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Veröffentlicht: 26.02.2013, 10:30 Uhr

In Kamerun entführte Familie Paris lehnt Verhandlungen mit Geiselnehmern ab

Im Internet ist ein Video aufgetaucht, das die in Kamerun entführte französische Familie zeigen soll. Frankreich lehnte jegliche Verhandlungen mit den nigerianischen Geiselnehmern von Boko Haram ab.

© AFP Ein auf der Videoplattform YouTube aufgetauchtes Bild soll die entführte französische Familie in der Gewalt ihrer Geiselnehmer zeigen.

Die vor einer Woche in Kamerun entführte siebenköpfige französische Familie scheint sich wie befürchtet in den Händen von radikalen Islamisten aus Nigeria zu befinden. Am Montag war ein YouTube-Video aufgetaucht, in dem die Familie - darunter vier Kinder im Alter von fünf bis zwölf Jahren - zusammen mit bewaffneten und
vermummten Männern zu sehen ist. Der Vater, Tanguy Moulin-Fournier, verliest dabei auf Französisch einen Text, in dem es heißt, die Familie sei Geisel der radikalen nigerianischen Sekte Boko Haram. In dem Text wird die Freilassung der in Kamerun inhaftierten Mitglieder der Sekte gefordert sowie die Freilassung der „Frauen von Boko Haram“ in Nigeria.

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Einer der Bewaffneten verliest anschließend eine Erklärung auf Arabisch, in der er Frankreich beschuldigt, „dem Islam den Krieg erklärt zu haben“, was als Anspielung auf die Militäraktion in Mali verstanden wurde, und wiederholt die zuvor von der Geisel verlesenen Forderungen. Die sechsköpfige Familie Moulin-Fournier, die seit zwei Jahren in Kamerun lebt, war am Montag vergangener Woche zusammen mit dem Bruder des Vaters auf dem Heimweg von einem Besuch des Nationalparks Waza im Norden Kameruns überfallen und über die Grenze nach Nigeria verschleppt worden.

Die französische Regierung zeigte sich „schockiert über die grausamen Bilder“ und lehnte Verhandlungen umgehend ab. „Wir verhandeln nicht auf einer solchen Basis“, sagte Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian. Außenminister Laurent Fabius sagte, die Forderungen der Geiselnehmer seien schon deshalb nicht zu erfüllen, weil sie „außerhalb des Einflussbereiches der französischen Regierung“ liegen.

Boko-Haram-Kämpfer auch in Kamerun inhaftiert?

Die Forderung nach der Freilassung der in Nigeria inhaftierten „Frauen“ ist eine immer wiederkehrende Forderung von Boko Haram an die nigerianische Regierung. Gemeint damit ist die Freilassung der Familienangehörigen von Mitgliedern der Sekte, die von den nigerianischen Sicherheitskräften in der Regel in einer Art Sippenhaft festgehalten werden. Neu ist allerdings die Forderung nach der Freilassung von in Kamerun inhaftierten Sektenmitgliedern. Bislang war öffentlich nicht bekannt, dass dort mutmaßliche Boko-Haram-Kämpfer in Haft sitzen.

Boko Haram, was so viel heißt wie „Bildung ist Sünde“, hatte sich 2004 in der nordnigerianischen Stadt Maiduguri gegründet und gibt vor, für die Schaffung eines Kalifats zu kämpfen und brandmarkt den westlichen Einfluss in Nigeria als Todsünde. Seither attackiert die Gruppe blindwütig Kirchen und Symbole des Staates. Die Zahl der Opfer liegt inzwischen bei mehr als 2000 Toten. Es ist jedoch das erste Mal, dass Boko Haram gezielt Ausländer angreift und sich einer Entführung bezichtigt. Der Terror der Gruppe galt bislang als ein rein nationales nigerianisches Problem, wenngleich es in der Vergangenheit mehrfach Hinweise auf eine Kooperation der Sekte mit „Al Qaida im islamischen Maghreb“ (Aqim) in Mali gegeben hatte. So hatten nigrische Sicherheitsdienste mehrfach berichtet, Beweise für die Anwesenheit von Sektenmitgliedern in den Ausbildungslagern von Aqim in Mali zu haben. Mutmaßlich aber handelt es sich bei den in Mali gesichteten Boko-Haram-Anhängern um Mitglieder einer neuen nigerianischen Terrorgruppe Ansaru, einer auf Entführung spezialisierten Splittergruppe von Boko Haram.

Ansaru hatte sich vor zwei Jahren nach einem blutigen Richtungsstreit innerhalb von Boko Haram gegründet, bei dem es darum gegangen war, den „Kampf“ über die nigerianischen Grenzen hinauszutragen und damit zu internationalisieren. Das wenige, was man über Boko Haram weiß, legt jedenfalls den Schluss nahe, dass sich einflussreiche Mitglieder der Sekte einer solchen Internationalisierung widersetzen. Der vollständige Name von Ansaru lautet „Dschamaat Ansar al Muslimin fi Bilad al Sudan“, was so viel heißt wie: „Stoßtrupp der Beschützer der Muslime in Schwarzafrika“. Geführt wird diese Gruppe angeblich von Khalid Al Barnawi, den amerikanische Antiterrorspezialisten für einen von drei „internationalen Terroristen“ in Nigeria halten.

Im Mai 2011 entführte Ansaru in Kebbi in Nordnigeria einen Briten und einen Italiener. Beide starben im März 2012 bei einer fehlgeschlagenen Befreiungsaktion im nigerianischen Bundesstaat Sokoto. Im Dezember 2012 bezichtigte sich Ansaru der Entführung des französischen Ingenieurs Francis Collomp in Nigeria. Und vor Wochenfrist waren in Nordnigeria auf einer Baustelle sieben Ausländer verschleppt worden, drei Libanesen, ein Grieche, ein Brite und ein Italiener. Auch in diesem Fall bezichtigte sich Ansaru der Tat.

Die Rhetorik von Ansaru passt jedenfalls besser in das Bild einer internationalen Terrororganisation als die immer auf nationale Angelegenheiten abzielenden Forderungen von Boko Haram. Bei Ansaru ist regelmäßig von den angeblichen „Verbrechen gegen den Islam in Europa“ die Rede. In keiner der jüngeren Botschaften der Terrorgruppe fehlt der Hinweis auf den Krieg in Mali - wie im Fall der Entführung der französischen Familie.

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Quelle: F.A.Z.

 

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