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Veröffentlicht: 05.07.2016, 12:08 Uhr

Völkermord in Namibia Deutschlands Angst vor der Entschädigung

Die Nachfahren der Opfer des deutschen Völkermords fordern Wiedergutmachung. Doch wer darf für sie sprechen? Und wem soll eine Entschädigung zugutekommen?

von , Gobabis/Windhoek/Okakarara
© dpa Stammesoberhaupt Chief Vekuii Rukoro und andere örtliche Stammesältere an der Stelle, an der von Trotha seinen Schießbefehl gab.

Denkt der Chief an Deutschland, wird ihm ganz warm ums Herz. Dann sieht Kilus Munjuku III. Karaerua Nguvauva vom Volk der Ovambanderu vor seinem geistigen Auge blühende Landschaften aus der namibischen Steppe erwachsen. „Wir könnten das Geld dazu nutzen, den deutschstämmigen Farmern das Land abzukaufen“, sagt der Chief, und die drei anderen Notabeln des Stammes, die der Chief zu dem Gespräch mitgebracht hat, nicken bedeutungsschwer. „Das wäre doch nur fair.“

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„Das Geld“, das der Chief meint, ist das zurzeit wohl meistdiskutierte Thema in Namibia. Es geht dabei um die Massaker an den Völkern der Herero, Ovambanderu und Nama, die die kaiserlichen Schutztruppen zwischen 1904 und 1908 in Deutsch-Südwestafrika verübten und die von vielen Historikern als Völkermord eingestuft werden. Als Beleg dient ihnen unter anderem der „Brief an die Hereros“ des deutschen Oberkommandierenden Generalleutnant Lothar von Trotha vom 2. Oktober 1904, in dem es heißt: „Innerhalb der Deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber und Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volke zurück oder lasse auf sie schießen. Dies sind meine Worte an das Volk der Hereros.“

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Andere Historiker bestreiten dies und behaupten, die Aufständischen seien nach der berühmten Schlacht am Waterberg 1904 nicht von den Schutztruppen in die Omaheke-Wüste nahe der heutigen Grenze zu Botswana getrieben worden, wo viele von ihnen verdursteten. Vielmehr habe ihr Anführer Samuel Maherero eine falsche taktische Entscheidung getroffen, als er ausgerechnet in die Omaheke-Wüste auswich, um seine Truppen zu sammeln. Von Trothas berühmter Brief wird von diesen Historikern als Versuch eines von Ehrgeiz zerfressenen und von Nachschubproblemen und kranken Soldaten ausgebremsten Offiziers gewertet, sich wichtigzumachen.

Vorbote einer Einigung?

Doch dieser vor allem unter Historikern ausgetragene Streit spielt in Namibia keine Rolle. „Und was war mit den Konzentrationslagern, in denen unsere Vorväter umgebracht wurden, was mit den medizinischen Experimenten, den Schädelvermessungen und dem kranken Rest?“, fragt Chief Nguvauva. „Das kann niemand ernsthaft in Frage stellen.“ Fest steht, dass die deutschen Kolonialherren äußerst grausam vorgingen und mehrere zehntausend Herero, Nama und Ovambanderu dies mit ihrem Leben bezahlten. „Uns ist großes Unrecht angetan worden, und dafür wollen wir entschädigt werden“, sagt das Oberhaupt der Ovambanderu, deren Zahl durch die Greueltaten derart dezimiert wurden, dass die Überlebenden sich den Herero anschlossen und fortan als solche definiert wurden.

Gedenken an Völkermord in Namibia © dpa Vergrößern Nachfahren der getöteten Herero bei einer Gedenkfeier

Wenn der Chief sich heute kurz vor dem Ziel wähnt, hat das auch mit deutscher Innenpolitik zu tun. Im vergangenen Sommer erklärte Bundestagspräsident Norbert Lammert im Zusammenhang mit der damals schon diskutierten Armenien-Resolution des Bundestages, dass es sich bei dem Massaker in Namibia, „an den heutigen Maßstäben des Völkerrechts gemessen“ , um „Völkermord“ gehandelt habe. Damit erhielt die Diskussion um Entschädigungszahlungen, die 2004 durch Äußerungen der damaligen Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul befeuert worden war, neue Nahrung. Wieczorek-Zeul hatte die Namibier anlässlich des 100. Jahrestages der Schlacht am Waterberg um „Vergebung“ gebeten und eine „Sonderinitiative“ in Höhe von 20 Millionen Euro angekündigt.

