Deutlicher konnte es der französische Präsident nicht formulieren: „Es wird keine Bodentruppen geben, französische Soldaten werden nicht in die Kämpfe eingreifen“, sagt François Hollande am 11. Oktober 2012 mit Blick auf die Krise in der früheren französischen Kolonie Mali. Drei Islamistengruppen haben dort seit Beginn des Jahres nahezu das halbe Land unter ihre Kontrolle gebracht. Am 7. Januar erreicht den Elysée-Palast dann die Nachricht, dass die Verhandlungen zwischen dem malischen Übergangsregime und der größten der Islamistengruppen, Ansar al Dine, „vorerst“ gescheitert seien. Die Dschihadisten rückten nun nach Süden vor. Die malische Armee, durch einen Putsch und interne Streitigkeiten stark geschwächt, hat dem nichts entgegenzusetzen.
Am 10. Januar folgt die Nachricht, dass die strategisch wichtige Stadt Konna in die Hände der islamistischen Kämpfer von Al Qaida im islamischen Maghreb (Aqim) und Ansar al Dine gefallen ist. Der Weg in die malische Hauptstadt Bamako, in der 6000 Franzosen leben, scheint frei. Es ist der 11. Januar, gegen 18 Uhr, als Hollande, an den der malische Interimspräsident Dioncounda Traoré zwei Tage zuvor ein Hilfsgesuch gerichtet hat, verkündet: „Die französischen Streitkräfte haben heute Nachmittag die malischen Einheiten in ihrem Kampf gegen die Terroristen unterstützt.“
Nicht alles läuft nach Plan
Zu diesem Zeitpunkt sind französische Truppen längst in Konna. Um 18.15 Uhr Ortszeit sind am 10. Januar die ersten beiden französischen Transportmaschinen mit „Forces speciales“ in Sévaré gelandet, einem Flughafen unweit der Stadt. Ihnen folgen zwei Kampfhubschrauber vom Typ „Gazelle“, die mit Panzerabwehrraketen und schweren Maschinengewehren bewaffnet sind und seit Wochen im Nachbarland Burkina Faso bereitstehen. Noch in der Nacht vom 10. auf den 11. Januar dringen „Forces speciales“ nach Konna vor und kundschaften die Gegner aus. Am 11. Januar um 16 Uhr, einem Freitag, beginnen die Hubschrauberangriffe. Nicht alles läuft nach Plan. Der Pilot eines der beiden Hubschrauber wird durch eine Gewehrkugel tödlich verletzt, sein Kopilot kann die Maschine notlanden. Der zweite Hubschrauber wird durch das Sperrfeuer der Dschihadisten so schwer beschädigt, dass er von seiner Besatzung aufgegeben und gesprengt wird. Die Stärke der Islamisten in Konna wird auf mehr als 1200 Mann geschätzt.
In Paris erläutert Verteidigungsminister Le Drian, die „Opération Serval“ diene dazu, das malische Regime vor dem Zusammenbruch zu retten und die französischen Staatsbürger in Bamako zu schützen. Ziel sei es, die islamistischen Einheiten hinter die Demarkationslinie zurückzudrängen, die in einer Ortschaft namens Douentza nördlich von Konna verläuft. Praktisch geht es darum, die Islamisten an der Überquerung des Niger-Flusses zu hindern. Die Stellungen der Dschihadisten in Konna, aber auch in Douentza und in Gao werden von Mirage-2000-Kampfflugzeugen angegriffen, die zuvor im 2500 Kilometer entfernten N’Djamena in Tschad aufgestiegen sind.
Über das Wochenende bringt die französische Armee Verstärkung aus allen Himmelsrichtungen nach Mali: Marineinfanteristen aus Abidjan in der Elfenbeinküste und aus N’Djamena, Fremdenlegionäre aus Calvi auf Korsika und aus Abu Dhabi. Hinzu kommen „Forces speciales“ und weitere Marineinfanteristen aus Frankreich. Ein französischer General wird später stolz erzählen, dass seine Soldaten in Poitiers innerhalb von 16 Stunden auf dem Weg waren. Auf dem Flughafen von Bamako landen Transportflugzeuge mit zusätzlichen Militärhubschraubern an Bord. Die Franzosen werden von der malischen Bevölkerung überschwänglich begrüßt.
