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Marokko : Ein Fischhändler als „Märtyrer“

Nicht mehr erniedrigen lassen: Tausende demonstrieren in Marokko gegen Behördenwillkür. Bild: AFP

Für nordafrikanische Verhältnisse erschien Marokko bislang als ein Hort der Ruhe. Mit dem tragischen Tod eines Fischverkäufers könnte sich das nun ändern.

          Die Proteste trüben das Bild, das Marokko seinen ausländischen Gästen vermitteln will. Von Montag an tagt in Marrakesch die Weltklimakonferenz der Vereinten Nationen. Doch seit dem vergangenen Freitag kommt das Land nicht zur Ruhe.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Plakate hießen die Teilnehmer der Konferenz mit dem zynischen Hinweis willkommen: „Wir zerfleischen hier Menschen“. Das spielt auf den tragischen Tod eines Fischhändlers im Küstenort Al Hoceïma an. Moucine Fikri wollte 500 Kilogramm Schwertfisch verkaufen, der im Herbst nicht gefangen werden darf. Laut Presseberichten beschlagnahmte ein Vertreter der Fischereibehörde die Ware und ließ sie in einer Müllpresse vernichten. Der Händler sprang in den Müllwagen, um die Schwertfische zu retten und wurde dort zerquetscht.

          Erinnerungen an Proteste in Tunesien werden wach

          Für viele Marokkaner war die Aktion des Polizisten ein Beispiel für „Hogra“, die Willkür oft korrupter Behördenvertreter. Zu Fikris Beerdigung am Sonntag kamen Tausende wütende Bürger. Seitdem hat eine Welle von Protestkundgebungen auch Städte wie Casablanca, Fez und Marrakesch erfasst. Für die Demonstranten ist der Fischhändler ein „Märtyrer“, dessen „Kampf“ sie fortsetzen wollen. Während der bisher friedlich verlaufenen Kundgebungen gelobten sie, sich nicht mehr erniedrigen zu lassen.

          Die Demonstrationen sind ungewöhnlich für Marokko, das von den Auswirkungen der Arabellion weitgehend verschont geblieben war. Jetzt weckte die heftige Reaktion auf Fikris Tod Erinnerungen an Tunesien, wo mit der Selbstverbrennung des Obstverkäufers Mohamed Bouazizi dort im Dezember 2010 die Arabellion ihren Anfang genommen hatte. Ein Streit über fehlende Genehmigungen war damals eskaliert. Bouazizi nahm sich das Leben, um damit gegen Unterdrückung und Chancenlosigkeit zu protestieren. Im Januar 2011 erreichten die Proteste die Hauptstadt Tunis, am 14. Januar 2011 floh der seit Jahrzehnten herrschende Machthaber Zine El Abidine Ben Ali ins Ausland. Wenig später trat der ägyptische Präsident Husni Mubarak zurück, im Februar 2011 brach in Libyen der Aufstand gegen Muammar al Gaddafi aus.

          Marokkos König reagiert schnell

          In Marokko reagierte König Mohamed VI. 2011 schnell auf erste Proteste im eigenen Land. Ihm gelang es, mit vorsichtigen Reformen und einer zaghaften Öffnung des Regimes dafür zu sorgen, dass es ruhig blieb. Nach dem Tod des Fischhändlers reagierte der Monarch umgehend, der zu dem Zeitpunkt in Ostafrika unterwegs war. Er entsandte Innenminister Mohamed Hasad an den Ort des Geschehens, um den Vorfall „minutiös und eingehend“ zu untersuchen.

          Mehrere Mitarbeiter der Fischereibehörde und der Verwaltung wurden mittlerweile festgenommen. Ihnen wird fahrlässige Tötung und Urkundenfälschung vorgeworfen. Die bisherigen Ermittlungen ergaben nach offiziellen Angaben, dass die Müllpresse unabsichtlich in Gang gesetzt worden war, als Fikri sich schon im Wagen befand – und nicht auf Anordnung des Polizisten, wie Augenzeugen gesagt hatten.

          Geringes Vertrauen in eigene Regierung

          Aber das genügte nicht, um die Ruhe im Land wiederherzustellen. Die heftige Reaktion auf Fikris Tod ist ein weiteres Beispiel dafür, wie gering das Vertrauen vieler Marokkaner in ihren Staat ist, dessen Parlament sie erst im Oktober gewählt haben. Das wurde an der Wahlbeteiligung deutlich. Nur 43 Prozent der 16 Millionen Wahlberechtigten gaben ihre Stimme ab; das waren noch weniger als bei den Wahlen im Jahr 2011. Dabei ist der politische Freiraum in Marokko so groß wie in wenigen anderen Ländern der Region.

          In Ägypten und Tunesien waren die Islamisten seit 2011 für nur relativ kurze Zeit an der Macht. In Marokko wurden die moderaten Muslime der „Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung“ (PJD) in friedlichen Wahlen zum zweiten Mal die stärkste Partei und konnten die Zahl ihrer Mandate sogar noch vergrößern. Der pragmatische und beliebte PJD-Vorsitzende und Ministerpräsident Abdelilah Benkirane führt seit mehr als fünf Jahren eine Koalitionsregierung.

          Forderungen nach besseren Chancen

          Der politische Spielraum des Regierungschefs ist jedoch begrenzt. Benikrane sprach zwar nach dem Wahlsieg der PJD von einem „Sieg der Demokratie“. Gleichzeitig warf seine Partei den Behörden Wahlbetrug zugunsten der Herausforderer von der säkularen PAM-Partei vor und reichte 50 entsprechende Beschwerden ein. Vor fünf Jahren war Benikrane mit dem Versprechen angetreten, die Korruption zu bekämpfen. Doch seit er Regierungschef ist, hat sein Elan spürbar abgenommen. Auch die Wirtschaft entwickelt sich langsam. Offiziell liegt die Arbeitslosenquote bei zehn Prozent, aber mindestens doppelt so viele junge Marokkaner finden keine Stelle. Eine wachsende Zahl von ihnen versuchte deshalb zuletzt, nach Europa zu kommen. Während der jüngsten Kundgebungen verlangten Demonstranten, dass die Regierung im eigenen Land für bessere Chancen sorgt.

          Trotz der Liberalisierung der vergangenen Jahre hat in Marokko weiter der König politisch das letzte Wort. Die jüngsten Proteste galten so auch ihm als höchster Instanz des Landes. In Slogans beschuldigten Demonstranten den „Makhzen“, den Königshof und seine Entourage, den Fischhändler „ermordet“ zu haben.

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