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Afghanistans Wirtschaft Die Taliban zahlen besser als die Armee

23.04.2010 ·  Mit Monatsgehältern von 300 Dollar gehören die Aufständischen zu den attraktivsten Arbeitgebern in Afghanistan - noch. Das Land hofft auf neue Jobs in der Landwirtschaft und im Bergbau. Es gibt einige Chancen für die wirtschaftliche Entwicklung.

Von Friederike Böge
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Die Taliban gehören zu den attraktivsten Arbeitgebern in Afghanistan. Sie zahlen ihren Kämpfern umgerechnet rund 300 Dollar im Monat. Als der Isaf-Kommandeur, der amerikanische Heeresgeneral Stanley McChrystal, vor kurzem diese Zahl in Umlauf brachte, wies er darauf hin, dass die Aufständischen mehr verdienen als afghanische Polizisten und Soldaten. Bedeutender aber scheint eine andere Vergleichszahl zu sein: 35 Dollar beträgt das durchschnittliche Monatseinkommen in Afghanistan. Die hohe Arbeitslosigkeit, geschätzte 40 Prozent, treibt die Jugend in die Arme der Aufständischen. Auch deshalb verspricht die Regierung in Kabul ausstiegswilligen Kämpfern Arbeit und Ausbildungsstellen.

Derzeit bestreiten allerdings westliche Geberländer fast zwei Drittel des afghanischen Haushalts. Die amerikanische Forschungseinrichtung Brookings Institution schätzt sogar, dass bis 2030 die Hälfte des afghanischen Haushalts vom Ausland finanziert werden muss.

Der Coup wird schon vorbereitet

Die größte Hoffnung setzt die Regierung in den Bergbau: Rohstoffe im Wert von einer Billion Dollar lagerten unter der Erde, verkündete im Januar ein sichtlich begeisterter Präsident Hamid Karzai. Dabei bezog er sich auf eine noch nicht abgeschlossene Untersuchung der amerikanischen Forschungsbehörde United States Geological Survey. Zu den wichtigsten Bodenschätzen zählen Kupfer, Eisenerz und Erdgas, aber auch Marmor, Halbedelsteine und Uran.Die Förderrechte für eine der bedeutendsten Kupferminen der Welt hat die Regierung schon vor drei Jahren an den chinesischen Staatskonzern China Metallurgical Construction Corporation vergeben. Allein die künftigen Steuereinnahmen aus der Aynak-Mine werden auf 400 Millionen Dollar jährlich geschätzt – und machen damit knapp die Hälfte der derzeitigen Staatseinnahmen aus. Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass die Mine und die dazugehörige Infrastruktur 8000 Arbeitsplätze schaffen und dass durch indirekte Effekte weitere 30.000 Jobs entstehen.

Der nächste Coup wird schon vorbereitet: Ausgeschrieben sind die Schürfrechte für die Hajigak-Mine im zentralafghanischen Bamian, in der 1,8 Milliarden Tonnen hochwertiges Eisenerz vermutet werden. Die Regierung rechnet mit jährlichen Einnahmen von drei Milliarden Dollar – das ist mehr als der gesamte derzeitige Haushalt. Das Minenministerium hofft auf 50.000 Arbeitsplätze rund um die Mine. Indische und chinesische Firmen haben ihr Interesse bekundet. Der Landesdirektor der Asiatischen Entwicklungsbank ADB, Craig Steffensen, sieht denn auch im Bergbau das potentielle „Allheilmittel“ für die darbende afghanische Wirtschaft.

All das ist allerdings Zukunftsmusik. Bislang importiert das Land zehnmal mehr als es exportiert. Geschäfte und Märkte sind voll mit chinesischen und pakistanischen Billigprodukten. Die Lastwagen und Flugzeuge, die sie aus den Nachbarländen bringen, bleiben auf dem Rückweg leer. Selbst Reis und Mandeln werden eingeführt, weil die afghanischen Agrarprodukte oft zu teuer sind.