Nichts mehr zu sehen von der malischen Armee
Montag, 14. Januar, 8 Uhr morgens: Eine Kolonne von mehr als 100 Kampffahrzeugen der Islamisten trifft in Diabali ein, einem verschlafenen Nest im Binnendelta des Niger. Es soll sich um Aqmi unter ihrem Führer Abu Zaid handeln. Sie schlagen die malische Armee in die Flucht. Damit ist der Weg frei nach Markala, wo eine Eisenbrücke über den Niger führt. Von dort aus ist es nicht mehr weit bis Ségou und Bamako. Offenbar hat niemand damit gerechnet, dass die Islamisten in der Lage sind, eine zweite Front zu eröffnen.
Hastig graben sich an der Brücke Legionäre ein und richten ihre Milan-Raketenwerfer aus. Etliche der in Sévaré stationierten Gazelle-Hubschrauber werden verlegt, ihr Stützpunkt ist jetzt ein Gehöft unweit von Niomo. Sie bombardieren die Islamisten jede Nacht. Die französische Armee beordert leichte Kampfpanzer vom Typ Sagaie, die zu der Militärmission „Licorne“ in der Elfenbeinküste gehören, über die Straße nach Mali. Die Kolonne braucht nur zwei Tage von Abidjan bis Markala. Von der malischen Armee ist nichts mehr zu sehen.
Die französische „Opération Serval“ läuft seit vier Tagen, als Präsident Hollande am 15. Januar die Kriegsziele neu definiert. Die Mission lautet fortan, die „territoriale Integrität“ Malis wieder herzustellen, das bedeutet, auch den Norden zu befreien. Hollande hört sich plötzlich an wie George W. Bush im Krieg gegen den Terror: „Sie fragen, was wir mit den Terroristen machen? Sie vernichten, sie gefangen nehmen, wenn es möglich ist!“
Die passenden Tankstutzen fehlen
Wieder sind es die „Forces speciales“, die bei Nacht nach Diabali eindringen, die Stärke des Gegners auskundschaften und die Hubschrauberangriffe koordinieren. Gleichzeitig nehmen Rafale-Kampfflugzeuge aus Frankreich so ziemlich alles unter Feuer, was nach Lagerhaus, Kommandozentrale oder Ausbildungslager der Dschihadisten aussieht. Die Angriffe erstrecken sich über den ganzen Norden Malis. Zahlreiche dieser Flüge werden über Mauretanien abgewickelt, obwohl es offiziell heißt, die algerische Regierung habe Überflugrechte erteilt. Neun Mal muss jeder der Jets in der Luft aufgetankt werden, bevor er wieder zurück in Frankreich ist. Jede Nacht sind bis zu 50 Flugzeuge in der Luft. Die französische Luftwaffe stößt an ihre Leistungsgrenze. Deutschland kann dem Gesuch aus Paris zur Bereitstellung von Tankflugzeugen nicht nachkommen, weil angeblich die passenden Tankstutzen fehlen. Amerikanische Tankflugzeuge springen ein. Die ersten Tiger-Kampfhubschrauber kommen zum Einsatz.
Einen Tag später, am 16. Januar, überfällt ein Kommando der Islamisten eine Gasförderanlage in der algerischen Wüste und nimmt mehrere hundert Geiseln, darunter viele Ausländer. Das Kommando beruft sich auf den Algerier Mokhtar Belmokhtar, der noch im November 2012 einer von drei Führern von Aqim in Mali gewesen war und sein Hauptquartier in Timbuktu aufgeschlagen hatte. Belmokhtar bezeichnet die Geiselnahme als Reaktion auf die Erteilung von Überflugrechten für französische Militärflugzeuge durch die algerische Regierung. Mehr als 40 ausländische Geiseln sterben, als die algerische Armee die Anlage stürmt.
