http://www.faz.net/-gq5-7k60j

Zum Tode Nelson Mandelas : Der König der Versöhnung

Auch die Massen zog er in den Bann: Mandela am 1. April 1990 in Port Elisabeth Bild: REUTERS

Mit dem Tod von Nelson Mandela verliert Südafrika nicht nur seinen Nationalheiligen, dessen Verehrung fast schon religiöse Züge trägt. Die Nation verliert mit ihm auch den moralischen Kompass.

          Wie Nelson Mandela dachte und fühlte, zeigt eine seiner ersten Amtshandlungen als frisch gewählter Präsident von Südafrika 1994. Mandela wollte eine neue Nationalhymne, und zwar eine, die sich aus zwei Liedern zusammensetzt: Das eine Lied hieß „Nkosi Sikelel’ iAfrika“ („Gott beschütze Afrika“), das vor allem bei den Protestveranstaltungen der Schwarzen während der Apartheid gesungen wurde. Das andere hieß „Die Stem van Suid-Afrika“ („Die Stimme Südafrikas“), die Hymne der weißen Südafrikaner, in der die blutige und entbehrungsreiche Eroberung des südlichen Afrikas durch europäische Siedler glorifiziert wurde.

          Thomas Scheen †

          Politischer Korrespondent für Afrika mit Sitz in Nairobi.

          Dass die beiden Hymnen musikalisch vorne und hinten nicht zusammenpassten, war Mandela egal. Ihm ging es einzig darum, der Einheit des Landes, die zu dem Zeitpunkt mehr Wunsch als Realität war, durch ein starkes Symbol Vorschub zu leisten. Mandela musste sich damals gegen das gesamte Politbüro des „African National Congress“ (ANC) durchsetzen, das eine Unterschutzstellung von „Die Stem“ als Affront empfand. Mandela gewann die Auseinandersetzung in gewohnter Manier, indem er an die menschliche Großzügigkeit seiner Mitstreiter appellierte und diesen Appell mit ganz pragmatischen Gesichtspunkten verknüpfte.

          Die größte Gefahr für die junge, schwarze Regierung waren damals rechtsgerichtete weiße Nationalisten. Denen konnte der ANC nur dann die Popularität streitig machen, wenn den Weißen bedeutet wurde, dass auch sie Teil des neuen Südafrika sind – und dass eine schwarze Regierung sie niemals in einer Art bedrohen werde, wie weiße Regierungen Schwarze bedroht hatten. Die flüchtige Genugtuung, den Buren die Nationalhymne ersatzlos zu streichen, wog in Mandelas Einschätzung wenig im Vergleich zu den Vorteilen, die es bringen würde, ihnen ihr Liedchen zu lassen. Er sollte Recht behalten, wenn auch um den Preis einer herrlich schief klingenden Nationalhymne.

          Nelson Mandela ebnete den Weg zur Aussöhnung von Schwarzen und Weißen in Südafrika. Das Bild zeigt ihn im letzten Jahr seiner Präsidentschaft 1999. Bilderstrecke

          Mit dem Tod von Nelson Mandela verliert Südafrika nicht nur seinen Nationalheiligen, dessen Verehrung fast schon religiöse Züge trägt. Die Nation verliert mit ihm auch den moralischen Kompass. Mandela war der lebende Beweis dafür, dass sich Macht und Toleranz nicht ausschließen und dass Menschlichkeit im Umgang mit seinen Gegnern keine Schwäche, sondern eine Stärke ist. Mandela verkörperte das Ideal einer vorurteilsfreien Begegnung der Rassen und damit einen alten Traum der Menschheit. „Madiba“, wie Mandela in Anlehnung seines Clan-Namens liebevoll genannt wird, war gelebtes Vorbild für eine Nation, die auch 19 Jahre nach dem Ende der Apartheid ihre Gemeinsamkeiten sucht und sich dabei so schwertut. Der Friedensnobelpreisträger war einer der bedeutendsten Politiker seiner Generation, vielleicht sogar einer der größten überhaupt. Das Vorbild ist tot, und damit ist der Traum zu Ende.

          Weitere Themen

          Diesel-Fahrverbot in Frankfurt wird zu verhindern sein Video-Seite öffnen

          Merkel ist überzeugt : Diesel-Fahrverbot in Frankfurt wird zu verhindern sein

          Das vom Gericht verhängte Fahrverbot gilt als sensibles Wahlkampfthema, vor allem für Zehntausende Pendler und Diesel-Besitzer im Großraum Frankfurt. Mit der tatsächlichen Umsetzung des Verbots für die Mainmetropole rechnet die Bundeskanzlerin jedoch nicht.

          Hoffnungsträger der Demokraten in Texas Video-Seite öffnen

          Beto O’Rourke : Hoffnungsträger der Demokraten in Texas

          Die Republikaner sind alarmiert: Der Senatssitz des republikanischen Ex-Präsidentschaftsbewerbers Ted Cruz aus Texas wackelt. Sein Rivale Beto O'Rourke spricht sich gegen die strikte Flüchtlingspolitik Trumps aus und erntet Zuspruch.

          Topmeldungen

          FAZ Plus Artikel: Queerer Jugendtrend : Hier sind die Twinks!

          Die „New York Times“ schrieb von einem „Zeitalter des Twinks“: Wie aus einem schwulen Pornogenre ein neues Männerbild an die Öffentlichkeit tritt, das auch von Popkultur und Mode erfolgreich bedient wird.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.