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Afghanistans Armee Bis alles schläft und keiner mehr wacht

 ·  Wenn ein Bataillon der afghanischen Armee beim Kampf gegen die Taliban in die Gänge kommen soll, gilt es zunächst innere Widerstände zu überwinden. Es mangelt an Kraftstoff und Ausbildung, an Eignung und vor allem am Zusammenhalt der Ethnien. Wie soll diese Truppe für Sicherheit sorgen?

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© Pilar, Daniel Drill am Nachmittag: Ein Zugführer zeigt, wie man marschiert.

Im Nordosten Afghanistans, an der großen Ringstraße, die das ganze Land umfasst, liegt ein Lager der afghanischen Armee. Nach Süden geht es in die Unruheprovinz Baghlan, gen Norden liegt Masar-i-Scharif. Die Gegend ist ergrünt nach den Regenfällen des Frühjahrs. Bauern arbeiten auf Reis- und Weizenfeldern. Hinter ihnen erstreckt sich die Gebirgskette Say-e Espand Zar. Sie liegt in der Provinz Samangan, einer der ärmsten in Afghanistan.

„Glaubt nicht, dass das ein ewiges Training ist“, ruft Hauptmann Nasir Ahmadi seinen Soldaten zu, die vormittags bei 47 Grad Celsius auf einem Hügel in der Sonne hocken. Der korpulente Kompaniechef fasst sich an den Schnauzbart, hebt die Hand und wedelt mit der abgeschraubten Antenne eines Militärtransporters, die ihm als Zeigestock dient. „Eines Tages findet ihr euch in der Wirklichkeit wieder, und das wird kein Spaß.“ Einige nicken, andere schauen teilnahmslos. Paschtunen, die kein Dari verstehen. Also wiederholt Ahmadi alles noch mal in Paschtu, seiner Muttersprache.

Vor einem Jahr ist das Bataillon mit seinen fünf Kompanien ausgehoben worden. In Samangan warten tausend afghanische Soldaten auf den Einsatz. Die Übung beginnt. Ein Bundeswehrsoldat, einer von zwei Mentoren für die afghanische Kompanie, hat eine Minenattrappe vergraben lassen. Die Afghanen, auf vier Pritschenwagen unterwegs, finden sie nicht. Ein aufgeregter afghanischer Soldat, der sich hinter einem Sandhügel versteckt hält, wirft deshalb eine Nebelgranate unter das erste Fahrzeug. Sie explodiert nicht. Er rennt auf die Straße und tritt auf die Nebelgranate. Nichts. Er nimmt den Blindgänger und schleudert ihn auf den Stein. Kein Rauch. Eine zweite Rauchgranate wird herangeschafft und gezündet. Beim Zurücksetzen würgt der Fahrer viermal den Motor ab. Die Soldaten springen ab, rennen durcheinander, aber bald in eine Art Stellung. Es ist ihre zweite Übung in diesem Jahr.

Dafür sei es gar nicht so schlecht gelaufen, sagt der deutsche Berater, ein Hauptfeldwebel. Auf Grundausbildungs-Niveau sieht er die Soldaten, bestenfalls. Ab Juli beraten die 33 Bundeswehr-Mentoren, die sich ein paar hundert Meter entfernt vom Lager eingegraben haben, nur noch auf höherer Ebene. Im Zuge der Truppenverkleinerung der Nato werden auch die Ausbildungseinheiten reduziert. Dann müssen die afghanischen Soldaten alleine üben. Die Zukunft hänge jetzt an den jungen Afghanen, sagt ein deutscher Major.

Die Zukunft der afghanischen Armee, Standort Samangan, ist 28 Jahre alt, intelligent und führungsstark. Der jüngste Kompaniechef des Kandaks. „Unser Superstar“, sagt der Major. Was Hauptmann Saed Zabur allerdings auch gehört hat. Seine schwarzen amerikanischen Kampfstiefel trägt er offen wie in einem Gangsterfilm. Über die Schulter hat er ein Holster für die Pistole geworfen, die Ersatzkugeln stecken einzeln eingesteckt in die Lederschlaufen des Gurtes. Draußen setzt Zabur die Sonnenbrille nie ab. Breitbeinig steht er vor seinen Soldaten. Kaum jemand ist aus der Gegend. Die meisten haben das amerikanische Sturmgewehr M16, tragen amerikanische Uniformen mit digital bedrucktem Tarnmuster und amerikanische Stiefel. Der Sold kommt auch aus Amerika.

