Home
http://www.faz.net/-hp0-76bmc
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Mali Die alten Herren und die Islamisten

In Mali soll bald gewählt werden - aber vor welcher Wahl steht das Land? Die Politik in Bamako ist mitverantwortlich für den Niedergang des Landes.

© AFP Vergrößern Andere Leidenschaften: Diese Männer jubeln vergangene Woche in Malis Hauptstadt Bamako über ein Tor ihrer Fußball-Nationalmannschaft gegen Kongo. An diesem Mittwoch steht Mali im Finale des Afrika-Cups.

Seit dem schnellen Vorstoß der französischen Armee in die Hochburgen der Dschihadisten in Mali sieht es so aus, als könne das militärische Problem in diesem Land schneller gelöst werden als ursprünglich gedacht. Damit ist die Existenz Malis als laizistische Republik vorerst gesichert. Der Präsident der Übergangsregierung, Dioncounda Traoré, will Neuwahlen bereits am 31. Juli abhalten, wozu ihn sowohl die Westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft (Ecowas) als auch die Vereinten Nationen anhalten. Nur: Wen sollen die Wähler wählen?

Thomas Scheen Folgen:    

Die Politik in Mali ist mitverantwortlich für den Niedergang des Landes und den Aufstieg der Islamisten - und sie ist nach dem Putsch vom April 2012 nicht besser geworden. Noch immer gibt es mehr als 150 Parteien, von denen die meisten ein Ein-Mann-Betrieb mit angeschlossener Nichtregierungsorganisation sind. Hat der Politiker Geld, gesellt sich zu der Nichtregierungsorganisation auch noch eine Zeitung, die das Hohelied des Chefs singt.

Bei diesen Parteien nach handfesten Programmen oder sogar so etwas wie einer Vision für das Land zu suchen, ist ein hoffnungsloses Unterfangen. Niemand hat ein Konzept zur Senkung der Jugendarbeitslosigkeit oder zur Reform des darniederliegenden Bildungssystems. Alles, was die Akteure interessiert, ist „le pouvoir“, die Macht an sich.

Mali wird gegenwärtig von einer Übergangsregierung regiert, die sich in den zehn Monaten ihrer Existenz vor allem durch Nichtstun hervorgetan hat. Das ist allerdings weniger den Putschisten anzulasten, die die Macht zwei Monate nach ihrem Putsch im April vergangenen Jahres mehr oder weniger umstandslos zurückgaben, wenngleich sie mit vier Ministerposten mehr als nur einen Fuß in der Tür behielten. Das ist vor allem dem ehemaligen Ministerpräsidenten Cheikh Modibo Diarra zu verdanken, der bis zu seiner rabiaten Absetzung im Dezember vergangenen Jahres durch seine diffuse Politik auffiel. Der Astrophysiker mag ein kluger Kopf sein, von Politik aber versteht er nicht viel. Über Monate war er nicht in der Lage, ein Kabinett mit Vertretern aller politischen Strömungen zu formen. Diarra verstand die Übergangsregierung als Sprungbrett für seine eigenen Ambitionen auf den Präsidentenposten. Die Regierung der nationalen Einheit entstand erst, als ihm Übergangspräsident Dioncounda Traoré das Heft aus der Hand nahm: Danach dauerte die Regierungsbildung nur noch zehn Tage. Trotzdem waren sowohl Traoré als auch das Parlament zu schwach, Diarra in einem geordneten Verfahren zu entmachten, und überließen es einmal mehr den Militärs um den Putschisten Amadou Sanogo, den unfähigen Ministerpräsidenten regelrecht zum Rücktritt zu zwingen. Mit dem neuen Ministerpräsidenten Diango Sissoko, einem alten Weggefährten des im Frühjahr 2012 gestürzten Präsidenten Amadou Toumani Touré, kurz ATT genannt, funktioniert zwar wieder die Verwaltung, doch eine politische Neubelebung sieht anders aus.

Alternative zum herkömmlichen Politikbetrieb

Sissoko steht genau wie der Interimspräsident Traoré, der ehemalige Parlamentspräsident, für ein altes politisches System, das sich nach außen gerne demokratisch gibt, in Wahrheit aber zutiefst korrupt ist. Das zeigte sich auch beim Aufmarsch der Islamisten in Mali, vor allem der „Al Qaida im islamischen Maghreb“ (Aqmi). Nachdem diese aus Algerien vertrieben worden waren und in Mali ihre Zelte aufgeschlagen hatten, ignorierte „ATT“ alle Warnungen aus Algier. Er ließ die Islamisten schon deshalb in Ruhe, weil in seinem Umkreis einige Leute kräftig an deren Geiselgeschäften mitverdienten. Daneben bediente sich die Elite an Entwicklungshilfezahlungen und den staatlichen Einnahmen aus der boomenden Goldförderung. Die Folge war eine Politikverdrossenheit, die mit Händen zu greifen war. Bei den bisher letzten Wahlen lag die Beteiligung bei weniger als 25 Prozent, weil sich die politischen Akteure in den Augen der meisten Wähler hoffnungslos diskreditiert hatten.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Japan vor der Wahl Das Paradox von Tokio

Japans Ministerpräsident Shinzo Abe erfährt für seine Politik immer weniger Zustimmung. Für die Wahl an diesem Sonntag sagen Umfragen ihm dennoch eine Zwei-Drittel-Mehrheit voraus. Woran liegt das? Mehr Von Carsten Germis, Tokio

13.12.2014, 12:32 Uhr | Politik
Im Goldrausch Goldgräber auf gefährlicher Suche in Mali

Im westafrikanischen Staat Mali sind Tausende auf der Suche nach dem großen Fund. Bis zu einer Million Menschen schürfen regelmäßig nach Gold - bei einer Einwohnerzahl von 14 Millionen Menschen. Mehr

16.12.2014, 11:55 Uhr | Gesellschaft
Was Sie heute erwartet 15.000 Anhänger bei Pegida in Dresden

Die Anti-Islam-Bewegung Pegida mobilisiert trotz der Kritik etablierter Parteien an ihren Parolen immer mehr Sympathisanten. Mehr

16.12.2014, 07:06 Uhr | Wirtschaft
Ivorer setzen ihre Haustiere aus

Affen und Raubkatzen sind in der Republik Elfenbeinküste beliebte Haustiere - doch aus Angst vor einer Ansteckung mit Ebola werden in dem westafrikanischen Land immer mehr Tiere ausgesetzt. Im Zoo von Abidjan ist die Quarantänestation überfüllt. Mehr

24.09.2014, 13:14 Uhr | Gesellschaft
Im Kino: Timbuktu Am Anfang war Gewalt

Abderrahmane Sissakos Film Timbuktu zeigt den Albtraum des islamistischen Wütens - und ruft zugleich die Sanftmut als die Quelle des Widerstands auf den Plan. Meisterhaft ist auch die Bildsprache der Kamerafrau Sofiane El Fanisi. Mehr Von Hans-Jörg Rother

12.12.2014, 13:47 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 05.02.2013, 17:09 Uhr

Falsche Führung

Von Reinhard Müller

Der Bamberger Erzbischof Schick warnt Christen vor der Teilnahme an „Pegida“-Demonstrationen. Gegen was soll ein Christ demonstrieren dürfen, wenn nicht gegen die „Islamisierung Europas“? Mehr 10 60