15.06.2009 · Die Welt blickt auf die Jugendlichen und das städtische Bürgertum, das dem Kundgebungsverbot in Teheran zu trotzen wagt. Aber viele Iraner sehen gespannt auf die Geistlichkeit. In ihren Reihen hat Ahmadineschad viele Feinde. Was tun sie?
Von Rainer Hermann, TeheranNiemand hört ihre Stimmen. Aber schweigen sie wirklich? So undurchsichtig, wie die Wahl am Freitag ablief, so wenig transparent verlaufen auch die Tage danach. Die aufgebrachte Jugend protestiert, die Anhänger Mussawis trotzen dem Demonstrationsverbot. Aber was tun die mächtigeren Feinde Mahmud Ahmadineschads? Der nach amtlicher Lesart eindrucksvoll im Amt bestätigte Staatspräsident hat nicht nur im städtischen Bürgertum viele erbitterte Gegner, sondern auch in der schiitischen Geistlichkeit. An weiteren vier Jahren Ahmadineschad ist dem Klerus nicht gelegen. Handeln die Geistlichen hinter den Kulissen, ohne dass es nach außen dringt?
Immerhin vermeldet das Staatsfernsehen am Montag, dass der geistliche Führer Chamenei den Wächterrat beauftragt habe, die Umstände der Wahl zu untersuchen. In einem offenen Brief hatte die „Vereinigung der theologischen Professoren des Seminars von Qom“, des theologischen Zentrums des schiitischen Islams, die Wahl Ahmadineschads aufgrund der Wahlfälschungen zuvor als null und nichtig bezeichnet. Der unterlegene Herausforderer Ahmadineschads, Mussawi, hatte die Großajatollahs und Ajatollahs von Qom gebeten, für ihn zu intervenieren. Seinen Brief an die Theologen hatte er mit der Formel eingeleitet, die ein Muslim im Angesicht des Todes spricht. Damit kündigte er an, dass er zu kämpfen bereit ist. Ferner soll Großajatollah Sanei die Bestätigung Ahmadineschads als „haram“ bezeichnet haben, als im religiösen Sinne „verboten“.
Die führende Geistlichkeit auf Distanz
Der Brief der Professoren fällt umso mehr ins Gewicht, als der Generalsekretär der Vereinigung, Ajatollah Yazdi, vor der Wahl handstreichartig im Namen der Gruppe Ahmadineschad empfohlen hatte. Yazdi gehört zu den wenigen theologischen Lehrern in Qom, die dem Präsidenten nahestehen. Neben Mohammad Yazdi unterstützen unter den führenden Theologen lediglich Taqi Mesbah-Yazdi, Ahmad Dschannati und Abulkasem Chasali den Präsidenten. Die Erklärung Yazdis war auch eine Ohrfeige für den Parlamentssprecher Laridschani, einen Todfeind Ahmadineschads. Laridschani, der Sohn eines Ajatollahs, ist Abgeordneter des Wahlkreises Qom und betrachtet Qom als seine Hochburg.
Laridschani hat bisher aber geschwiegen, zumindest in der Öffentlichkeit. Als Sprecher des Parlaments, in dem die harte Linie Ahmadineschads keine selbstverständliche Mehrheit hat, könnte er den Präsidenten herausfordern und die Wahl in Frage stellen. Das tut er aber trotz der Unterstützung durch die Mehrheit der Theologen aus Qom nicht. Womöglich wartet er auf eine günstigere Gelegenheit. Vielleicht aber fürchtet er auch, einer Bewegung Auftrieb zu verleihen, die nicht mehr eine gemäßigte Islamische Republik will, sondern eine ganz andere, in der auch er keinen Platz mehr hätte.
Noch mehr wäre ein Rücktritt von Ali Akbar Rafsandschani von seinen Ämtern der Funke, der den Protesten zu jener kritischen Masse verhelfen könnte, die ihnen bisher fehlt. Rafsandschani hätte guten Grund dazu. Denn die schier unendlichen Angriffe Ahmadineschads gegen den Technokraten und früheren Staatspräsidenten zielen so weit unter die Gürtellinie, dass dem Präsidenten selbst der religiöse Führer Chamenei zuletzt Einhalt gebieten wollte. Rafsandschani ist ein Revolutionär der ersten Stunde; ein Signal des Geistlichen würde auch die mittlere Geistlichkeit gegen das Regime Ahmadineschad aufbringen, so dass sie sich den Protesten anschließen könnten. Und doch zaudert auch Rafsandschani. Auch er fürchtet offenbar, dass der Weg in eine andere Republik führen könne, für ihn und seine Ambitionen also gleichsam vom Regen in die Traufe.