Der Versorgungsweg hat viele Abzweige

In Zaburs Kommandozelt steht ein schwarzer Computer auf dem Diensttisch. „Love is life“, gleitet der rosafarbene Schriftzug des Bildschirmschoners hin und her. Zabur klickt durch seine gespeicherten Bilder. Auf einem posiert er mit einem Lämmchen im Arm. Auf einem anderen steht er zusammen mit amerikanischen Spezialkräften, mit denen er zwei Jahre lang trainierte. „Tagsüber war Training“, erzählt Zabur, „und nachts sind wir rausgeflogen und haben gekämpft“. Jetzt muss er sich damit herumschlagen, wie er an Benzin kommt.

Zur Rechten des Lagers parken von den Amerikanern überlassene Fahrzeuge an der Lagermauer: große Humvee-Geländewagen, LKW und leichte Pritschenwagen. Nur ein paar dieser Pritschenwagen werden überhaupt gefahren. Das Benzin ist knapp und wird vor allem für die Stromgeneratoren benötigt. Weil das Bataillon nicht im Kampf steht, bekommt es von der regionalen Armeeführung in Masar-i-Scharif statt der vorgesehenen 10000 Liter nur 8000 Liter Diesel. Aber auch die kommen selten alle an. Der Versorgungsweg aus Masar-i-Scharif hat viele Abzweige. Bundeswehrsoldaten fotografieren deshalb neuerdings die Fülluhren der Tanklaster, aber nur zu archivarischen Zwecken. Es gilt das von den Amerikanern ausgegebene Konzept, Korruption „kulturadäquat“ zu akzeptieren.

Kompaniechef Zabur skizziert folgende Theorie: „Irgendwo da oben gibt es Leute, die vor allem daran denken, wie sie ihre Taschen füllen können. Aber wenn wir denen Druck machen, laufen sie zu den Taliban über. Klar wollen die Generäle und Obersten, dass die Ausländer abhauen, dann können sie sich noch mehr Geld in die Taschen stecken.“ Zabur glaubt nicht, dass sich das bald ändert. „Wenn die deutschen Mentoren nicht mehr da sind, wird man sehen, dass hier alle nur noch schlafen. Und eines Tages kommen dann die Taliban ins Lager und töten uns im Schlaf.“

Strenger ethnischer Proporz - offiziell

Zabur, der Star, hat sich hochgearbeitet. Seine Familie war arm, der Vater Taxifahrer in Kabul. Zabur hatte gute Noten. Zwei Jahre lang arbeitete er für die Japaner. Nach Vertragsende trat er in die Armee ein. Bald durfte er die Kabuler Offiziersschule besuchen. Zabur lehnt im Bürostuhl und blickt zur Tür. Ständig kommen Soldaten mit Zetteln zum Unterschreiben herein.

Im Zelt nebenan residiert der Kommandeur, der keine Interviews gibt. Dessen Vorgesetzter wiederum, der Befehlshaber der Armee Nordafghanistans, hat es allen hohen Offizieren verboten. General Salmay Wesa ist wie der Kommandeur Paschtune und gilt nicht gerade als Freund des tadschikischen ehemaligen Nordallianz-Kommandeurs Muhammad Atta. Atta ist Gouverneur der Provinz Balkh, und Atta werden gesamt-nationale Ambitionen nachgesagt. Vielleicht etwas zu viel für Afghanistans Präsidenten, der ihm deshalb einen paschtunischen Kommandeur vor die Nase gesetzt hat.

Das afghanische Bataillon in Samangan ist streng nach ethnischem Proporz aufgestellt: 40 Prozent der Soldaten sollen Tadschiken sein, 40 Prozent Paschtunen, 12 Prozent Usbeken und der Rest Hazara und andere Minderheiten. Das gilt auch für diese Provinz, in der kaum ein Paschtune lebt. „Wenn ich einem Soldaten mal wieder an den Ohren ziehe“, sagt Kompaniechef Zabur und meint es wörtlich, „dann kriege ich gleich wieder zu hören, dass ich das nur gemacht habe, weil er Paschtune ist und ich Tadschike“. Es komme vor, dass paschtunische Offiziere eher eigene Leute für Beförderungen vorschlagen. Zabur wolle, dass sich das ändert: „Wir sind eine Armee und ein Volk.“ Beobachter gehen davon aus, dass der Anteil der Paschtunen in der Armee weit geringer ist als offiziell angegeben, vor allem unter den Fußsoldaten. Fast alle Taliban sind Paschtunen.

