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Präsident geflohen : Putsch in der Zentralafrikanischen Republik

Ein Regierungssprecher teilte mit, die Kämpfer kontrollierten die Stadt und hätten den Präsidentenpalast besetzt. Bild: reuters

In der Zentralafrikanischen Republik haben Rebellen die Einnahme des Präsidentenpalasts in der Hauptstadt Bangui bekannt gegeben. Präsident Bozizé floh nach Kongo.

          In der Zentralafrikanischen Republik hat die Rebellenkoalition „Séléka“ am Sonntag die Macht übernommen. Präsident François Bozizé ist offenbar geflohen. Erste Meldungen, wonach er sich über die nahe Grenze nach Kongo abgesetzt habe, wurden in Kinshasa zunächst dementiert. Aus der Hauptstadt Bangui wurde gemeldet, die Rebellen hätten den Präsidentenpalast eingenommen. Bewohner berichteten telefonisch von sporadischem Gewehrfeuer in einigen Vierteln der Stadt sowie von Plünderungen. Die Rebellen kündigten an, sich am Abend per Rundfunk an die Bevölkerung zu wenden und die Schaffung einer neuen Übergangsregierung zu verkünden.

          Thomas Scheen †

          Politischer Korrespondent für Afrika mit Sitz in Nairobi.

          Der Ministerpräsident der bisherigen zentralafrikanischen Übergangsregierung, Nicolas Tiangaye, hatte noch am Samstag an die Rebellen appelliert, Verhandlungen aufzunehmen, um „ein Blutbad zu vermeiden“. Diese hatten jedoch weitere Verhandlungen mit Bozizé abgelehnt, dem sie vorwerfen, das im Januar geschlossene Friedensabkommen nicht zu respektieren. Nach Vermittlung der Nachbarländer der Zentralafrikanischen Republik war damals eine Übergangsregierung geschaffen worden, in der etliche Vertreter der Rebellion Ministerposten erhalten hatten. Zwei weitere Forderungen von Séléka aber, die Freilassung von politischen Gefangenen und der Abzug der südafrikanischen und ugandischen Truppen aus dem Land, waren nicht erfüllt worden. Die Südafrikaner trainieren seit geraumer Zeit die Präsidentengarde, während die ugandischen Truppen in der Zentralafrikanischen Republik versuchen, des ugandischen Massenmörders Joseph Kony habhaft zu werden. Der Führer der „Lord Resistance Army“ soll sich nach seiner Flucht zunächst aus Uganda und später aus Sudan seit mehr als zwei Jahren im Norden der Zentralafrikanischen Republik aufhalten.

          Das französische Außenministerium rief am Wochenende alle Landesleute in dem Land auf, möglichst nicht mehr aus dem Haus zu gehen. Zur Sicherung des Flughafens von Bangui wurden zusätzliche Soldaten vom Stützpunkt in Libreville in Gabun in die Zentralafrikanische Republik verlegt. In Bangui leben rund 1600 Franzosen. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen äußerte sich „tief besorgt“ über das Vorrücken der Rebellen und verurteilte die „Versuche der Destabilisierung der Zentralafrikanischen Republik“.

          Schon von Bokassa zum General ernannt

          Séléka (Sango für „Allianz“) ist eine Koalition von vier Rebellengruppen. Die beiden wichtigsten sind die „Union des Forces Démocratiques pour le Rassemblement“ (UFDR) und die „Convention des Patriotes pour la Justice et la Paix“ (CPJP). Hinzu kommen die „Union des Forces Républicaines“ (UFR) und die „Convention des Patriotes pour le Salut du Kodro“ (CPSK). Gemein ist ihnen allerdings außer dem bewaffneten Kampf gegen Bozizé nichts. Es sind vielmehr ethnisch motivierte Gruppen, ebenso wie die Zusammensetzung der Regierung der Zentralafrikanischen Republik seit jeher Spiegelbild der gerade tonangebenden Ethnie ist. Das ist auch der Grund für die zahlreichen Putsche in dem Land seit der Unabhängigkeit von Frankreich 1960.

          Bozizé, der einst von „Kaiser“ Jean-Bédel Bokassa zum Brigadegeneral befördert wurde, war 2003 durch einen Putsch gegen Ange-Félix Patassé an die Macht gelangt. Maßgeblich Hilfe hatte er dabei von dem tschadischen Präsidenten Idriss Déby erhalten, der damals Truppen nach Bangui entsandt hatte. Déby hatte diese Einmischung mit der Sorge vor einer Destabilisierung des Landes durch Rebellen aus dem Nachbarland Kongo erklärt, namentlich der Truppe des derzeit wegen des Verdachts auf Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Den Haag einsitzenden Jean-Pierre Bemba, der Patassé mehr als einmal militärisch beigesprungen war.

          Doch Bozizé regierte nach seiner Machtübernahme genau wie sein Vorgänger Patassé, nämlich ausschließlich über die eigene Ethnie. Die nicht unerheblichen Einnahmen aus der Diamanten- und Goldförderung sowie dem Handel mit Holz teilten die Gefolgsleute Bozizés unter sich auf. Im Norden des Landes bildeten sich die ersten Rebellengruppen, deren Vormarsch auf Bangui 2006 noch mithilfe von französischen Truppen zurückgeschlagen werden konnte. Im vergangenen Jahr schloss Bozizé sowohl mit der UFDR als auch mit der CPJP einen Friedensvertrag, um anschließend alle Abmachungen umgehend zu vergessen. Bozizé glaubte offenbar, sich das schon deshalb leisten zu können, weil er notfalls auf die militärische Unterstützung des Tschads vertrauen konnte. Doch Déby ist der militärischen Abenteuer in der Zentralafrikanischen Republik offenbar ebenso überdrüssig wie die ehemalige Kolonialmacht Frankreich, die ein Eingreifen kategorisch ausgeschlossen hatte.

          Als die Rebellen im Dezember vergangenen Jahres zum Sturm auf Bangui ansetzten, forderten die Nachbarländer undFrankreich Konzessionen von Bozizé. Der bildete daraufhin im Januar eine Übergangsregierung unter Beteiligung der Rebellen. Von den politischen Gefangenen - und davon gab es viele im Reich des François Bozizé - kam niemand frei. Als Séléka Ende vergangener Woche deshalb abermals zum Sturm auf Bangui ansetzte und einen Kontrollposten der multinationalen Eingreiftruppe für Zentralafrika, Fomac, überrannte, war Bozizé nach Südafrika gereist, um militärischen Beistand zu erhalten. Präsident Jacob Zuma wollte davon nichts hören. Auch der ehedem engste Verbündete, der Tschader Déby, winkte ab. Tschad ist militärisch gerade stark in Mali engagiert und kann es sich schlicht nicht leisten, in einen zweiten bewaffneten Konflikt außerhalb seiner Grenzen verwickelt zu werden.

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