Zwei Jahre später hatte das namibische Parlament einstimmig eine Resolution verabschiedet, wonach die betroffenen Gruppen mit der Bundesregierung Verhandlungen aufnehmen sollten. Im Jahr 2012 war der Bundesregierung der namibische Wunsch übermittelt worden, die Vergangenheit offiziell aufzuarbeiten. Ein Jahr später stimmte Berlin zu, und 2015 einigten sich beide Seiten auf die Ernennung von Sonderbeauftragten. Auf deutscher Seite ist das der CDU-Politiker Ruprecht Polenz; für die Regierung in Windhoek führt Zedekia Ngavirue, ein 82 Jahre alter Haudegen der namibischen Politik, der selbst dem Volk der Herero angehört, die Verhandlungen. Die Aussagen Lammerts wurden in Namibia als Vorbote einer bevorstehenden Einigung gewertet.

Mehrere Klagen gescheitert

Das Reich des Ovambanderu erstreckt sich rund um die Ortschaft Gobabis, die etwa 200 Kilometer östlich der Hauptstadt Windhoek liegt. Den Ortseingang schmückt ein imposanter Stier auf einem Betonsockel. „Ausreichend Wasser, keine Tsetse-Fliegen“ – so umreißt der Chief die Standortvorteile für die Viehzucht. Das Land aber gehört nahezu ausschließlich Weißen, mehrheitlich Deutschstämmigen. „Wir sind gesetzestreu, deshalb wollen wir das Land kaufen und nicht einfach besetzen“, sagt der Chief. Daneben wünscht er sich, dass Deutschland den Bau besserer Straßen und besserer Mobilfunkanbindung finanziert, neue Schulen und Krankenhäuser baut, dass die Kinder in Deutschland ausgebildet werden, und ein Managementkurs für die Chiefs sei auch wünschenswert. Chief Nguvauva nennt das eine „Shopping List“, die selbstverständlich verhandelbar sei. Doch zugleich droht er, dass die deutschstämmigen Farmer „darunter leiden“ könnten, wenn die Bundesregierung Entschädigungszahlungen ablehnen sollte. „Das Land gehört schließlich uns.“

Gedenken an Völkermord in Namibia © Picture-Alliance Vergrößern Das Stammesoberhaupt der Herero, Paramount Chief Vekuii Rukoro.

Dabei ist der Chief in Gobabis noch einer der Gemäßigten. Einer, der akzeptiert, dass die namibische Regierung in seinem Namen mit den Deutschen verhandelt. „Wir sind klug genug, zu wissen, dass wir dafür gar nicht die Befähigung haben.“ Das andere, wesentlich radikalere Lager repräsentiert Vekuii Rukoro, der selbsternannte „Paramount Chief“ der Herero. Rukoro hat schon viele Posten bekleidet, unter anderem war er stellvertretender Justizminister und Generalstaatsanwalt, Chef der staatlichen Fluggesellschaft Air Namibia und des namibischen Ablegers der südafrikanischen First National Bank. Heute leitet der Jurist, der sich mit „Advocate“ ansprechen lässt, die Nahrungsmittelfirma Meatco, Namibias größten Fleischproduzenten.