Langeweile der Legionäre
Vier Tage nach den ersten Angriffen der Franzosen auf Diabali ziehen sich die Islamisten am 20. Januar unter großen Verlusten zurück und fliehen nach Norden. Aus Konna ziehen sie ebenso ab wie aus Douentza. Die Franzosen setzen nach. Am 26. Januar nehmen französische Truppen ohne große Gegenwehr Gao ein, die größte Stadt im Norden. Mit Flugzeugen werden tschadische und nigrische Soldaten in die Stadt gebracht, um sie zu sichern. Zwei Tage später, am 28. Januar, springen Fallschirmjäger der Fremdenlegion nachts über dem Flughafen von Timbuktu ab und sichern ihn für die Landung von Transportmaschinen mit mehr Soldaten. Timbuktu ist das Hauptquartier von Ansar al Dine. Die versucht beim Abzug noch, die frühislamischen Manuskripte, für die Timbuktu berühmt ist, zu verbrennen. Es ist ein Feuerchen. Mehr als 90 Prozent der unschätzbar wertvollen Schriften sind von mutigen Maliern längst in Sicherheit gebracht worden. Die Legionäre am Flughafen haben Langeweile.
Am gleichen Tag trifft in Dakar der französische Hubschrauberträger „Dixmude“ ein. An Bord sind unter anderem neue Radpanzer vom Typ VBCI und Selbstfahrhaubitzen vom Typ Caesar. Das sind 155-Millimeter-Kanonen und so ziemlich die dicksten Dinger im Arsenal der französischen Armee. Die neuen Fahrzeuge werden dringend benötigt, weil das Material der Franzosen dem atemraubenden Tempo des Vorstoßes in dem heißen Klima nicht gewachsen ist. Nahezu ein Viertel der gepanzerten Truppentransporter vom Typ VAB bleibt bei dem Vormarsch Richtung Norden mit Motorschaden oder Achsbruch liegen. „Das passiert, wenn man versucht, die Rallye Dakar mit 30 Jahren alten Schützenpanzern zu fahren“, sagt ein Leutnant amüsiert. Die Truppenstärke klettert auf 4000 Mann und übersteigt damit die Zahl französischer Soldaten, die auf dem Höhepunkt der Nato-Mission in Afghanistan stationiert waren. 30 Millionen Euro kostet der Einsatz alleine in den ersten zwölf Tagen.
Verteidigungsminister Le Drian spricht inzwischen von „einem echten Krieg“. Im militärischen Beratungsstab herrscht gedämpfter Pessimismus. Die beste Phase des Einsatzes sei bald vorüber, nun stehe ein zermürbender, asymmetrischer Krieg bevor, mit Selbstmordanschlägen und urbaner Guerrilla. Bis dahin aber erscheint dieser Krieg seltsam konturlos, was auch daran liegt, dass Journalisten systematisch ferngehalten werden. Le Drian spricht von „mehreren hundert Toten“ auf der gegnerischen Seite. Seine Rechnung beruht auf Annahme. Die Franzosen gehen davon aus, dass jeder Kampfwagen der Dschihadisten mit vier bis fünf Mann besetzt ist, und schließen anhand des verbogenen Blechs auf die Zahl der Getöteten. Eine Rebellengruppe aus Darfur im Westen Sudans behauptet, dort seien zahlreiche Kämpfer von Ansar al Dine eingetroffen. Wie aber sollen die Malier quer durch Niger und Tschad nach Sudan gelangt sein?
Verheddert in Widersprüchen
Am 2. Februar landet François Hollande im Flugzeug in Sévaré, ein Hubschrauber bringt ihn von dort nach Timbuktu. Die Fernsehbilder sind für das französische Publikum bestimmt. Hollande lässt sich als Befreier feiern. Er sagt aber auch: „Unsere Mission ist nicht beendet.“ Ein klares Ausstiegsszenario hat er nicht definiert, er verheddert sich in Widersprüchen. Am 19. Januar sagt er, Frankreich werde so lange vor Ort bleiben, „wie es nötig ist, um den Terrorismus zu besiegen“. Wenige Tage später sagt er, Frankreich sei „nicht berufen, dauerhaft in Mali zu bleiben“. Als Timbuktu kampflos befreit ist, verkündet er: „Nun können uns die Afrikaner ablösen.“ Der geplanten westafrikanischen Eingreiftruppe von mehr als 5000 Soldaten war wenige Tage zuvor Hilfe in Höhe von 337 Millionen Euro zugesagt worden. Trotzdem tritt die Entsendung dieser Truppe, die seit April 2012 geplant ist, auf der Stelle. Die Franzosen können nur auf die 2000 Tschader zählen, die als kampferprobt gelten und außerhalb des Chaos-Vereins aus Westafrika operieren.
