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Ebola : Der Tod kennt keine Grenzen

Die Opfer werden in speziellen Säcken beerdigt, um eine Ausbreitung des Virus zu verhindern Bild: REUTERS

Das Ebola-Virus verbreitet sich über alle Landesgrenzen hinaus. In Westafrika spielen sie ohnehin keine Rolle. Warum die Epidemie so schwer einzudämmen ist.

          Nungua ist ein Fischerdorf in Ghana, ein winziges Nest zwischen der Hauptstadt Accra und der Hafenstadt Tema. Üblicherweise liegen am Strand von Nungua zehn, vielleicht 15 Fischerboote. Derzeit drängen sich dort mehr als hundert Boote, die üblicherweise in Liberia im Einsatz sind. Die Besatzungen sind ghanaische Fischer der Ethnie der Fanti. Sie flüchten vor der Ebola-Epidemie in Liberia und kehren in ihre angestammte Region zurück.

          Thomas Scheen †

          Politischer Korrespondent für Afrika mit Sitz in Nairobi.

          Kontrolliert oder gar auf das tödliche Virus untersucht werden sie nicht, weder beim Verlassen Liberias noch bei der Ankunft in Ghana. Das hat zum einen mit fehlendem Personal der ghanaischen Gesundheitsdienste zu tun und mit der Angst der Polizisten, sich selbst zu infizieren. Es hängt aber auch damit zusammen, dass selbst ein großes Aufgebot an Sicherheitspersonal die Fischer nicht an einer Heimkehr hindern könnte: Kleine Häfen gibt es unzählige im Golf von Guinea, und Verwandte, die sie aufnehmen, haben die Fanti entlang der ganzen Küste.

          Die Dimension der Epidemie in Westafrika erschließt sich in ihrer ganzen Dramatik erst, wenn nicht mehr von betroffenen Ländern, sondern von betroffenen Ethnien gesprochen wird. Denn Ländergrenzen spielen in diesem Teil Afrikas keine Rolle. Die Fanti aus Ghana zum Beispiel gelten als ebenso geschickte wie furchtlose Fischer. Das haben sie mit den Kru aus Liberia gemeinsam, zu denen ohnehin enge verwandtschaftliche Bande bestehen. Die Kru wiederum sind mit den Guéré in der Elfenbeinküste verwandt sowie den ebenfalls dort beheimateten Néyo. Zusammen dominiert diese multinationale Truppe die Fischerei vor der liberianischen Küste. Ähnliche Beispiele ließen sich für die Viehzucht in Mali anführen, für die Kakaoproduktion in Côte d’Ivoire oder den Handel in Guinea.

          Bild: F.A.Z.

          Die jüngste Epidemie nahm ihren Anfang in einer Ortschaft namens Guéckuédou, gelegen im Dreiländereck von Guinea, Liberia und Sierra Leone. Kurz darauf wurden zwei weitere Herde gefunden: einer unmittelbar hinter der Grenze in Liberia, ein anderer rund 100 Kilometer entfernt in Sierra Leone. Der weite Sprung ist einfach zu erklären: Das Virus war auf den Handelswegen der Malinké, einer ethnischen Großfamilie, unterwegs. Um eine Vorstellung von der schieren Größe und der geographischen Ausdehnung der potentiellen Herde zu bekommen, ist ein Blick auf die größten Untergruppen der Malinké hilfreich: Da gibt es die Kouranko in Guinea, Sierra Leone und Liberia, die Kpelle in Guinea und Sierra Leone, die Vaï in Liberia und Sierra Leone und die Toma in Liberia und Guinea. Die Gesamtbevölkerung der Malinké wird auf rund zehn Millionen Menschen geschätzt, die sich auf elf Länder verteilt.

          Die Westafrikaner sind unerklärte Weltmeister der Migration. Das Auswandern fällt ihnen umso leichter, als sie in nahezu jedem Land Angehörige der eigenen Ethnie und damit eine Anlaufstation finden können. Die extrem hohe Mobilität hat in den französischsprachigen Ländern sogar einen Namen: „Partir à l’aventure“ (zu einem Abenteuer aufbrechen).

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