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Veröffentlicht: 22.04.2015, 11:03 Uhr

Flucht aus Eritrea Ein Jahrzehnt lang Grundwehrdienst

Viele der Flüchtlinge, die übers Mittelmeer nach Europa wollen, kommen aus Eritrea, obwohl es dort keinen Hunger und keinen Krieg gibt. Die Menschen fliehen vor dem menschenverachtenden System des Diktators aus dem „Nordkorea Afrikas“.

von , Johannesburg
© Reuters Eritreiische Flüchtlinge kommen im Oktober 2013 auf Lampedusa an.

Mit vielen Bootsflüchtlingen, die auf altersschwachen Kähnen über das Mittelmeer in Richtung Italien schippern, hat die Grenzpolizei in Lampedusa kaum Verständigungsschwierigkeiten: Sie sprechen zumindest gebrochen Italienisch. Eritrea, die ehemalige italienische Kolonie am Horn von Afrika, stellt die mit Abstand größte Gruppe unter den Flüchtlingen. Im Gegensatz zu den Flüchtlingen aus Afghanistan, Syrien oder Somalia wagen die Eritreer die lebensgefährliche Passage über das Meer nicht, um Krieg und Zerstörung zu entgehen. Schließlich herrscht in Eritrea seit 14 Jahren Frieden. Die Lebensbedingungen sind zwar alles andere als rosig, Hungertote kennt das Land indes nicht. Was die Eritreer in die Boote treibt, ist vielmehr ein menschenverachtendes politisches System.

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Einer der am häufigsten genannten Gründe für die Flucht ist der Militärdienst in Eritrea. Dort muss jeder Mann ab 18 Jahren einen Grundwehrdienst leisten, der offiziell auf 18 Monate begrenzt ist. Tatsächlich aber kann er ein Jahrzehnt dauern, ohne dass dem Rekruten Gründe genannt werden. Das Land ist seit dem Grenzkrieg mit Äthiopien, der 2000 endete, in einem permanenten Zustand der Generalmobilmachung. Selbst 50 Jahre alte Männer werden regelmäßig zum Militär eingezogen, dessen Offiziere für ihre Willkür berüchtigt sind. 

Infografik / Karte / Eritrea © F.A.Z. Vergrößern

Diese Belagerungsmentalität findet ihre Fortsetzung im alltäglichen Leben. Es gibt in Eritrea weder Meinungsfreiheit noch Versammlungsfreiheit. Der falschen Religion anzugehören, namentlich einer Pfingstkirche, endet mit Haftstrafen. Reisefreiheit ist ebenfalls ein unbekanntes Wort. Selbst für Reisen innerhalb des Landes brauchen Eritreer eine Genehmigung. Wer sich dagegen auflehnt, riskiert sein Leben. Amnesty International schätzt, das gegenwärtig zwischen 5000 und 10.000 Menschen aufgrund ihrer politischen beziehungsweise religiösen Ansichten im Gefängnis sitzen. Alleine die Ungenauigkeit dieser Schätzung verrät einiges über dieses Land. Eritrea ist ähnlich abgeschottet wie Nordkorea, und das wenige, was die Welt über dieses Land weiß, stammt aus den Berichten der Flüchtlinge.

DJIBOUTI--POLITICS-COMESA-AFEWORKI © AFP PHOTO Vergrößern Isaias Afewerki regiert Eritrea als wäre er immer noch im Buschkrieg.

Das repressive System in Eritrea hat einen Namen: Isaias Afewerki, der ehemalige Rebellenführer, der Eritrea 1993 in die Unabhängigkeit führte und seither das Land regiert. Nach Ansicht der äthiopischen Regierung verhält sich Afewerki als Staatschef so, als sei er immer noch im Busch: von vermeintlichen Feinden umgeben, gegen die nur ein allgegenwärtiger Sicherheits- und Repressionsapparat hilft.  Diese Einschätzung  muss allerdings mit Vorsicht zur Kenntnis genommen werden, schließlich unterhalten Äthiopien und Eritrea alles andere als freundschaftliche Beziehungen. Dabei waren Afewerki und der inzwischen verstorbene, ehemalige äthiopische Ministerpräsident Meles Zenawi einst Verbündete im Kampf gegen das äthiopische Derg-Regime. Eritrea war damals Teil Äthiopiens. Nach dem Sieg der Rebellen einigten sich Meles und Afewerki auf eine Abspaltung Eritreas, womit Äthiopien seinen Zugang zum Meer verlor.

Ein-Mann-Staat, der keinen Widerstand duldet

Fünf Jahre später, im Jahr 1998, brach Eritrea einen Krieg vom Zaun im Streit über ein Kaff namens Badme, dessen territoriale Zugehörigkeit umstritten war. Der Krieg forderte mehr als 100.000 Tote. Seither hat sich der Einparteienstaat Eritrea in einen „Ein-Mann-Staat“ verwandelt, in dem kein Widerspruch gegen Isaias geduldet wird. 

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Die letzten, die das gewagt hatten, war die so genannte „Gruppe der 15“, die sich aus ranghohen Mitgliedern der Regierungspartei „Volksfront für Demokratie und Gerechtigkeit“ (PFDJ) zusammensetzte und Isaias in einem offenen Brief aufgefordert hatten, ein Mehrparteiengesetz zu verabschieden. Das war 2001, der Grenzkrieg mit Äthiopien, der  Eritrea wirtschaftlich ruiniert hatte, war ein Jahr zuvor beigelegt worden. Elf der 15 Dissidenten wurden zusammen  mit zehn Journalisten, die den offenen Brief veröffentlicht hatten, umgehend verhaftet. Bis auf den heutigen Tag, 14 Jahre später,  weiß die Welt nichts über das Schicksal der 21 Häftlinge.

© reuters Debatte um Flüchtlingspolitik nach Schiffsunglück

Zwischen 2000 und 3000 Eritreer verlassen inzwischen nach Schätzungen der Vereinten Nationen jeden Monat das Land. Die wenigsten unter ihnen nehmen den gefährlichen und kostspieligen Weg über das Meer. Die meisten flüchten auf dem Landweg. In Israel sollen sich gegenwärtig 40.000 eritreische Staatsbürger aufhalten, im benachbarten Äthiopien sollen es 87.000 sein. Selbst in einem so schlecht beleumundeten Land wie Sudan muss das Leben freier sein als zu Hause, sonst wären nicht 125.000 Eritreer dorthin geflohen. Eine Zeitlang war Saudi-Arabien das gelobte Land für die eritreischen Flüchtlinge und die Route dorthin führte über den somalischen Hafen von Bossaso über das Rote Meer und von dort weiter nach Saudi-Arabien. Seit aber in Jemen Krieg herrscht, ist dieses Nadelöhr verstopft. Jahrelang haben sich im Roten Meer ähnliche Szenen abgespielt wie nun im Mittelmeer, mit Hunderten von Toten, nur hat die Welt davon nie Notiz genommen.

Italien beherbergt gegenwärtig geschätzt 14.000 Eritreer. Über die Gesamtzahl eritreischer Flüchtlinge kann nur spekuliert werden. Die letzten verlässlichen Zahlen des UN-Flüchtlingswerkes stammen zwar von 2011, sie liefern trotzdem ein eindeutiges Bild: Demnach sind auf der ganzen Welt 252.000 Eritreer als Flüchtlinge registriert. Bei einer Einwohnerzahl von rund 5,2 Millionen heißt das, fünf Prozent der Bevölkerung ist längst außer Landes geflohen.

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