Rukoro war der Kopf hinter der Klage gegen die Bundesregierung vor einem Gericht in Washington im Jahr 2002, die von seinem Vorgänger als Paramount Chief, Kuaima Riruako, initiiert worden war. Zwei Milliarden Dollar Schadenersatz hatten die Herero gefordert, waren damit aber gescheitert. Rukoro stand auch hinter einer Klage vor einem New Yorker Gericht gegen die Deutsche Bank als Rechtsnachfolgerin der Disconto-Gesellschaft, der Terex-Corporation und der Schifffahrtsgesellschaft Deutsche Afrika-Linien als Rechtsnachfolgerin der Woermann-Linie. Diese Klage scheiterte daran, dass die Kläger keinen Aufenthaltsstatus in Amerika hatten.

„Das wird teuer“

Rukoro will viel Geld, und er will direkt mit der Bundesregierung verhandeln. Er beruft sich dabei auf den namibischen Parlamentsbeschluss von 2006, der der Regierung lediglich eine Beobachterrolle bei den Verhandlungen zugestand. Rukoro fürchtet, dass sich die namibische Regierung mit einem „Trinkgeld“ abspeisen lassen könnte und dass dieses nicht den betroffenen Gruppen, sondern der Klientel der Regierungspartei Swapo, den Ovambo im Norden Namibias, zugutekommen werde. Er sagt, ihm gehe es um die Beseitigung der „generationsübergreifenden Armut der Herero, in die uns von Trotha gebracht hat“.

Es gibt Stimmen, die wiederum Rukoro vorwerfen, allein sich selbst bereichern zu wollen. Die sechs Königshäuser der Herero lehnen ihn jedenfalls ab. Rukoro bezeichnet seinerseits die Königshäuser als „abgehalfterte Clans, die nicht einmal eine Busladung Anhänger zusammenbekommen“. Immerhin genießt der Mann die Unterstützung von Chief Gaob David Frederick, dem einflussreichen Oberhaupt der Nama.

Rukoro sagt, es sei ihm egal, was die Verhandlungen der beiden Regierungen ergeben würden. Er werde die Bundesregierung so oder so verklagen. Seinen Angaben zufolge bereiten seine Anwälte in London eine zivilrechtliche Klage vor dem Internationalen Schiedsgerichtshof in Den Haag vor. Dabei soll es um die bei dem Massaker zerstörten Besitztümer gehen, um Häuser, Ziegen und Rinder. „Das wird teuer“, glaubt Rukoro. Und auch er droht: „Wenn der soziale Zusammenhalt in diesem Land auseinanderbricht, zahlen die deutschstämmigen Farmer die Zeche.“

Alles beruht auf Freiwilligkeit

Es ist schwer zu beurteilen, ob der Advocate wirklich so viel Einfluss hat, wie er behauptet. Aber die Hoffnung auf Entschädigung beschert ihm zumindest viele Zuhörer, auch in Okakarara. Das ist eine kleine Ortschaft am Fuß des Waterberg-Plateaus. Unweit von hier fand eine der entscheidenden Schlachten zwischen den kaiserlichen Truppen und den Herero statt. Wie so viele andere Orte in Namibia besteht Okakarara aus einer einzigen geteerten Straße, von der staubige Pisten zu den Wohnsiedlungen aus baufälligen Häuschen abzweigen. Es gibt einen kleinen Supermarkt in Okakarara und einen „Bottle Store“ genannten Schnapsladen, der bereits um neun Uhr morgens gut besucht ist. Arbeit gibt es in Okakarara nur auf den umliegenden Farmen, die überwiegend den Nachfahren deutscher beziehungsweise südafrikanischer Siedler gehören. Ansonsten aber ist Okakarara gelebte Trostlosigkeit.

Doch selbst hier sorgt die Kunde von den vielen Millionen, die alsbald aus Deutschland an die Herero gezahlt würden, für Aufregung. Rinhardt Muundjua etwa, 50 Jahre alt, Hornbrille, verwaschene Jeans und auf dem Kopf eine Mütze mit dem Logo eines Baumaschinenherstellers, hat ganz konkrete Vorstellungen, was er mit seinem „Anteil“ anstellen wird. „Ich kaufe einen Lastwagen“, sagt er, „einen gebrauchten Scania. Genau das Richtige für die Hitze hier.“ Der Einwand, dass es keinen „Anteil“ geben wird, verdutzt ihn. „Aber das erzählen sich die Leute hier seit Jahren“, sagt er.