Die führende Geistlichkeit ist auf Distanz zu Ahmadineschad gegangen, weil er sie immer wieder herausfordert. Beispielsweise unterstellte er das selbständige „Direktorat für die Hadsch und die Wallfahrten“ dem Tourismusministerium und degradierte es damit. Seine erste Pressekonferenz nach dem Wahltag leitete er nicht nur mit der Formel „Im Namen Allahs des Allbarmherzigen“ ein, sondern auch mit dem Gebet für die Wiederkehr des 12. Imams, des entrückten schiitischen Messias. Damit bekennt er sich zu der apokalyptischen Schule des Ajatollahs Mesbah-Yazdi, dessen Einfluss in den kommenden Jahren wieder wachsen wird. Bei der vorigen Wahl in den Expertenrat hatten ihn die Wähler zwar abgestraft und den Rivalen Rafsandschani an die Spitze des Gremiums gehoben, das über den religiösen Führer befindet. Nun ist Mesbah-Yazdi aber zurück. Er ist der geistliche Führer der Haqqaniye-Schulen, an denen junge Kleriker mit radikalen Ansichten ausgebildet werden. Gleichzeitig ist er der Mentor der iranischen „Ansar-e Hezbollah“. Mesbah-Yazdi lehrt, sich auf die Wiederkehr des Mahdi, des 12. Imams, vorzubereiten und alles Handeln danach auszurichten. Einige seiner Anhänger glauben, der Mahdi komme als Retter erst, wenn die Welt auf dem niedrigsten Punkt angelangt ist.
Die Seite blieb unbedruckt
Die Blicke der Opposition richten sich auch auf den unterlegenen Kandidaten Karrubi, der früher einmal Präsident des Parlaments war. Seine Zeitung „Etemade Melli“ durfte nicht einmal einen offenen Brief Karrubis abdrucken. Aus Protest ließ die Zeitung eine Seite unbedruckt. Seit Freitag ist Karrubi nicht mehr in der Öffentlichkeit gesehen worden. Auf ihm nahestehenden Internetseiten wird berichtet, Karrubi habe aus Protest den Theologen-Talar abgelegt.
Das städtische Bürgertum hat sich eine neue Form des Protests einfallen lassen. Die Leute skandieren, meist von den Dächern und Balkonen ihrer Häuser, „Allahu akbar“ - Gott ist groß. Dagegen kann die Polizei nicht einschreiten, damit hatte zum Jahreswechsel 1978/79 auch die Revolution begonnen. Am Montagabend um zehn Minuten vor zehn Uhr wollten sie es gleichzeitig rufen. Die Lautstärke wird nach der Massendemonstration vom Nachmittag ein zweiter Gradmesser für die Kraft der Bewegung sein. In vielen Stadtteilen Teherans stehen sich Wohnblocks politischer Gegner gegenüber. Wird es Nacht, hört man aus den einen „Tod dem Diktator“ und „Allahu akbar“, aus den anderen etwa „Bravo Ahmadi“.
Während in Teheran inoffizielle Wahlergebnisse kursieren, die - meist unter inoffizieller Berufung auf Quellen im Innenministerium - Mussawi als klaren Sieger ausweisen, wird in den Provinzen der ethnischen Minderheiten, bei denen Ahmadineschad weniger Anhänger hat, die Frage gestellt, wie er auch in ihnen mit einem ähnlichen Stimmenanteil wie in seinen Hochburgen gewinnen konnte. Als besondere Demütigung wurden Karrubi, dem einzigen Kleriker unter den vier Kandidaten, in dessen Heimatstadt nur die Hälfte der Stimmen Ahmadineschads zugeteilt. Die Demütigung für Karrubi war offenbar gedacht als Demütigung der gesamten Geistlichkeit.
Gefahr eines Bürgerkriegs
J. H. (JohannesLeonhard)
- 16.06.2009, 13:03 Uhr
Rainer Hermann Jahrgang 1956, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi.
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