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Ägyptens Tamarrod-Partei Rebellen der schweigenden Mehrheit

Dass in den vergangenen Tagen Millionen Ägypter gegen Mursi demonstrierten, ist vor allem das Verdienst von „Tamarrod“. Die neue Partei hat es geschafft, auch die Landbevölkerung zu mobilisieren.

© REUTERS Vergrößern Siegesgewiss: Ein Tamarrod-Anhänger vor Soldaten in Kairo

Die Fünf wollten innovativ sein und die unvollendete ägyptische Revolution fortsetzen. Mit ihrer Unterschriftenkampagne, die den Rücktritt von Präsident Mursi forderte, ist ihnen beides gelungen. Noch vor ein paar Wochen kannte niemand ihre Namen, sie waren nie öffentlich in Erscheinung getreten: drei Männer und zwei Frauen, nicht älter als 30 Jahre. Heute sind ihre Namen auch über Ägypten hinaus bekannt: Mahmud Badr, Hassan Shahin, Muhammad Abdalaziz, Mai Wahba und Iman al Haghi.

Rainer Hermann Folgen:  

Im Frühjahr hatten die Fünf darüber diskutiert, wie sie die wachsende Unzufriedenheit mit dem islamistischen Präsidenten Muhammad Mursi sichtbar werden lassen könnten. Hassan Shahin soll die Idee zur Unterschriftenkampagne gehabt haben. Sie nannten das Projekt „Tamarrod“ (Rebellion), stellten es über Twitter und Facebook vor und erreichten, anders als die Aktivisten des Jahres 2011, Rückmeldungen auch von Freiwilligen aus den Provinzen, selbst aus jenen, in denen die Muslimbruderschaft stark ist.

Die Gruppe habe sich zwei Bedingungen gestellt, sagt Badr, der heute ihr Sprecher ist. Sie wollte den Protest von den großen öffentlichen Plätzen in die Straßen und in die Dörfer bringen, in denen die einfachen Ägypter leben. Zudem wollte sie alles unterlassen, was den friedlichen Charakter des Protests gefährden könnte. Nicht die städtische Elite sollte mobilisiert werden, sondern Ägyptens schweigende Mehrheit, die mit Mursi immer weniger zufrieden war.

Kifaya - Es reicht!

Als Aktivist der Oppositionsbewegung „Kifaya“ hat Badr miterlebt, wie man die Straße mobilisiert. „Kifaya“ wurde von dem koptischen Lehrer George Ishaq gegründet und ist die Urzelle aller säkularen Protestbewegungen Ägyptens; im Jahr 2004 hatte sie mit dem Ruf „Kifaya“ (Es reicht!) gegen eine abermalige Amtszeit von Präsident Mubarak protestiert. Als Journalist und Fernsehproduzent weiß Badr zudem, wie die Menschen anzusprechen sind. Die Freiwilligen standen mit den Listen, in die jeder Unterzeichnende auch die Nummer seines Personalausweises einzutragen hatte, dort, wo Menschen zusammenkommen.

Zeichen wie die rote Karte mit der Aufschrift „Irhal“ (Geh weg!) und schwarze Luftballons für die düsteren Zeiten machten die Bewegung erkennbar, ebenso Lieder, die zu Hits wurden - wie der Rapsong „Tamarrod“ von Mahmud Haggag und „Inzel“ (Steig herab) von Baha Sultan. In den nur zwei Monaten bis zum ersten Jahrestag der Amtseinführung von Mursi wollte „Tamarrod“ 22 Millionen Unterschriften gesammelt haben, neun Millionen mehr, als Mursi bei seiner Wahl Stimmen erhalten hatte.

Mit der Kampagne stießen Badr und seine Freunde in eine Lücke. Die glanzlosen Oppositionsparteien schlossen sich an. Badrs politische Ziele sind Mursis Rücktritt, eine neue Verfassung und die Neuwahl eines Präsidenten. Von Beginn an ließ Badr keinen Zweifel daran, dass die Kampagne ohne Demonstrationen und zivilen Ungehorsam bedeutungslos bliebe. Dass in den vergangenen Tagen Millionen Ägypter gegen Mursi demonstrierten, ist vor allem das Verdienst von „Tamarrod“.

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Quelle: F.A.Z.

 
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