri ernannte Wahaishi zum "Emir vom Al Qaida".

Anfang 2009 rief der die Fusion der Gruppen im Jemen und in Saudi-Arabien zur "Al Qaida auf der Arabischen Halbinsel" aus. Sein Stellvertreter wurde der Saudi Saeed al Shihri, Nummer drei ist der Jemenite Raimi. Der hatte als einer der Führer der jungen Dschihadisten im Juni 2007 der alten Generation, die mit der Regierung zu verhandeln bereit war, den Krieg erklärt und die Radikalisierung eingeleitet.

Wenige Tage nach der Vereinigung der beiden Al-Qaida-Gruppen tötete ein Selbstmordattentäter am "Thron der Königin von Saba" spanische Touristen. Die Spur führte ins Tal Wadi Abida. Im Januar 2008 erschien erstmals ihr Magazin "Sada al malahim" (Echo der Kämpfe), es folgten weitere Anschläge gegen Öleinrichtungen in der Provinz Marib, auf belgische Urlauber und im September 2008 auf die amerikanische Botschaft in Sanaa.

Luftwaffe setzt Terroristen unter Druck

Drei Faktoren hätten das Wiedererstaken von Al Qaida begünstigt, sagt Felix Eikenberg, Leiter des Büros der Friedrich-Ebert-Stiftung in Sanaa: Mit dem Gefängnisausbruch von 2006 habe Al Qaida wieder über fähige Leute verfügt. Zudem habe der Krieg gegen den Terrorismus saudische Dschihadisten über die Grenzen in den Jemen getrieben. Außerdem hätten sich weniger Jemeniten Al Qaida im Irak angeschlossen; sie wandten sich lieber dem Terroristennetz im eigenen Land zu.

Mit den zwei Angriffen der jemenitischen Luftwaffe im Dezember gegen Stellungen von Al Qaida ist die Terrorgruppe erstmals wieder unter Druck geraten. Mehr als 30 Mitglieder von Al Qaida wurden getötet. Saudische Experten führen noch genetische Analysen durch, um zu ermitteln, ob Wahaishi unter den Toten ist. Amerikanische Schiffe, die vor der Südküste patrouillieren und Telefongespräche abfangen, haben wohl der jemenitischen Luftwaffe die entscheidenden Hinweise über die Stellungen von Al Qaida gegeben.

Erstmals international aktiv

Womöglich wird sich auch Saudi-Arabien an der Überwachung der langen Südküste beteiligen. Bisher agieren die Saudis nur vor der westlichen Küste, wo sie iranische Waffenlieferungen an die schiitischen Houthi-Rebellen verhindern wollen. Saudi-Arabien hat zwar im vergangenen Herbst mit einer Finanzhilfe in Höhe von zwei Milliarden Dollar den jemenitischen Staat vor der Zahlungsunfähigkeit bewahrt, die Scheichs der wichtigen Stämme in den Grenzprovinzen erhalten seit Jahrzehnten Geld aus Saudi-Arabien - was der jemenitische Zentralstaat an Patronage nicht mehr leisten kann, leistet der Nachbar. Ein Konzept, wie den jemenitischen Problemen zu begegnen ist, hat aber auch Riad nicht.

Die Al-Qaida-Dschihadisten im Jemen, die im Schutz der Stämme agieren, dürften den vereitelten Anschlag von Detroit indes als Erfolg verbuchen. Sie konnten einen zunächst Unverdächtigen rekrutieren und ihn mit einem Sprengsatz ausgerüstet in ein Flugzeug nach Amerika bringen. Erstmals war die Organisation damit nicht nur im Jemen und in Saudi-Arabien, sondern nun auch international aktiv. Dass sie dazu fähig sein würde, hat die meisten Beobachter überrascht.

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Jahrgang 1956, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi.

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