24.06.2009 · Die Amerikaner bemühen sich stärker denn je um den Aufbau der Sicherheitskräfte in Afghanistan. Die Armee gewinnt immer mehr an Eigenständigkeit und Vertrauen. In sechs Jahren sollen die Afghanen allein die Aufständischen bekämpfen.
Von Marco Seliger, KabulDas Flugvorfeld ist eine riesige frisch betonierte Fläche, die vor wenigen Wochen in Anwesenheit des afghanischen Präsidenten feierlich eingeweiht wurde. Turmhohe Flutlichtmasten und weiträumige Hangars begrenzen das Gelände nach Norden, südlich zieht sich die Start- und Landebahn des Kabuler Flughafens hin. „Dort drüben, schauen Sie“, brüllt Brad Grambo gegen den Lärm eines startenden Transportflugzeugs an. Sein linker Arm deutet in die Richtung, aus der die zwei Propeller lärmen. „Das machen die ganz allein, da ist kein einziger unserer Soldaten mehr an Bord.“ Die grau lackierte Antonow mit den afghanischen Nationalfarben am Heck rast über die Startbahn und hebt lehrbuchmäßig ab. Während sie sich in den Himmel über der afghanischen Hauptstadt schraubt, kriegt sich Oberst „Sly“ Grambo aus Texas nicht ein vor Begeisterung: „Die Jungs sind klasse“, sagt er.
Die Jungs, von denen er schwärmt, sind 45 Jahre alte Soldaten der afghanischen Luftwaffe. Sie absolvieren einen Versorgungsflug nach Kandahar mit einem Militärtransportflugzeug, das die Vereinigten Staaten in den vergangenen zwei Jahren als eines von neun Flugzeugen für die Afghanische Armee (ANA) in der Ukraine gekauft haben. Die Antonow wurde in den achtziger Jahren in der Sowjetunion gefertigt. Aufgrund der langen sowjetischen Präsenz am Hindukusch kennen die meisten erfahrenen afghanischen Militärtransportpiloten bisher nur russische Flugzeugtypen.
Afghanische Armee erledigt 90 Prozent ihres Lufttransports
Um die ANA schnellstens für den Einsatz gegen die Aufständischen im Land auszurüsten, beschafften die Amerikaner daher zunächst die einfach ausgebauten, aber robusten Antonow-Flugzeuge. Sie sind auf dem militärischen Teil des Flughafens von Kabul stationiert und nahezu täglich in die Kampfgebiete des Landes unterwegs. 90 Prozent ihres Lufttransports von Personal und Material erledigt die afghanische Armee inzwischen selbst. Im vorigen Jahr noch, sagt Brad Grambo, Kommandeur der „Combined Air Power Transition Force“, eines Ausbildungskommandos der amerikanischen Luftwaffe für die afghanische Luftwaffe in Kabul, sei die ANA zu 90 Prozent auf die Transporthilfe der internationalen Truppen angewiesen gewesen.
In kurzer Zeit hatten die Amerikaner am Kabuler Flughafen für 180 Millionen Dollar Unterkunfts- und Dienstgebäude, Ausbildungs- und Flugzeughallen, Speisesäle und Werkstätten für das „Afghan National Army Air Corps“ errichtet. Die Kaserne gleicht in Anordnung und Bauweise einer amerikanischen Luftwaffenbasis. In den kommenden sieben Jahren, so sehen es die ehrgeizigen Aufbaupläne vor, sollen hier mehr als 7000 afghanische Piloten, Techniker und sonstiges Personal trainiert werden.
Pentagon bemüht sich stärker denn je
Ziel ist es, bis 2016 einsatzfähige Luftstreitkräfte in den wichtigsten Städten des Landes, in Herat, Kandahar, Jalalabad, Mazar-i Sharif, Shindand und Kabul, zu stationieren. Anstelle der russischen Antonow-Flugzeuge, die in den kommenden Jahren wieder außer Dienst gestellt werden, sollen dann mehr als 20 moderne Transportflugzeuge aus italienisch-amerikanischer Produktion, 61 neuere Versionen eines Transporthubschraubers sowjetischer Bauart und einige ältere Kampfflugzeuge aus tschechischer Produktion verfügbar sein. Neun Kampfhubschrauber sowjetischer Bauart bleiben noch bis 2015 in Dienst. Die Afghanen setzen die mit Raketen und Maschinengewehren bestückten Kampfhubschrauber aufgrund ihrer enormen Feuerkraft gern gegen Aufständische ein.
Der Aufbau einer eigenständigen afghanischen Luftwaffe ist nur ein Baustein der neuen Kraftanstrengung der internationalen Gemeinschaft am Hindukusch. Seit Heeresgeneral Petraeus, der Urvater der erfolgreichen amerikanischen Aufständischenbekämpfungsstrategie im Irak, die militärische Zuständigkeit für den Krieg in Afghanistan übernommen hat, bemüht sich das Pentagon gemeinsam mit den Verbündeten stärker denn je um den Aufbau der afghanischen Sicherheitskräfte.
