Home
http://www.faz.net/-hp0-76eap
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Trauermarsch für Oppositionspolitiker Tausende versammeln sich in Tunis

Tausende Menschen versammeln sich in Tunis zur Trauerfeier für den ermordeten Oppositionspolitiker Chokri Belaïd. Begleitet wird sie vom ersten Generalstreik seit der Revolution. „Kampf dem Terrorismus“ lautet das Motto.

© AP Vergrößern In Vorhalte: Ein maskierter Demonstrant hält bei den Protesten in Tunis eine Computertatstatur wie ein Gewehr vor seinen Körper

Zwei Tage nach der Ermordung des Oppositionspolitikers Chokri Belaïd sind in Tunesien Tausende Menschen dem Aufruf zu einem Generalstreik gefolgt. Der Verkehr stand in vielen Städten des Landes still, Geschäfte, Supermärkte und Cafés blieben geschlossen. Im Zentrum der Hauptstadt Tunis marschierte die Armee aus Angst vor weiteren Ausschreitungen auf. Die Protestaktion zur Beisetzung des 48 Jahre alten Politikers galt bereits vor ihrem Ende als größte seit der Revolution vor rund zwei Jahren.

Neben der mehr als 500.000 Mitglieder zählenden Gewerkschaft UGTT hatten mehrere Oppositionsparteien zu dem Streik unter dem Motto „Kampf dem Terrorismus“ aufgerufen. Lediglich die Minimalversorgung der Bevölkerung sollte aufrechterhalten werden. Am Flughafen der Hauptstadt wurden alle Flüge gestrichen.

Zu dem Trauerzug mit dem Leichnam Belaïds versammelten sich am Vormittag Tausende Menschen an einem Kulturzentrum in der Hauptstadt Tunis. Er startete gegen Mittag in Richtung eines Friedhofs. Die Regierung in Paris hatte bereits im Vorfeld aus Furcht vor Gewalt die Schließung französischer Schulen angekündigt. Auf den Straßen der Hauptstadt waren zahlreiche Sicherheitskräfte im Einsatz.

Am Rande des Trauerzugs kam es zu Zwischenfällen. Jugendliche warfen Fensterscheiben ein und plünderten Geschäfte. Die Polizei ging mit Tränengas gegen die Randalierer vor. Größere Ausschreitungen gab es zunächst nicht. Auch in den Städten Zarzis im Süden, in Gafsa im Zentrum sowie in Sidi Bouzid, dem Ausgangspunkt der Revolte gegen die Regierung im Jahr 2011, fuhr das Militär aus Furcht vor gewaltsamen Ausschreitungen auf. Ein Polizist war bei den Protesten der vergangenen Tage getötet worden, ein weiterer lag am Freitag im Koma, nachdem er in der Nacht in Gafsa von Demonstranten verprügelt worden war.

Tunis Trauerzug: Soldaten und Demonstranten begleiten am Freitag in Tunis den Sarg des ermordeten Oppositionspolitikers Chokri Belaid zum nahe gelegenen … © REUTERS Bilderstrecke 

Sowohl am Mittwoch als auch am Donnerstag war es bei Demonstrationen von Regierungsgegnern zu Ausschreitungen gekommen. Sie machen die führende islamistische Partei Ennahda für den Tod Belaïds verantwortlich und fordern eine neue Regierung. Der am Mittwoch erschossene Jurist galt in Tunesien als einer der schärfsten Ennahda-Kritiker. Von seinen Mördern fehlt bislang jede Spur.

Das Regierungslager weist jegliche Verantwortung für das Attentat zurück. Zugleich streitet es aber heftig über mögliche politische Konsequenzen. Ennahda-Ministerpräsident Hamadi Jebali hatte am Mittwochabend die Bildung einer neuen Regierung mit parteilosen Experten vorgeschlagen. Die Führung seiner eigenen Partei lehnt dies aber entschieden ab.

Angesichts der Unruhen forderte Bundesaußenminister Guido  Westerwelle (FDP) Regierung und Opposition auf, die Demokratie zu  verteidigen. „Nach dem schrecklichen Mord an Chokri Belaïd sind wir in großer Sorge um Tunesiens inneren Frieden“, sagte Westerwelle  der Tageszeitung „Die Welt“ vom Freitag. Alle politisch Handelnden sollten die Errungenschaften der Revolution von vor zwei Jahren  nicht aufs Spiel zu setzen. „Vor allem der bereits weit voran  geschrittene Verfassungsprozess darf nicht gefährdet werden“, sagte  Westerwelle.

Mehr zum Thema

Quelle: FAZ.NET, mit Material von dpa, AFP

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Tunesiens neuer Präsident Mit ausgestreckter Hand

In Tunesien ist der alte Politikveteran Béji Caid Essebsi zum Präsidenten gewählt worden. Er will auch mit seinem Widersacher zusammenarbeiten. Doch folgt nun tatsächlich die Aussöhnung? Mehr Von Christoph Ehrhardt

22.12.2014, 17:13 Uhr | Politik
Tote bei Ausschreitungen in der Türkei

Tausende Kurden haben von der Regierung in Ankara gefordert, mehr zum Schutz der nordsyrischen Stadt Kobanes zu unternehmen. Mehr

08.10.2014, 07:36 Uhr | Aktuell
Präsidentenwahl in Tunesien Essebsi erklärt sich zum Sieger lange vor Ende der Auszählung

Unklarheit nach Tunesiens erster freier Präsidentschaftswahl: Ein 88 Jahre alter früherer Regierungschef hat sich zum Sieger erklärt, sein Kontrahent widerspricht. Mehr

22.12.2014, 00:22 Uhr | Aktuell
Proteste weiten sich trotz Furcht vor Polizeigewalt aus

Trotz der Furcht vor der Polizei am chinesischen Nationalfeiertag sind wieder Tausende Demonstranten in Hongkong auf die Straße gegangen. Eine Fahnenzeremonie unter Teilnahme des Hongkonger Verwaltungschefs Leung Chun-Ying blieb zunächst friedlich. Mehr

01.10.2014, 11:05 Uhr | Politik
Taliban-Angriff auf Schule Tage der Trauer in Pakistan

Nach dem blutigen Überfall auf eine Schule begeht Pakistan eine dreitägige Staatstrauer - und lässt die Todesstrafe wieder zu. Etwa 150 Menschen wurden bei dem Angriff islamistischer Taliban getötet. Die afghanische Taliban-Führung verurteilt die Tat. Mehr

17.12.2014, 07:51 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 08.02.2013, 12:36 Uhr

Die gelähmte SPD

Von Majid Sattar

Vor einem Ausbrechen der Grünen aus dem linken Lager haben die Sozialdemokraten Angst. Für die SPD endet das Jahr auch wegen der Edathy-Affäre so, wie es angefangen hat – auf dünnem Eis. Mehr 21 22