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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Mali-Konflikt Vor unserer Haustür

Der Westen kann Afrika mit Terroristen und radikalen Islamisten nicht alleine lassen. Langfristig käme das teurer als die Operation „Serval“ in Mali.

Um sich vor Augen zu führen, welche Bedrohung von den Dschihadisten in Mali für Europa ausgeht, genügt ein Blick auf die Landkarte: Zwischen dem Aufmarschgebiet der Islamisten rund um Tessalit in der Sahara sind es 2000 Kilometer bis an die Küste des Mittelmeeres. Der Weg dorthin führt über Libyen, ein Land, in dem der Einfluss der Radikalen rasch wächst. Auf der anderen Seite des Mittelmeeres liegen Malaga, Marseille, Neapel. Ein mit starken Motoren versehenes Zodiac-Boot, wie es von Drogenschmugglern benutzt wird, kann eine Gruppe Attentäter über Nacht von Tripolis nach Sizilien bringen. Gleichwohl glauben in Europa nach wie vor viele, Al Qaida in Mali sei nicht unser Problem, sondern allein das der Afrikaner.

Thomas Scheen Folgen:    

Wenn Frankreich vor rund zwei Wochen nicht mit massiven Luftschlägen den Vormarsch der Islamisten auf die Hauptstadt Bamako gestoppt hätte, dann wäre Mali heute nach Somalia der zweite afrikanische Staat unter weitgehender Kontrolle islamistischer Fanatiker. Es gibt deshalb wirklich niemanden in Schwarzafrika, der die französische Militärintervention nicht ausdrücklich unterstützte. Das umso mehr, als es eine eigene Abwehrbefähigung gegen diese Form der Bedrohung einfach nicht gibt. Genau das ist der Grund, warum sich Al Qaida Afrika als neuen Stützpunkt ausgesucht hat: korrupte Regierungen, Operettenarmeen, poröse Grenzen. Wie wenig die Westafrikaner der auch für sie existentiellen Gefahr aus der Sahara entgegenzusetzen haben, zeigt das ermüdende Gerede über die Entsendung einer 4000 Mann starken afrikanischen Eingreiftruppe. 1500 davon sind inzwischen in Mali eingetroffen, und bis auf ein paar hundert tschadische Soldaten, die auf dem Luftweg in die am Wochenende von den Franzosen zurückeroberte Stadt Gao gebracht wurden, stehen sich die Soldaten dieser Truppe in Bamako gegenseitig auf den Füßen.

Infografik / Karte / Mali

Der Zustand der Armeen im frankophonen Afrika spottet im Vergleich zu denen im anglophonen Afrika, wo Ugander und Kenianer in Somalia erfolgreich gegen die radikalen Shabaab-Milizen vorgehen, jeder Beschreibung. In diesen Armeen gibt es Konteradmiräle, aber keine Marineschiffe, Panzergeneräle, aber keine Panzer. Das Material stammt durchweg aus den sechziger Jahren, und das Budget für Neuanschaffungen teilt die Führung regelmäßig unter sich auf. An diesem Zustand ist die ehemalige Kolonialmacht Frankreich nicht unschuldig. Die geheimen Verteidigungsabkommen, die Frankreich mit seinen ehemaligen Kolonien über viele Jahrzehnte unterhielt, machten einen Aufbau lokaler Sicherheitskräfte obsolet und gaben den jeweiligen Potentaten zudem die Gewissheit, vor einem Putsch der eigenen Armee relativ sicher zu sein.

Internationalisierter Konflikt

Das kann man ebenso beklagen wie das forsche Vorgehen des damaligen Präsidenten Sarkozy gegen den libyschen Diktator Gaddafi, ohne das der Sahel heute vermutlich nicht der Waffenbasar wäre, der er geworden ist. Nur nützt dieses Lamentieren angesichts der gegenwärtigen Lage niemandem. Dafür ist das Bedrohungspotential, das von den Islamisten in Mali ausgeht, einfach zu groß geworden. Die neue französische Regierung hat das erkannt und konsequent gehandelt. Die Frage, ob die Präsenz weißer Soldaten in Mali nunmehr die Internationale der Islamisten anziehen wird wie Motten das Licht und der Konflikt folglich eskaliert, stellt sich aber schon deshalb nicht, weil die längst da sind. In Mali tummeln sich Pakistaner, Jemeniten, Saudis, Somalier, Tschetschenen, Ägypter und Afghanen. Hinzu kommen Fundamentalisten aus Nigeria, Niger, Mauretanien, aus der Elfenbeinküste und den Maghreb-Staaten. An der blutigen Geiselnahme in der Gasförderanlage in Algerien waren ein niederländischer und ein kanadischer Staatsbürger arabischer Herkunft beteiligt. Diese Gegner sind ein paar Nummern zu groß für die Afrikaner; sie mit ihnen alleine zu lassen, käme den Westen langfristig teurer zu stehen als die „Opération Serval“ .

Die Geschwindigkeit, mit der die französische Armee in die Hochburgen der Islamisten vorstößt, lässt hoffen, dass die Dschihadisten zumindest als militärische Bedrohung alsbald ausgeschaltet sein werden. Ob sich damit aber der radikale Islamismus als Geisteshaltung erledigt hat, ist eine andere Frage. Nicht alle, die sich bei den Radikalen engagiert haben, tun das für Geld. Viele tun es aus Überzeugung. Die Islamistengruppe Ansar al Dine ist dafür das beste Beispiel: Von Tuareg gegründet und geleitet, besteht sie heute mindestens zur Hälfte aus schwarzen Maliern. Die Hinwendung zu solch archaischen Formen einer Gesellschaftsordnung hat nicht zuletzt mit der Unzufriedenheit über die Politik im eigenen Land zu tun, die sich wie in Mali zwar demokratisch nennt, in Wahrheit aber ein geschlossener Kreislauf zur Alimentierung der immer Gleichen ist. Bei den letzten Wahlen in Mali etwa lag die Wahlbeteiligung bei weniger als 25 Prozent. Der Anteil der Afrikaner an diesem Kampf gegen den Terror muss deshalb kein militärischer sein, das kann Frankreich einfach besser. Die Aufgabe der Afrikaner ist es vielmehr, endlich für gute Regierungsführung zu sorgen.

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Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 28.01.2013, 15:34 Uhr

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