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Südafrika : In der Wagenburg

Helden der Apartheid - Vor den Toren von „Orania“ richten sich die Büsten der weißen Idole gegen das schwarze Südafrika Bild: AFP

Viele Weiße in Südafrika fürchten sich vor den Zuständen im schwarzen Südafrika. Sie igeln sich ein, und viele trauern der Apartheid nach. Die Weißen, die schon wieder von einem weißen Südafrika träumen, ziehen nach Orania.

          Yolandi Roets und ihre Familie stammen aus Middelburg in der Provinz Mpumalanga und leben seit einem Jahr in Orania. Das alles liegt in Südafrika, nur Orania, das so klingt wie ein Fantasyreich, das liegt nicht in Südafrika und doch mittendrin. Yolandi Roets Mann war Pfarrer in Middelburg, sie hatte ein kleines Geschäft für Musikinstrumente. Alles aufgegeben, alles verkauft. Heute fertigt Frau Roets Bilderahmen in ihrer kleinen Werkstatt in Orania, während die drei kleinen Söhne draußen mit dem Hund umhertollen. „Für uns war das immer ein Traum, in Orania zu leben“, sagt sie. Warum? „Wir wollten für unsere Kinder eine afrikaansssprachige Umgebung und eine Gemeinde, die sich den Werten der Kirche verpflichtet fühlt“, sagt Frau Roets. Hätte sie das nicht auch in Middelburg finden können, wo doch in Südafrika ohnehin jede Rasse unter sich bleibt? „Sicher“, antwortet sie, „aber das hier ist eine Umgebung, in der wir uns geborgen fühlen.“ Mit anderen Worten: eine Umgebung ohne Schwarze.

          Thomas Scheen †

          Politischer Korrespondent für Afrika mit Sitz in Nairobi.

          Für die Weißen sind sie der Grund für Kriminalität, Korruption und Inkompetenz. Henk Pistorius, der Vater des wegen Mordes angeklagten Spitzensportlers Oscar Pistorius, gab diesem Gefühl der Ohnmacht, Angst und Überlegenheit, das unter den Buren so weit verbreitet ist, erst vor kurzem einen viel beachteten Ausdruck, als er das monströs große Waffenarsenal seiner Familie damit erklärte, dass die schwarze Regierung nichts zum Schutz der Weißen tue. Deshalb igeln sie sich in ihren Wagenburgen ein. Die schönste Wagenburg heißt Orania.

          Seltsame Siedlung inmitten einer Halbwüste

          Die Siedlung wirkt auf den ersten Blick ein wenig wie das Gelände einer Kaserne: Die Straßen sind betoniert, und überall sorgen Hinweisschilder dafür, dass sich niemand verläuft. Die Vorgärten der Häuser sind gepflegt, nicht einmal ein verwehtes Stück Papier verunziert das Straßenbild. Die meisten Häuser sind bescheidene Bungalows, dazwischen ragt aber auch der ein oder andere Palast heraus. Daneben gibt eine ganze Reihe Ferienwohnungen, ein luxuriöses Hotel und zwei Altersheime, die sich noch im Bau befinden. Es gibt zwei Schulen mit insgesamt 300 Schülern und eine Währung namens „Ora“, die als Gutschein in jedem Geschäft eingetauscht werden kann, während die Referenzwährung, der südafrikanische Rand, auf der Bank Zinsen produziert. Von Orania nach Kimberley, der nächsten größeren Stadt, sind es 160 Kilometer. Die andere größere Stadt, Upington, liegt doppelt so weit entfernt. Die seltsame Siedlung liegt mitten in der Halbwüste Karoo. Für ihre Bewohner ist Orania die Erfüllung eines Lebenstraums. Für die Mehrzahl der Südafrikaner aber ist Orania Symbol einer Geisteshaltung und einer Epoche, die eigentlich vergangen ist.

          Orania ist eine ausschließlich weiße Siedlung. Tausend Menschen leben hier, allesamt afrikaanssprachig, allesamt unzufrieden mit dem Südafrika drumherum. Sie stammen aus Pretoria und aus De Aar, aus Middelburg und Kronstad - aus Städten, die nur noch dem Namen nach afrikaans sind. In Orania aber stellen die Nachfahren der ersten weißen Siedler, der aus den Niederlanden, Deutschland und Frankreich stammenden Voortrekker, die absolute Mehrheit - jene Gruppe, die Südafrika einst urbar machte, die Apartheid erfand und die ihre Sprache den Schwarzen aufzudrängen versuchte. Orania ist eine weiße Enklave in einem schwarzen Land, ein „Kraal“, wie die kreisförmigen Wehrsiedlungen der Zulu in Natal von den Buren genannt werden.