5. Februar, Mitternacht, Kidal - die Hochburg der Tuareg, die diesen Krieg angezettelt haben. „Forces speciales“ schweben mit Fallschirmen ein und besetzen den Flughafen. Niemand stellt sich ihnen entgegen. Verstärkung wird eingeflogen, und dann heißt es plötzlich, eine Sicherung der Stadt sei vorerst nicht möglich, weil ein Sandsturm tobe. Das ist eine Ausrede. Ansar al Dine hat sich inzwischen gespalten, und die Dissidenten in Kidal, die sich „Islamische Bewegung für Azawad“ (MIA) nennen, schwören dem Terrorismus ab und wollen verhandeln. Vor allem wollen sie keine malischen Soldaten in Kidal, weil sie Vergeltungsaktionen befürchten. Geführt wird diese Gruppe von dem Targi Alghabasse Ag Intalla, der für Ansar al Dine die Scheinverhandlungen mit der malischen Regierung geführt hat und nun die eigene Haut retten will. Die Familie Intalla gehört zum Tuareg-Adel in einem Gebirge an der Grenze zu Algerien, in dem die Reste der Dschihadisten vermutet werden.
Den Franzosen gehen die Ziele aus
Die Franzosen brauchen Leute wie Intalla, um Verhandlungen mit den Islamisten aufzunehmen, die nach wie vor sieben französische Geiseln in ihrer Gewalt halten. Der Kompromiss sieht so aus, dass nicht malische Truppen, sondern 1800 Tschader nach Kidal einrücken. Wieder fliegt die französische Luftwaffe Angriffe - auf Stützpunkte der Islamisten in Aguelhok und Tessalit, die beiden letzten malischen Ortschaften vor der algerischen Grenze. Doch es werden immer weniger Luftschläge. Den Franzosen gehen die Ziele aus. „Wenn alles wie vorgesehen läuft, können unsere Truppen in Mali von März an verringert werden“, zitiert die Regierungssprecherin den Präsidenten am 8. Februar.
Sonntag, 10. Februar, Gao. Zwei Selbstmordattentäter sprengen sich an einer Straßensperre nördlich der Stadt in die Luft. In ihrem Gefolge dringt ein Kommando der Extremistengruppe „Bewegung für Einheit und Dschihad in Westafrika“ (Mujao) in die Stadt ein. Es folgt ein stundenlanges Feuergefecht, das erst endet, als französische Soldaten eingreifen. Mujao kündigt an, solche Angriffe fortzusetzen. Al Qaida im Jemen, die mutmaßlich gefährlichste Filiale des Terrornetzes, ruft zur Unterstützung der Brüder in Mali auf. Kurz darauf entschärfen französische Pioniere einen 600 Kilo schweren Sprengsatz mitten in Gao. Der Guerrillakrieg hat begonnen.
In Mali taten die Welschen wohl einen Schlag ins Leere
Lope de Aguirre (ZornGottes)
- 17.02.2013, 19:16 Uhr
Wieso soll der Guerilla-Krieg sehr lange dauern?
Sabine Mersmann (Sabine2772)
- 17.02.2013, 16:51 Uhr
Mali ist nur ein kleiner Teil der dortigen Konflikte
Ferdinand Bohn (Fred1999)
- 17.02.2013, 16:20 Uhr
Was für ein Glück, dass es den Euro gibt. Denn sonst
hätte Frankreich diesen Krieg selbst zahlen...
mathias dumke (alfons01)
- 17.02.2013, 15:33 Uhr
Frankreichs Geopolitik ähnelt sehr derjenigen von George W Bush....
Dirk Lehmann (DkLehmann)
- 17.02.2013, 15:31 Uhr