Gegen zwölf Uhr ist Essenszeit. Hinter dem Lagereingang befindet sich die Küche, ein kleines von den Afghanen selbst gemauertes Gebäude. Zwei Kessel stehen auf fünf Öfen, die mit Holz oder Autoreifen befeuert werden. Durch das Fenster geben die Köche das Essen aus. Ein Sanitäter des Lagers ist für die Hygiene zuständig. Er testet, ob das Essen bekömmlich ist, indem er es probiert. „Gut“, sagt er und wischt sich die Finger an der Uniform ab. Es gibt Fladenbrot und Reis mit einem kleinen Stück Ziegenfleisch, wie jeden Tag. Danach ruft der Mullah. Er hat ein eigenes Zelt, darauf sind zwei Megafone geschnallt. Nur einige Männer eilen zum Gebet. Aber viele bleiben auch, wo sie sind und warten dort, bis nachmittags der Drill beginnt.

Auf dem Innenhof des Lagers liegen helle Steine verstreut. Marschieren ist auf diesem Untergrund kaum möglich. Deshalb üben sie auf der Sandstraße vor dem Tor, immer Nachmittags von drei bis vier Uhr Aufstellung, Marsch und Stechschritt. Die deutschen Mentoren halten sich heraus. Sie gehen nur vormittags ins Lager. Die Sonne brennt. Alle Viertelstunde machen die afghanischen Drillmeister Pause. Die Soldaten schlurfen dann zur vier Meter hohen Lagermauer, erbaut aus mit Steinen gefüllten Drahtkörben. Im Schatten trinken die Soldaten Wasser aus dem Kanister.

Wer in diesen Stunden zur Turmwache eingeteilt ist, hat Glück oder einen mitfühlenden Vorgesetzten. Auf dem Wachturm steht Daud Zadari, ein einfacher Soldat aus Paktia. Er ist alt und hat einen Hüftschaden. Sein Sturmgewehr hat er auf dem Boden abgestellt, es reicht ihm bis zur Brust. Zadari hat dunkle Haut, ein fein geschnittenes Gesicht und einen langen Bart. Er schätzt sein Alter auf sechzig. Er war Gastarbeiter in einer Fabrik in Pakistan. „Als ich da nicht mehr arbeiten konnte, ging ich zur Armee“, erzählt er. Vor zwei Jahren war das, da haben sie jeden rekrutiert.

Jeden Monat, wenn Zadari in die Stadt geht, um in der Kabul-Bank seinen Sold abzuholen, werde er beschimpft. „Die Städter sehen, dass ich Paschtune bin“, sagt Zadari. „Sie sagen, ich sei Taliban oder, was ich Eindringling hier eigentlich verloren hätte.“ Manchmal werde in seine Richtung ausgespuckt. „Aber darauf achte ich nicht“, sagt der alte Zadari, „ich höre gar nicht hin und gehe weiter“. Dann gibt er ein Sprichwort mit auf den Weg: „Watan hamisha Watan“ - Heimat ist immer Heimat.

Bald werden die internationalen Truppen den Großteil ihrer Soldaten abgezogen haben. Mit vielleicht 20000 Soldaten will Amerika über 2014 hinaus in Afghanistan bleiben. Die Bundeswehr könnte einige hundert Soldaten als Mentoren im Land behalten. Bis spätestens 2017 soll auch die afghanische Armee von derzeit knapp 200000 Soldaten um ein Drittel verkleinert werden.

Zur Linken des Lagers liegen die Zelte, noch sind sie gut gefüllt, von den Amerikanern akkurat aufgestellt wie die einer römischen Legion. Immer dreißig bis 35 Mann teilen sich ein Zelt. Die Soldaten liegen in Etagenbetten, es gibt aber auch ein paar querliegende Schläfer auf dem Gang. Vielleicht gehören sie zu den elf Neuen, die vergangene Woche in die Kompanie kamen. Die Fluktuation ist hoch. Ein Viertel bis ein Drittel der Soldaten desertiert. Derzeit verzeichne er 999 Soldaten im Bataillon, sagt der für Personalwesen zuständige Stabsoffizier in seinem Bürozelt, nachdem er ein großes, handgeschriebenes Buch auf den Schreibtisch gewuchtet und nachgesehen hat. Beim allgemeinen Antreten am nächsten Morgen werden nur 451 Soldaten gezählt. Wer in fernen Provinzen lebt, bekommt zwei Reisetage extra frei. Wer sich trotzdem verspätet zurückmeldet, muss 15 Dollar für jeden Fehltag bezahlen. Oder ein paar Meter über die Steine im Hof robben, während der Rücken mit einem Fahrradschlauch geschlagen wird.