          Carel Boshoff ist der „Bürgermeister“, obwohl die Siedlung offiziell keine eigenständige Kommune ist. Er ist der Sohn des gleichnamigen Gründers von Orania und mütterlicherseits ein Enkel von Hendrik Verwoed, dem Ideologen der Apartheid, dem sie in Orania ein Denkmal gebaut haben. Doch das gängige Bild des stämmigen und wenig zimperlichen Buren passt zu diesem Mann wie die buchstäbliche Faust aufs Auge. Carel Boshoff IV. ist schmächtig, er spricht wohlüberlegt und leise. Boshoff wirkt wie ein Lehrer, nicht wie ein Rebell. Doch genau das ist er in den Augen der schwarzen südafrikanischen Regierung. Boshoff sagt, die Buren in Orania bekämpften nicht den südafrikanischen Staat, aber sie wollten so wenig wie möglich mit ihm zu tun haben. „Wir fühlen uns in diesem Land als eine Minderheit, deren Sprache, Kultur und Geschichte dem Untergang geweiht ist. Orania soll das verhindern“, sagt Boshoff.

          Ein Lied als Aufruf zum Lynchmord

          Die südafrikanische Verfassung garantiert in Artikel 235 jeder Minderheit „das Recht auf Selbstbestimmung im Rahmen des Rechts jedes Südafrikaners auf Selbstbestimmung“. Das kann man dergestalt interpretieren, dass die auf 2,8 Millionen Menschen geschätzten afrikaanssprachigen Südafrikaner ein verfassungsmäßiges Recht haben, ihre Geschicke in die eigene Hand zu nehmen. Man kann sich andersherum auch fragen, wie es in einem solchen Fall um die Rechte der anderen Südafrikaner in einem autonomen „Volkstaat“ bestellt wäre. Erklärtes Ziel der „Orania Beweging“, der Gesellschaft, die Orania trägt, ist es nämlich, ein Stück Südafrika zu kontrollieren und dort nie wieder in die Minderheit zu geraten. Nicht nur deshalb spaltet die 1991 gegründete Siedlung die Meinungen im Land. Ihre Gegner leben von den Klischees über die Unbelehrbaren, die der Apartheid und dem Machtverlust hinterhertrauern; über Rassisten, die sich einfach nicht mit der neuen Realität in Südafrika anfreunden wollen. „Kennen wir alles“, sagt Carel Boshoff dazu, „aber wir hören schon gar nicht mehr hin.“

          Trotz der Klischees ließen sich die Mächtigen die Schrulligkeit von Orania nicht entgehen. Nelson Mandela besuchte die Witwe von Hendrik Verwoed in Orania, der jetzige Präsident Jacob Zuma besuchte Orania, um sich über die Gründe zu erkundigen, warum sie nach Autonomie strebt. Selbst Julius Malema, der inzwischen abgelöste Führer der Jugendliga der Regierungspartei „African National Congress“ (ANC), fand den Weg in die Karoo - ausgerechnet Malema, dem per Gerichtsbeschluss verboten wurde, bei Wahlkampfveranstaltungen weiterhin das Lied „Kill the Boer“ zu singen, weil es einem Aufruf zum Lynchmord gleichkomme. „Das war ein lustiger Nachmittag“, erinnern sie sich in Orania an den Besuch des Feuerkopfes.

          „Wir fühlen uns in diesem Land als eine Minderheit“, sagt Carel Boshoff, der „Bürgermeister“ von Orania

          Roelies De Klerk kam 1993 nach Orania, ein Jahr vor den historischen Wahlen, die Mandela zum ersten schwarzen Präsidenten des Landes machten. Sie studierte damals Jura in Pretoria und hatte das Gefühl, alsbald Fremde im eigenen Land zu sein. „Ich habe den Machtwechsel nicht gefürchtet, aber sicher gefühlt habe ich mich auch nicht“, sagt sie. „Die weißen Südafrikaner mit britischen, deutschen oder portugiesischen Wurzeln haben immer noch ihre Herkunftsländer. Wir Buren aber haben nur Südafrika.“ Orania, das Stück Land in der gottverlassenen Karoo, wollte damals keiner haben. „Also sind wir hierhergekommen.“ Heute betreibt Roelies De Klerk einen kleinen Schmuckladen in Orania, und die Geschäfte laufen nicht einmal schlecht. Die Kundschaft kommt aus Hopetown, aus Kimberley und selbst aus Upington. Dass man draußen auf dem Parkplatz unbesorgt den Zündschlüssel im Schloss stecken lassen kann, daran müssen sich die Besucher erst einmal gewöhnen. Zurückgeblickt hat Roelies De Klerk nie. „Das ist ein qualitativ hochwertiges Leben hier“, sagt sie.