Tatsache ist, dass es bei den ersten beiden Verhandlungsrunden zwischen den Sonderbeauftragten der Regierungen nur um eine Definition von Völkermord vor dem speziellen Hintergrund der namibischen Geschichte gegangen ist. An diesem Montag reist Polenz zu weiteren Gesprächen nach Windhoek. Ein mit den Verhandlungen vertrauter Diplomat sagt, von Entschädigungszahlungen sei man noch meilenweit entfernt. Deutsche Diplomaten in Windhoek legen Wert auf die Feststellung, dass alles, was Deutschland tue, auf freiwilliger Basis geschehe. Dahinter steckt nicht zuletzt die Sorge, im Falle von justiziablen Wiedergutmachungsansprüchen Namibias mit neuen Reparationsforderungen aus Polen, Italien und Griechenland wegen Verbrechen während des Zweiten Weltkrieges konfrontiert zu werden.

„Völkermord ist doch keine Frage der Zahl der Ermordeten“

Die Bundesregierung verweist auch auf die 870 Millionen Euro Entwicklungshilfe, die seit Namibias Unabhängigkeit 1990 gezahlt wurden. Gemessen an seiner Bevölkerung von gerade einmal zwei Millionen Menschen habe kein Land der Erde pro Kopf mehr Hilfe erhalten. Forderungen in Milliardenhöhe, wie sie etwa Rukoro erhebt, hält die deutsche Seite für weltfremd. 50 Millionen Euro, vielleicht auch 100 Millionen für einen Zukunftsfonds, das sei vorstellbar. Weiterhin vorstellbar sei, dass der Bundespräsident nach Namibia reise und sich offiziell entschuldige.

„Man kann durchaus den Eindruck gewinnen, dass Deutschland uns die Konditionen für eine Versöhnung zu diktieren versucht, nämlich eine für sie preiswerte Lösung“, sagt Phanuel Kaapama, der an der Universität Windhoek unter anderem Politik lehrt. Er findet, das passt schlecht zu Deutschland, das sich „international gerne das moralische Mäntelchen umhängt, aber in unserem Fall scheint von der Moral nicht mehr viel übrig zu sein“. Die Drohungen gegen die deutschstämmigen Farmer hält Kaapama für Gerede. „Wir Namibier sind nicht heißblütig, wir sind phlegmatisch“, sagt er und lacht. Am Ende aber, glaubt Kaapama, werde Namibia trotzdem genau das bekommen, was es fordere. Aber was genau soll das sein?

Das namibische Ministerium für die Bekämpfung der Armut residiert etwas unpassend im dritten Stockwerk einer Shopping-Mall im Herzen von Windhoek. Zephania Kameeta, ein ehemaliger lutherischer Bischof, leitet das Ministerium. Er gilt als konziliant und überparteilich. Er versteht die deutschen Ängste vor neuen Forderungen aus Ländern, die von der Wehrmacht überfallen wurden, aber er sieht nicht ein, warum Namibia deshalb zurückstecken sollte. „Völkermord ist doch keine Frage der Zahl der Ermordeten. Es geht um die physische Vernichtung von Volksgruppen, und genau das ist uns passiert“, sagt er.

Kameeta ist selbst Herero. „Ich kenne die Erzählungen aus den Konzentrationslagern von meiner Großmutter.“ Und weil so viele Grausamkeiten verübt worden seien, hält er Entschädigungszahlungen für „selbstverständlich“. Zahlungen ausschließlich an die drei betroffenen Ethnien lehnt er aber ab. „Das ganze Land muss etwas davon haben“, sagt er. Minister Kameeta kennt Ost-Berlin vor und nach dem Fall der Mauer. „Ich weiß, das sind andere Maßstäbe“, sagt er. „Aber wenn uns Deutschland in einer Art helfen könnte, wie damals Ostdeutschland geholfen wurde, wäre das ideal.“

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Von Reinhard Müller

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