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Fünf Jahre Arabellion : Der Geist der Revolution

Denkmal der Revolution: Der steinerne Karren in Sidi Bouzid erinnert an den Obsthändler Bouazizi. Bild: AFP

Mit der Selbstverbrennung eines Obsthändlers im tunesischen Sidi Bouzid begann vor fünf Jahren die Arabellion. Für die meisten Menschen im Land hat sich kaum etwas zum Besseren verändert – und das hat Folgen. Ein Besuch.

          Vor der großen Moschee, wo alles begann, scheint die Morgensonne auf die Straße. Es sind wenige Grad über null, und die Menschen in Sidi Bouzid schlurfen mit hochgezogenen Schultern fröstelnd den Bürgersteig an der ockerfarbenen Moscheemauer entlang. Sie tragen Jeans oder Jogginghosen und dünne Mäntel, manche haben nur Gummilatschen an. Auf der länglichen Verkehrsinsel, welche die Straße vom großen Boulevard trennt, hocken die fliegenden Händler auf Plastikkörben. Sie verkaufen billige Kleidungsstücke, Tee aus einem rostigen Pott, Plastikuhren oder Obst und Gemüse. Der Mandarinenverkäufer Imad Ben Beshir sagt, er stehe hier schon seit der Zeit vor der Revolution. Er habe das meiste mitbekommen von jenem Tag. Da drüben sei es gewesen, aber wie es genau begann, habe er nur am Rande mitbekommen.

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Vor fünf Jahren, am Morgen des 17. Dezember 2010, verwies eine Frau vom Ordnungsamt den Obstverkäufer Muhammad Bouazizi vom Straßenrand vor dem Nebeneingang der Moschee. Bouazizi hatte offenbar keine Genehmigung für seinen Holzkarren gehabt. Ein Streit entbrannte. Die Frau konfiszierte Muhammad Bouazizis elektrische Waage. Möglicherweise griff Bouazizi die Frau an. Möglicherweise hatte sie ein Schmiergeld verlangt. Möglicherweise rief sie die Polizei, die ihn mitnahm und möglicherweise auch misshandelte, doch alsbald wieder freiließ. Bouazizi ging zum Ordnungsamt, zweihundert Meter den Boulevard hinauf, und forderte seine Waage zurück. Vergeblich. Dann lief er den Boulevard wenige Schritte weiter zum Gouverneurssitz, um sich zu beschweren. Er wurde nicht vorgelassen. Bouazizi ging zur Shell-Tankstelle ein Stückchen weiter die Straße hinunter und kaufte eine Flasche Lösungsmittel. Dann ging er mit seinem Holzkarren zurück vor den Gouverneurssitz, trat mitten in den Verkehr auf die Straße, schüttete die Flüssigkeit über seinen Körper und zündete sich an.

          „Immer mehr Menschen versammelten sich“

          Der Mandarinenverkäufer Imad Ben Beshir sagt, er habe die Schreie der Umstehenden gehört und sei noch vor der Feuerwehr bei Bouazizi gewesen. „Ich kannte ihn, er war mein Kamerad. Manchmal haben wir gemeinsam beim Großhändler eingekauft, um einen besseren Preis zu bekommen.“ Auch Bouazizis Vetter soll herbeigeeilt sein und noch gesehen haben, wie der verkohlte Körper auf eine Trage gelegt wurde. Er zückte sein Mobiltelefon und filmte, wie Bouazizi auf der Trage in den Krankenwagen gezogen wurde. Die Aufnahmen lud er auf Facebook hoch. „Immer mehr Menschen versammelten sich“, sagt Beshir. Freunde, Händler, Jugendliche, bald auch Gewerkschaftsvertreter. Viele filmten den größtenteils stillen Protest gegen die Regierung. Auch diese Aufnahmen verbreiteten sich auf Facebook. Dann rief ein örtlicher Funktionär der oppositionellen Progressiven Demokratischen Partei bei dem Fernsehsender Al Dschazira aus Qatar an, der die Aufnahmen einen Tag später in der ganzen arabischen Welt ausstrahlte.

          In Tunesien schwappte die Protestwelle von Ort zu Ort, bis sie im Januar die Hauptstadt Tunis erreichte. Achtzig Menschen wurden getötet. Überraschend schnell floh dann Tunesiens Diktator Zine El Abidine Ben Ali am 14. Januar 2011 außer Landes. Die Bilder, die Vernetzung über soziale Medien und wohl auch der Eindruck eines so raschen Sturzes inspirierten ähnliche Demonstrationen in fast allen anderen arabischen Ländern. Noch im Januar begannen Proteste in Algerien. Im Februar trat Ägyptens Präsident Husni Mubarak zurück, im selben Monat brach in Libyen der Aufstand gegen Muammar al Gaddafi los. Syrien, der Jemen und Libyen liegen mittlerweile in Schutt und Asche. Tunesien ist das einzige Land, in dem der demokratische Geist der Revolution überlebt hat, noch dazu ohne größeres Blutvergießen.

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