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IS in Libyen : In der Zange einer unnatürlichen Allianz

Milizen an einer Ausfallstraße von Sirte Bild: Reuters

Um die Dschihadisten des IS aus ihrer libyschen Hochburg Sirte zu vertreiben, haben sich unnatürlich anmutende Verbündete zusammengefunden. Sie haben ausgeprägte Eigeninteressen.

          Vor etwa einem Monat steuerte ein Selbstmordattentäter des „Islamischen Staates“ (IS) seinen mit Sprengstoff präparierten Lastwagen in einen Kontrollpunkt von Milizionären aus der Küstenstadt Misrata. Wenig später schlugen Kämpfer aus der Stadt gegen die Dschihadisten zurück. Ihr Gegenangriff führte sie bis ins Zentrum von Sirte, der Hochburg des IS in Libyen. „Wir wollten gegen den Feind vorrücken und uns nicht auf die Verteidigung beschränken“, sagt ein Militärsprecher aus Misrata. Seine Truppen seien binnen zwanzig Tagen um rund 180 Kilometer vorgerückt. Inzwischen hätten sie die Kämpfe bis ins Zentrum von Sirte getragen. Aber der Vormarsch werde erschwert durch Sprengfallen und Heckenschützen – und durch die Selbstmordattentäter, die den Kämpfern aus Misrata schwere Verluste zugefügt hätten.

          Christoph  Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Die Dschihadisten werden in die Zange genommen. Von Westen und Süden rücken Misrata-Milizen auf Sirte vor. Im Osten drängen die „Petroleum Facilities’ Guards“ (PFG) unter Führung des Warlords Ibrahim Dschadhran den IS zurück. Die neuen Erfolgsmeldungen dürften in westlichen Hauptstädten mit Freude zur Kenntnis genommen werden. Dort ist man nicht nur über die Präsenz des IS besorgt, der den andauernden innerlibyschen Machtkampf genutzt hatte, um sich auszubreiten. Vor allem Washington hatte ungeduldig Ergebnisse gefordert.

          Europa ist mit Flüchtlingsströmen konfrontiert, für deren Eindämmung man einen durchsetzungsfähigen libyschen Partner braucht. Die unter Vermittlung der Vereinten Nationen gebildete Regierung der Nationalen Übereinkunft, die von moderaten Kräften der beiden rivalisierenden Lager gestützt wird, sitzt noch nicht fest im Sattel. Im Osten, in den Reihen der Führung in Tobruk, herrscht noch Widerstand. Dort verfolgt der umstrittene Armeechef Chalifa Haftar eigene Interessen. Auch im islamistisch gefärbten Tripolis-Lager, das von Kräften aus Misrata dominiert wird, wollen sich die Hardliner nicht der sogenannten Übereinkunftsregierung unter Ministerpräsident Fajez Sarradsch unterstellen.

          Der Angriff auf Sirte verschafft Sarradsch und seiner Mannschaft neues Prestige: Denn sowohl die Truppen aus Misrata als auch die PFG-Milizionäre haben sich einer Operationszentrale unterstellt, welche die Übereinkunftsregierung im Zuge des Vormarsches der Misrata-Brigaden Ende Mai ins Leben gerufen hat. Sie trägt den Titel „Buniya marsus“, was sich mit „festgefügte Struktur“ übersetzen lässt. Diese Vokabel findet sich in einem Koranvers wieder, der jene preist, die im Dienste Gottes in einer festgefügten Schlachtordnung kämpfen. Ein Sieg über den IS unter ihrer Führung würde helfen, die Position der neuen Regierung zu stärken, die noch immer von einer Marinebasis in der Hauptstadt Tripolis aus arbeitet.

          „Es ist nur eine Frage von Tagen, bis der IS aus Sirte vertrieben ist“, sagt der Militärsprecher aus Misrata. Das mag eine sehr optimistische Prognose sein, und westliche Regierungen halten sich mit öffentlichen Erfolgsmeldungen zurück. Ahmed Maitiq, der Stellvertreter Sarradschs, äußerte sich zurückhaltend. Bislang sei es sehr gut gelaufen. „Aber wir wissen nicht, welche bösen Überraschungen sie noch auf Lager haben.“ Sollte der IS bis zum letzten Mann kämpfen, dann könne es zwei Monate dauern, bis die Gegend gesichert sei.

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