Bei der Armee bekommt ein einfacher Soldat 12000 Afghani, also 240 Dollar jeden Monat. Kaum jemand der Soldaten behält davon mehr als 2000 Afghani. Der Rest geht an die Familien. So macht es auch Amanullah, der 21 Jahre alte Paschtune. Vor sein Bett hat er eine alte Munitionskiste gestellt. Darauf liegt ein DVD-Spieler mit integriertem Bildschirm. Für sich und die Zeltgenossen lässt er indische Tanzvideos und Mudschaheddin-Verherrlichungen laufen. Amanullah ist verheiratet. Er hat auch ein kleines Kind. Er sagt, er freue sich dennoch, dass er weit weg von zu Hause stationiert worden ist. Sonst würden es die Taliban bemerken und ihn mitsamt Familie umbringen. Nach Hause fahre er alle drei Monate. 400 Afghani kostet die Heimfahrt, acht Dollar. Amanullah fährt immer in zivil.

Kaum Kontakt zur Bevölkerung

Am nächsten Tag müssen Amanullah und seine Kompanie hinaus auf Patrouille. In jedem Zelt bleibt ein Kamerad zurück, um Diebstähle zu verhindern. Die anderen Soldaten empfangen Gewehre und Panzerfäuste vor einem roten Schiffscontainer, der Waffenkammer. Amanullah soll heute den Kompaniechef sichern. Dafür hat er Ersatzmagazine für das M16 bekommen. Andere Soldaten sind leer ausgegangen, auch aus Sicherheitsgründen. Die Zugführer haben ihren Soldaten mit Kreide ein X auf den Helm gestrichen, damit sich kein Feind in Uniform einschmuggelt.

Die Soldaten verlassen das Lager zu Fuß. In der Hitze geht es nur schleppend voran. Am zweiten Hügel hebt der Kompaniechef ein Lamm aus dem Gras. Das Tier hat es nicht schnell genug zurück in die Herde geschafft. Halbherzig geht der junge Hirte ein paar Meter auf die Soldaten zu und wartet ab, was passiert. Mit dem Handy fotografiert Soldat Amanullah seinen Kompaniechef, der das Lämmchen zart im Arm hält.

Zwei Dörfer liegen auf dem Weg der Patrouille. Der Kompaniechef wollte sie zuerst umgehen, obwohl die Siedlungen kaum fünf Kilometer entfernt liegen. Aber er will auch keine Schwäche zeigen. Seine Soldaten waren noch nie in den Dörfern. Das Bataillon hat kaum Kontakt zur Bevölkerung. Zwei Jugendliche antworten auf die Frage, wer im Armeelager dort hinter dem Hügel wohnt: „Keine Ahnung. Amerikaner?“

Das ist möglicherweise so gewollt. Nach einem Dekret des afghanischen Präsidenten sollen die Bataillone dem Gouverneur der jeweiligen Provinz unterstehen. In Samangan gehört der Gouverneur der Usbekenpartei an. Der faktisch mächtigere Mann der Provinz aber ist der Polizeichef, eng verbunden mit dem ehemaligen Bürgerkriegskommandeur Ahmad Khan. Beide mögen den Gouverneur nicht. Gemeinsam aber hassen sie den paschtunischen Kommandeur des Bataillons. Wenn der Kommandeur also eine Operation plant, können der Gouverneur oder der Polizeichef ihr Veto einlegen. Was zur Folge hat, dass die Einheit keine Operationen durchführt. Für die sogenannte Sicherheit in Samangan sorgen die Polizei oder lokale Dorfmilizen, die vor allem aus ehemaligen Bürgerkriegskämpfern bestehen. Mittelfristig sollen sie in die regulären Sicherheitskräfte integriert werden. Wann und wie genau, weiß keiner. In Samangan ist schon länger nichts passiert, auch wenn die Nato-Truppen hier über hundert Aufständische vermuten. Und wenn, dann hätten es die afghanischen Soldaten wohl nicht mitbekommen.

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Jahrgang 1980, Redakteur in der Politik.

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