Ausrüstung auf westlichen Standard bringen
Strategisches Ziel der Vereinigten Staaten bleibt zwar der Kampf gegen die terroristischen Netze in Afghanistan und Pakistan. Aber im Mittelpunkt der Operationen steht nicht mehr der Feind, sondern der Schutz der Bevölkerung. Dafür sollen vor allem einheimische Kräfte sorgen, die künftig in den freigekämpften Gebieten gegen die Rückkehr der Taliban und ihrer Unterstützer in die Städte und Dörfer eingesetzt werden. Die noch immer stark nach sowjetischem Muster ausgerüstete afghanische Armee soll bis 2011 auf 134.000 Mann ausgebaut und ihre Ausrüstung auf westlichen Standard gebracht werden.
Washington hat Kabul die Lieferung von mehr als 110.000 Gewehren, Maschinengewehren und Granatwerfern sowie von mehr als 4000 gepanzerten Patrouillenfahrzeugen zugesagt. Bis Dezember 2011 sollen noch einmal 45.000 afghanische Männer für die Armee rekrutiert werden. Nicht zuletzt deshalb schicken allein die Amerikaner im Spätsommer weitere 4000 Ausbilder an den Hindukusch. Sie sollen vor allem im Süden und Westen Afghanistans eingesetzt werden.
Pflichtlektüre für Soldaten
Generalmajor Richard P. Formica ist ein Artillerieoffizier, der auch ein Jahr im Irak gedient hat. Neben dem neuen Kommandeur der Koalitionstruppen in Kabul, Generalleutnant Stanley McChrystal, verkörpert vor allem er Amerikas neue Strategie in Afghanistan. Formica befehligt das ausgebaute „Combined Security Transition Command“, das so etwas wie das Herzstück aller neuen Sicherheitsbemühungen am Hindukusch ist. Die Truppen des Generals sind über das gesamte Land verteilt, das Hauptquartier befindet sich mitten in Kabul. In Camp „Eggers“ laufen in Hunderten von Büros die Fäden zusammen, aus denen das Netz besteht, das sich schon bald über das gesamte Land spannen soll: an jedem Brennpunkt ein afghanisches Kandak von 500 bis 600 Mann nebst Ausbildern; dort, wo gegen die Taliban gekämpft wird, zwei oder drei Kandaks auf einmal.
Seinen Soldaten hat Generalmajor Formica das Buch „Three Cups of Tea“ als Pflichtlektüre befohlen. Die Autobiographie des Bergsteigers Greg Mortenson beschreibt in den Augen des Artillerieoffiziers aus Washington den langen Weg, den Amerika gehen musste, ehe es zu seiner neuen Afghanistan-Strategie fand: Nach einer gescheiterten Klettertour zum K2 verirrt sich Mortenson im pakistanischen Hochgebirge. Die Menschen nehmen ihn auf und pflegen ihn gesund. Aus Dankbarkeit verspricht er, in dem Ort eine Schule zu bauen. Im Laufe der Jahre lässt der amerikanische Bergsteiger 78 Schulen in pakistanischen und afghanischen Bergdörfern fern jedem staatlichen Bildungssystem errichten.
„Die Menschen wissen am besten, was für sie gut ist“
Nach dem 11. September 2001 erkennt Mortenson, dass er den islamistischen Terror an seinen Wurzeln bekämpft, wenn er Kindern eine Allgemeinbildung ermöglicht. Doch weil die Region zum Ursprungsgebiet der Taliban gehört, begegnen ihm die Menschen dort mit großen Vorbehalten. „Manchmal ist es besser, den Bergen zuzuhören. Sie sind schon ewig hier, sie wissen, wie es hier läuft“, erklären die Ältesten dem hilfsbereiten, aber ungeduldigen Amerikaner. „Das ist unsere Philosophie“, sagt General Formica. Den Afghanen zuhören und ihre Erfahrungen anerkennen, ihre Sitten und Gebräuche akzeptieren. Die Menschen, ergänzt er, wüssten selbst am besten, was für sie gut sei. „Wir dürfen sie nicht verändern wollen. Das wird nicht funktionieren, weil wir sie uns so zum Feind machen.“
In sechs Jahren sollten die Afghanen allein die Aufständischen bekämpfen, sagt General Formica. Selbst die erheblichen Defizite, welche die ANA derzeit bei der Verwundetenversorgung und der direkten Einsatzunterstützung durch Artillerie und Aufklärung hat, sollen bis 2015 behoben sein. Dies sei für die Vereinigten Staaten die beste Strategie zur Aufstandsbekämpfung, sagt Formica. Einerseits steige so die Effektivität der Gesamtoperation, und andererseits reduziere dies die Zahl der zivilen Opfer, die bei Einsätzen der amerikanisch geführten Koalitionstruppen verursacht werden.
In der Gesellschaft, sagt General Formica, stoße das amerikanische Vorgehen zunehmend auf große Zustimmung. „Die afghanische Armee genießt in der Bevölkerung schon hohen Respekt. Sie gilt als professionell und vertrauenswürdig“, sagt Formica. Für die Amerikaner indes ist sie vor allem ein willkommener und kampfstarker Verbündeter. Mehr als die Hälfte aller Operationen der Koalitionstruppen werden inzwischen von afghanischen Einheiten angeführt. Ihre Verluste sind hoch. Aber die der Taliban seien höher, sagt Formica.