          Die Nachteile nimmt sie dafür gerne in Kauf. Zum Beispiel die drastisch reduzierten Verdienstmöglichkeiten. Denn nach Orania zu ziehen, heißt immer auch, nicht mehr mit billiger schwarzer Arbeitskraft rechnen zu können. „Das machen wir ganz bewusst“, sagt Boshoff. Er und seine Familie nehmen für sich in Anspruch, lange vor dem Ende der Apartheid das Grundübel für die Spannungen zwischen den Rassen erkannt zu haben, nämlich die Arbeitsgesetzgebung unter der Apartheid, die es der weißen Minderheit erlaubte, sich auf dem Rücken einer schwarzen Mehrheit schamlos zu bereichern. Die Lebenshaltungskosten in Orania sind mehr als doppelt so hoch wie im Rest des Landes, weil die Lohnkosten so teuer sind. Selbst die Feldarbeit wird von Weißen erledigt, die dafür vernünftig entlohnt werden. Auch die dienstbaren schwarzen Geister, die jedem Mittelklassehaushalt in Johannesburg oder Pretoria das Leben erleichtern, sucht man in Orania vergebens. „Einem Europäer muss ich nicht erklären, dass es normal ist, sein Haus selbst zu putzen. Ein weißer Südafrikaner aber kann sich das kaum vorstellen“, sagt John Strydom, der Pressesprecher der Dachgesellschaft von Orania, der „Orania Beweging“. „Wir sagen den Leuten klipp und klar, was sie hier erwartet, das harte Klima in der Karoo, die geringeren Verdienstmöglichkeiten und vor allem: dass sie für ihren Unterhalt selbst sorgen müssen.“

          Bevölkerungszahl lediglich um 200 Menschen gestiegen

          Die Ursprünge von Orania gehen auf die späten achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts zurück, als der Theologieprofessor und Politiker Carel Boshoff die „Afrikaner Vryheidstigting“ (Freiheitsstiftung der Afrikaner) gründete, die sich der Bewahrung der eigenen Kultur verschrieben hatte. Boshoff glaubte nicht an ein auskömmliches Miteinander der Rassen und suchte Abgrenzung. 1991 kaufte die Stiftung für einen Preis von 1,6 Millionen Rand (nach heutigem Wechselkurs 160.000 Euro) zwischen den Städten Hopetown und Petrusville die ersten 300 Hektar Land von den staatlichen Wasserwerken. Viel ist seither geschrieben worden über die symbolische Bedeutung der geographischen Lage, etwa dass die Auswahl mit dem in der Nähe gelegenen Konzentrationslager zu tun habe, in dem die britischen Kolonialtruppen während des zweiten Krieges gegen die Buren Ende des 19. Jahrhunderts systematisch ganze Familien ausrotteten. Oder dass Orania an der Stelle liege, an der sich einst die Grenzen der drei Freistaaten der Buren - Natalia, Oranje und Transvaal - trafen.

          Die Wahrheit ist weitaus profaner: Die Buren waren auf der Suche nach einem unbewohnten Stück Land, weil sie niemanden vertreiben wollten. Heute ist Orania 8000 Hektar groß und das Land hat einen Marktwert von rund 500 Millionen Rand. Zum Verkauf stehende Farmen in der Region sind inzwischen umso teurer, je näher sie an Orania liegen. Die Siedlung beherbergt Farmer, Transportunternehmer, Handwerker, Makler, Architekten, Computerfachleute und seit kurzem sogar ein Call Center für afrikaanssprachige Auskünfte. Das Budget der Siedlung wächst jedes Jahr um 15 Prozent. In einer Umfrage der afrikaanssprachigen Zeitung „Beeld“ zeigten sich unlängst 56 Prozent der Befragten durchaus angetan von der Idee, irgendwann nach Orania umzusiedeln. Der Grund war fast immer derselbe: die Kriminalität in den Großstädten des Landes. Doch die Leute strömen nicht gerade nach Orania. Von den Anfängen bis heute ist die Bevölkerungszahl um lediglich knapp 200 Einwohner gestiegen. Dabei hat die „Orania Beweging“ allein schon 3000 zahlende Mitglieder, die meisten von ihnen Gutsituierte aus der Provinz Gauteng. „Wochenendkrieger“ nennt sie die „Beeld“ verächtlich.

