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Ägypten Nur an Wut herrscht kein Mangel

Ein Jahr nach der Wahl von Präsident Mursi nimmt der Unmut in Ägypten zu. Die Wirtschaft liegt noch immer am Boden, das Land ächzt unter Treibstoffknappheit. Am Wochenende soll es Massenproteste geben. Es wird mit Toten gerechnet.

© AP Vergrößern Anstehen für Benzin: Ägypter schieben ihre Autos vor eine Tankstelle in Kairo.

Verschämt zeigt Amr Khaled auf seine dreckige Hose. „Schauen Sie nur, wie tief wir gesunken sind“, sagt der unrasierte Mann. Er trägt ein gestreiftes Polohemd und Sandalen, steht umringt von seinen drei Söhnen an einer schmutzigen Straßenecke. „Nicht mal saubere Kleider können wir uns mehr leisten.“ Amr lehnt an einem rostigen Anhänger mit Treibstoff, auf dem Bordstein vor seinen Füßen stehen mehrere leere Metallkannen. Ein paar Schritte weiter, im Schatten der Bäume auf dem Seitenstreifen, steht ein großes Bett auf Rädern. Darauf schläft Khaled, wenn er wieder einmal warten muss, um an neuen Treibstoff zu kommen.

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Amr Khaled ist Dieselverkäufer. Seine Stammkunden sind Dutzende Bäckereien im Kairoer Viertel Misr al Qadima. Die Leute hier sind ägyptischer Durchschnitt, es reicht zum Überleben, man schlägt sich so durch. Jeden Morgen reiht der Mann sich ein in die lange Schlange vor der nahen Tankstelle, um seine beiden Anhänger mit dem kostbaren Treibstoff zu füllen. Als Erstes sind die Tankwagen der Polizei dran, dann kommen lizenzierte Händler wie er, dann Privatautos. Manchmal warten Khaled oder sein Bruder, mit dem er sich die Arbeit teilt, vergebens, manchmal mit Erfolg: Sechs Stunden dauert es, bis die beiden Tausend-Liter-Tanks voll sind, einen halben Arbeitstag. Der beginnt für ihn oft schon mitten in der Nacht. Um einen guten Platz in der Schlange vor der Tankstelle am Nilufer zu ergattern, macht Khaled sich oft schon morgens um drei auf zur Arbeit.

“Vor der Revolution war das anders“, sagt Khaled. „Da hatten wir unseren festen Platz in der Schlange, und wir konnten ausschlafen.“ Zweieinhalb Jahre nach dem Sturz Husni Mubaraks ist nichts mehr wie es war in Ägypten. Diesel ist knapp, und Händler wie Khaled müssen genauso um ihren Anteil an dem kostbaren Treibstoff kämpfen wie Lastwagen- und Schulbusfahrer oder die Bauern mit ihren Traktoren. Darum steht sein Schiebebett nie weit von den beiden Anhängern. Seit der aus der islamistischen Muslimbruderschaft stammende Muhammad Mursi vor einem Jahr zum Präsidenten gewählt wurde, ist die Lage noch schlimmer geworden. Das ganze Land leidet unter Stromausfällen. Weil der Regierung die Devisen ausgehen, können weder genügend Gas für den Betrieb der maroden Kraftwerke noch ausreichend Diesel importiert werden.

Auf dem Siedepunkt

Die Stimmung in Ägypten ist auf dem Siedepunkt: Erst am Sonntag warnte Armeechef Abdul Fatah al Sisi vor einem Eingreifen der Streitkräfte, um ein Abgleiten Ägyptens in einen „dunklen Tunnel“ zu verhindern. Man werde „nicht still bleiben, während das Land in einen unkontrollierbaren Konflikt hineinrutscht“, sagte Sisi - eine Drohung, die sich sowohl gegen Anhänger Mursis wie die wieder erwachte Revolutionsbewegung richtete. Tausende Mitglieder der Muslimbruderschaft gingen am Wochenende für den Präsidenten auf die Straße. Mursis Gegner wollen am kommenden Sonntag auf Massenprotesten ihrem Unmut Luft machen. „Irhal“ (Geh!) steht wie in den Tagen der Revolution gegen das Mubarak- Regime auf Schildern an Straßenkreuzungen. An den Metro-Stationen Kairos sammeln Gegner der regierenden Islamisten Unterschriften für Mursis Rücktritt. Am 30. Juni, dem Jahrestag von Mursis Machtantritt, wollen Zehntausende zum Präsidentenpalast im Norden Kairos marschieren. Es wird mit Toten gerechnet wie im vergangenen Winter - zu aufgeladen ist die Stimmung, zu polarisiert das Land, als dass es friedlich bleiben könnte.

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