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Ägypten : Wo immer noch das Chaos herrscht

  • -Aktualisiert am

In ständiger Angst: Im Bildungszentrum der Jesuiten in Minya wird ein abgerissenes Kreuz wieder angebracht Bild: Katharina Eglau, Winterfeldtstr.

In Minya in der ägyptischen Provinz ist der Widerstand radikaler Islamisten gegen die neue Führung ungebrochen. Christen sind den Angriffen der Eiferer schutzlos ausgeliefert.

          Nach verschmortem Plastik stinkt es noch immer. Ausgebrannte Autos stehen in dem engen Innenhof des Bildungszentrums, das der Jesuitenorden in Minya unterhält. Von den Mosaiken mit Szenen aus der antiken Geschichte Ägyptens an den Mauern der Anlage ist kaum etwas übrig, Stapel verbrannter Bücher liegen in einem Hauseingang. „Es ist ein Wunder, dass nicht auch noch die Residenz in Flammen aufgegangen ist“, sagt Pater Bimen, der die Besucher mit verstörtem Blick durch das Zentrum der Jesuiten führt. Mehrere Molotowcocktails, die im Hausflur landeten, seien glücklicherweise nicht explodiert.

          Sechs Wochen sind vergangen, seit ein aufgebrachter Mob die christliche Sozial- und Bildungseinrichtung im Herzen der oberägyptischen Unruheprovinz stürmte. Über dem Haupteingang bringen Handwerker gerade das große metallene Kreuz wieder an, das bei den Ausschreitungen niedergerissen wurde. „Islamisches Ägypten“ und „Nieder mit dem Militär“ sprühten die Randalierer an die Außenwände neben dem verriegelten Tor. Nur zwei Straßenecken weiter haben Anwohner einen ausgebrannten Bus und zwei Autowracks zu einer Barrikade zusammengeschoben. Hier regiert die Straße, die Polizei lässt sich längst nicht mehr in dem Viertel blicken.

          Bastion extremistischer Gruppen

          Fast hundert Tage nach dem Sturz des islamistischen Präsidenten Muhammad Mursi herrscht in Minya noch immer Chaos. Anders als in Kairo oder Alexandria haben die neuen Herrscher die Lage in Minya und Umgebung nicht wieder im Griff. Ob sie es überhaupt schaffen, die Kontrolle zurückzuerlangen, steht in den Sternen. Seit Jahrzehnten ist die Provinz eine Bastion extremistischer Gruppen wie der Gamaa al Islamija, die in den achtziger und neunziger Jahren Terroranschläge verübten. Das Verbot ihrer islamistischen Verbündeten von der Muslimbruderschaft dürfte den Trend zurück zur Gewalt weiter verstärken.

          Was das heißt, sieht man in den Dörfern und Städten Minyas nun schon seit Wochen: Zum Aufstand gegen Armeechef Abd al Fattah al Sisi und der vom Militär eingesetzten Regierung bliesen die Islamisten unmittelbar, nachdem Mitte August in Kairo die Protestlager der Muslimbrüder von Polizei und Armee gestürmt wurden. Nur kurz nach Beginn des Massakers mit Hunderten Toten griffen Randalierer überall in der Provinz christliche Einrichtungen an, die Plünderungen im Zentrum der Jesuiten dauerten bis in die Nacht. Doch damit nicht genug: Mitarbeiter christlicher Sozialdienste erzählen von Schutzgelderpressungen, vergangene Woche wurde in dem Dorf Al Berga ein ranghohes Mitglied der koptisch-katholischen Gemeinde entführt.

          Pater Bimen

          In ganz Minya, wo Ägyptens Christen seit Jahrhunderten fest verankert sind, gingen Klöster, Kirchen, christliche Läden und koptische Gemeindezentren in Flammen auf. Gerichtsgebäude und Polizeistationen wurden ebenfalls attackiert. Um der Gewalt Einhalt zu gebieten, lief Pater Bimen persönlich zur nahe gelegenen Polizeistation, um die Sicherheitskräfte zum Eingreifen zu bewegen. Vergebens: Die Uniformierten verwiesen darauf, dass sie keine entsprechenden Befehle erhalten hätten und dass sie selbst bedroht seien.

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