Obwohl 80 Prozent der afghanischen Bevölkerung von der Landwirtschaft leben, war der Sektor bis vor kurzem kein Schwerpunkt – weder der internationalen Hilfe noch der afghanischen Regierung. Dabei ist das Wachstumspotential groß: Schlechtes Saatgut, ineffiziente Anbaumethoden und zerstörte Bewässerungssysteme haben niedrige Ernteerträge zur Folge. Nach Angaben des Agrarministeriums sind sie nur halb so hoch wie in den Nachbarländern. Es fehlen Lager, Kühlhäuser und Straßen, um die Märkte zu erreichen. Strommangel, ungeklärte Landrechte und fehlende Kredite erschweren den Aufbau von verarbeitenden Betrieben. An Nachfrage fehlt es nach Ansicht des Landwirtschaftsministers nicht. Die einzige Saftfabrik in Kabul habe ihre Ware bereits ein Jahr im Voraus ausverkauft, sagt Mohammad Asif Rahimi.

Großes wirtschaftliches Potential birgt auch die geostrategische Lage des Landes. Afghanistan will sich als Teil der neuen Seidenstraße, als Transitstrecke zwischen Zentral- und Südasien positionieren und hofft auf hohe Zolleinnahmen. Dabei profitiert das Land vom Hafenwettstreit der Erzrivalen Pakistan und Indien. Die Regierung in Delhi hat den Ausbau des iranischen Hafens Chahbahar finanziert und Verbindungsstraßen nach Afghanistan bauen lassen. Die Regierung in Islamabad hat ihrerseits mit chinesischer Hilfe den Hafen Gwadar ausgebaut. Zur Freude afghanischer Exporteure, deren Kosten durch die Konkurrenz deutlich gesunken sind. Eine neue Brücke in Kundus hat den Landweg nach Tadschikistan frei gemacht, und nach Usbekistan wird eine Eisenbahnverbindung gebaut. Inzwischen allerdings haben die neuen Routen wegen der schlechten Sicherheitslage einiges an Attraktivität eingebüßt. Kriminelle und Taliban verlangen hohe Schutzzölle. Regelmäßig werden Lastwagen angegriffen, Fahrer getötet und Waren vernichtet.

Ungenutztes Potential

Die Kämpfe im Süden drohen auch die geplante Gaspipeline zwischen Turkmenistan und Pakistan sowie Indien zu verzögern, deren Baubeginn für dieses Jahr geplant war. Die Öffnung nach Süden würde es dem energiereichen Zentralasien ermöglichen, die energiehungrigen Märkte in Südasien zu erreichen und sich aus der russischen Abhängigkeit zu befreien. Für Afghanistan verspricht die Trasse, wenn sie denn fertiggestellt wird, nach verschiedenen Schätzungen jährliche Transitgebühren zwischen 160 und 300 Millionen Dollar.

Es gibt also einige Chancen für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes. Kritiker sagen aber, dass die Potentiale bislang nur ungenügend genutzt würden. Die Vereinten Nationen kritisieren zum Beispiel die Präferenz der Geberländer, ihr Geld dort auszugeben, wo sie eigene Truppen stationiert haben. So wie es etwa Bundesentwicklungsminister Dirk Niebel plant. „Dieser Ansatz ist verständlich, um dem Publikum zu Hause zu zeigen, dass ihre Truppen Entwicklung bringen“, schrieb der gerade ausgeschiedene UN-Sondergesandte Kai Eide in einer seiner letzten Wortmeldungen. „Doch der Zusammenhang zwischen solchen Projekten und einer Stabilisierung ist zweifelhaft.“ Wirtschaftswachstum könne am besten in Regionen generiert werden, in denen die Sicherheit am größten sei. Nicht also in Kundus, sondern in Bamian, wo es bis vor kurzem nicht einmal einen Kilometer asphaltierte Straße gab.

Der ehemalige amerikanische Botschafter in Kabul, Zalmai Khalilzad, hat darauf hingewiesen, dass die internationalen Truppen in Afghanistan ein wichtiger Wirtschaftsfaktor sein könnten, wenn sie nicht rund 80 Prozent ihrer Nahrungsmittel aus dem Ausland importieren würden. Die Militärs haben dafür bislang stets mangelnde Qualität und Sicherheit als Gründe angeführt, aber Khalilzad verweist auf positive Erfahrungen mit afghanischen Mineralwasserproduzenten.

Für dieses Jahr erwartet die Weltbank für Afghanistan dank guter Ernten immerhin ein Wirtschaftswachstum von mehr als zehn Prozent; wie schon in den Jahren 2003 bis 2008. Doch selbst im besten Fall, darauf hat Präsident Karzai hingewiesen, wird Afghanistan seine Sicherheitskräfte frühestens 2024 selbst bezahlen können.

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