12.05.2005 · Nach den blutigen Ausschreitungen in Dschalalabad haben die Proteste gegen eine angebliche Schändung des Koran durch amerikanische Soldaten inzwischen auch die Hauptstadt Afghanistans erreicht.
Von Ahmad Taheri, Kabul„Tod Amerika, Tod Bush, es lebe der Islam“, rufen die etwa 500 Demonstranten vor den Toren der Kabuler Universität. Dann kommt ein neuer Zug in westlicher Kleidung. Es sind die Studenten des Polytechnikums. Rund um den Platz stehen Polizisten in dunkelgrauen Uniformen mit geschulterter Kalaschnikow. Sie gehören zu den neugegründeten afghanischen Ordnungskräften.
Eine kleine Gruppe malt hastig auf einen weißen Stoff ein paar Streifen und ein paar rote Flecken. Das Tuch soll das Sternenbanner darstellen. Ein junger Mann in Jeans und kurzärmeligem Hemd steigt auf das Dach eines Gebäudes und steckt die „Flagge“ in Brand. „Allahu akbar“, rufen die anderen.
Öffentliche Entschuldigung gefordert
Es ist die erste antiamerikanische Demonstration in der afghanischen Hauptstadt seit dem 11. September 2001. „Zwei Sachen sind für uns Afghanen unantastbar. Unsere Ehre und der Islam.“ Die Amerikaner hätten beides mit Füßen getreten. Von der Internationalen Schutztruppe (Isaf) ist weit und breit nichts zu sehen. Wie später im Büro von BBC zu erfahren ist, beobachteten die Soldaten die Lage von den Nebenstraßen des im Westen Kabuls gelegenen Universitätsviertels aus.
Die Zurückhaltung ist klug. Wären sie in Erscheinung getreten, könnten sie als Stellvertreter der Amerikaner Ziel des Zornes der Demonstranten werden. Bei der Schlußkundgebung fordert ein junger Mann mit dichtem schwarzem Bart, die Amerikaner sollten das Land bald verlassen. Präsident Bush solle sich zudem für die Beleidigung des Islams im Gefängnis in Guantanamo Bay, wo zur Zeit mehr als 500 mutmaßliche Taliban und Al-Qaida-Mitglieder einsitzen, öffentlich entschuldigen.
Wie ein Schlachtfeld
Der Anlaß der Demonstration war ein Bericht in der amerikanischen Zeitschrift „Newsweek“, in dem behauptet wurde, daß ein Stapel von Koran-Büchern, in Guantanamo in eine Toilette gebracht worden sei, wo amerikanische Wärter vor den Augen der Häftlinge auf sie uriniert hätten. Die Geschichte war auch auf der Website von BBC zu lesen. Die Nachricht von dem „geschmacklosen Frevel“ verbreitete sich in Windeseile im afghanischen Bergland.
Als erste gingen die Studenten, die solche Berichte im Internet erfahren, in der Hauptstadt der Provinz Nangahar, wo meist die Ghalzai, die Ostpaschtunen, leben, auf die Straße. Das war am vergangenen Montag. Einen Tag später erreichte die antiamerikanische Welle ihren Höhepunkt. In Jalalabad schlossen sich andere der akademischen Jugend an. Bald waren einige tausend Menschen auf der Straße, bewaffnet mit Steinen und Schlagstöcken. Wie Augenzeugen berichten, glich die Stadt einem Schlachtfeld. Mehr als zwanzig Gebäude wurden beschädigt oder zerstört.
Antiamerikanische Haßtiraden
Darunter waren ein Fernsehstudio, das örtliche Kultur- und Informationsamt, der Sitz des Gouverneurs sowie Niederlassungen der UN, des Roten Kreuzes und weiterer ausländischer Organisationen. Auch die große Moschee der Stadt samt den heiligen Büchern wurde in Brand gesteckt. Vier Männer wurden von Polizisten erschossen. Es gab mehr als siebzig Verwundete. Merkwürdigerweise wurde auch das pakistanische Konsulat niedergebrannt. „Es war eine Tarnung, man wollte jeden Verdacht von sich weisen“, sagt ein junger Mann aus Kabul mit wissendem Lächeln.
Der Student der Medizin, ein Tadschike, zürnt über die Undankbarkeit seiner Kommilitonen. „Die Amerikaner haben uns von den wilden Taliban befreit.“ Sonst müßte er heute einen Bart tragen, sagt er. Studenten wie dieser angehende Mediziner sind an diesem Mittwoch in der Minderheit, die sich mit ihrer Meinung aber nicht zurückhält. Ansonsten wetteifern die Studenten in antiamerikanischen Haßtiraden miteinander. Der Geist der Taliban hat plötzlich von den Stätten der Bildung Besitz ergriffen.
Nahtlose Aufklärung
Die Kundgebung soll am Samstag weitergehen. „Wir demonstrieren, bis die amerikanischen Verbrecher ihre gerechte Strafe bekommen. Sonst geht Kabul in Flammen auf wie Jalalabad“, droht ein glutäugiger Paschtune, ein Student der theologischen Fakultät. In den vergangenen Tagen kam es in den Provinzen Lowgar, Kandahar, Wardak, Laghman, Paktia, also im Süden und Osten des Landes, zu antiamerikanischen Kundgebungen. Aber auch im Norden, in der Provinz Tachar, demonstrierten die Menschen gegen die Beleidigung des Islam.
Die afghanischen Amtsträger versuchen, die Lage zu beruhigen. Maulawi Scheich Al Hadi Schinwari, der oberste Richter des Landes und Vorsitzende des Verfassungsgerichts, forderte am Donnerstag die Bevölkerung auf, Ruhe zu bewahren. Man wolle aber, daß „die Amerikaner die Sache nahtlos aufklären“, verlangt der greise Paschtune. Auch der Sprecher der Koalitionskräfte meldete sich zu Wort: „Wir Amerikaner respektieren den Islam und seine Werte. Die Demonstrationen zeigen, daß Afghanistan den Weg zu einem demokratischen Staat beschreitet.“