          Annatjie Joubert hat eine einfache Erklärung für das schleppende Wachstum der Siedlung: „Ich vermute, das ist nicht jedermanns Sache hier.“ Frau Joubert und ihr Mann sind seit 1996 in der „Orania Beweging“ engagiert, den letzten Schritt aber, den Umzug nach Orania, haben sie erst 2007 getan. „Wir mussten in Pretoria erst einmal die finanzielle Grundlage schaffen, um uns diesen Traum zu ermöglichen“, sagt sie. Heute betreiben die Jouberts unter anderem eine Plantage für Pekannüsse und leben vergleichsweise bescheiden. „Ich finde das Leben hier stimulierend, weil alles, was ich plane, muss ich mit meiner Hände Arbeit verwirklichen“, sagt sie und rollt zum Beweis den Ärmel ihrer Jacke hoch, unter dem ein satter Sonnenbrand sichtbar wird. „Mir muss keiner erzählen, wie hart Feldarbeit ist.“ Und warum tut sie sich das an? „Weil wir ein Ziel haben: Freiheit für die afrikaanssprachigen Südafrikaner. In zwei oder drei Generationen wird es soweit sein“, glaubt sie.

          „Warum willst du nach Orania ziehen?“

          Jaco Kleynhans ist der Manager der „Orania Beweging“. Der Frage, was seine Bewegung eines Tages erreichen wolle, weicht er aus: „Ich weiß es nicht.“ Dabei ist doch klar, was die „Beweging“ anstrebt: erst einmal Autonomie und dann irgendwann einmal die Gründung einer eigenen Republik. Mit anderen Worten: ein Homeland wie die halbautonomen schwarzen Siedlungsgebiete Bophuthatswana, Ciskei und Venda zu Zeiten der Apartheid, nur jetzt eben weiß. Orania soll die Keimzelle eines wieder nach Rassen getrennten Südafrikas werden. „Wir sind keine Rassisten, im Gegenteil. Wir glauben, dass jeder auf seine Art glücklich werden soll“, sagt Kleynhans. „Aber die Realität im Südafrika von heute ist doch die, dass jeder zusehen muss, wo er bleibt.“ Einen kleinen Hieb auf die Buren in Pretoria kann er sich dabei nicht verkneifen. „Wir rennen jedenfalls nicht zu den australischen und britischen Botschaften, um auszuwandern.“

          Und wie steht er zu den weißen Rechtsextremisten wie Eugene Terreblanche, der vor zwei Jahren von einem seiner schwarzen Arbeiter erschlagen wurde - wäre Terreblanche in Orania aufgenommen worden, wenn er einen Antrag gestellt hätte? Kleynhans wiegt den Kopf: „Möglicherweise wäre er tatsächlich akzeptiert worden, aber das wäre ein schwarzer Tag für Orania gewesen“, sagt er.

          Orania ist Privatbesitz und hat die Rechtsform eines Unternehmens. Wer dort Land erwerben will, kauft der Firma Anteile im Wert des Grundstücks ab, auf dem er bauen will. Dieses Land, also der Anteilschein, ist anschließend frei verkäuflich, wobei der neue Eigentümer sich vor Einzug einer Prüfung durch ein Bürgerkomitee unterziehen muss. „Wir sind aber nicht die Geheimpolizei!“, beschwichtigt John Strydom sofort. „Wir fragen eigentlich immer dasselbe: Warum willst du nach Orania ziehen?“ Will sich der Bewerber für den Fortbestand der Sprache und Kultur einsetzen, hat er außerdem noch ein solides Verhältnis zur protestantischen Kirche, steht einer Aufnahme nichts im Weg. Gleichwohl behält sich die Gemeinschaft vor, bei der Polizei nach Vorstrafen nachzuforschen. Eine Rassenklausel existiert nicht in den Satzungen von Orania. Die würde gegen die Verfassung verstoßen. Folglich könnte auch ein afrikaanssprachiger Farbiger aus Kapstadt mit einem Faible für rigiden Calvinismus nach Orania ziehen. Aber das ist Theorie. „Unser europäischer Hintergrund ist natürlich auch ein Auswahlkriterium“, sagt Strydom.

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