13.09.2004 · Die Taliban mögen den Krieg vor drei Jahren verloren haben, aufgegeben haben sie nicht. In aller Ruhe bereiten sie im Norden Pakistans ihre gewaltsame Rückkehr nach Afghanistan vor.
Von Michael HanfeldDie Taliban haben angekündigt, daß sie vor der Präsidentenwahl in Afghanistan am 9. Oktober ihre Anschläge verstärken werden. Jeder, der sich an der Wahl beteilige, ob als Kandidat oder als Wähler, sei ein potentielles Ziel für Anschläge, hat ein Sprecher der Taliban verlauten lassen. Mehrere Dutzend Wahlhelfer haben die Taliban in den vergangenen Wochen getötet, die Zahl der Anschläge und der Opfer steigt. Die Taliban mögen den Krieg vor drei Jahren verloren haben, aufgegeben haben sie nicht. Sie kämpfen weiter, weil für sie in einem friedlichen Afghanistan kein Platz ist.
In der Stadt Akora Khattak im Norden Pakistans ist von diesem politischen Kampf, der ganz in der Nähe mit ungezügelter Gewalt und ohne Rücksicht auf zivile Verluste geführt wird, nichts zu spüren. Im Gegenteil. Doch der Frieden in dieser Stadt hat etwas von der Ruhe im Auge des Taifuns. Hier, eine dreiviertel Autostunde von der Provinzhauptstadt Peshawar entfernt, liegt die Jamia Hakkania, die berühmte Eliteschule der Taliban, ein geistiges und politisches Zentrum der Bewegung. Dreitausend Schüler werden hier einer "islamischen Erziehung" unterzogen, sie werden mit den "göttlichen Gesetzen" bekannt gemacht, wie die Schulfibel sagt.
Sprechstunde beim Vizedirektor
Die Jungen und jungen Männer leben in einem Internat, ihre Unterkünfte liegen direkt neben dem Schulgebäude. Die Front zur Straße nimmt die prächtige Moschee ein, auf der Rückseite des Geländes, das ein richtiger Campus ist, sind um einen Spielplatz herum die Wohngebäude angeordnet, in welchen die Angehörigen der Schüler leben. Sie kommen aus ganz Pakistan und aus anderen Ländern. In einem kleinen grünen Garten liegt der Gründer der Jamia Hakkania begraben, Scheich ul Hadith Hazrat Maulana Abdul Haq. Sein Enkel, Hamed ul Haq, hält gerade seine Sprechstunde ab. In seinem Büro herrscht reger Betrieb, es ist ein Kommen und Gehen.
Die Taliban in Akora Khattak kümmern sich nicht nur um ihre Schüler, sondern auch um die Sorgen und Nöte vieler anderer. In Ruhe ausreden kann hier keiner, jeder trägt ein Anliegen vor, ob es etwas mit der Schule, mit einem Streit unter Nachbarn oder mit der Stromversorgung im Viertel zu tun hat - der Vizedirektor der Taliban-Schule ist ihr Ansprechpartner bei allen Fragen. Er hört zu, er entscheidet und redet schnell, aber nicht laut, er greift immer wieder zu den Hörern zweier archaischer roter Telefone, die auf seinem Schreibtisch stehen. Viel öfter aber greift er noch zum Handy, das hier jeder in seinem Kaftan trägt.
Von der pakistanischen Regierung beobachtet
Wüßte man es nicht besser, würde man sich in das Haus eines Dorfbürgermeisters versetzt fühlen. Nichts Bedrohliches geht von der Szene und den darin agierenden Personen aus. Vor der Schule parkt ein Wagen der pakistanischen Verkehrspolizei. Zumindest ist er als solcher ausgewiesen. Die Taliban wissen, daß sie von der pakistanischen Regierung genau beobachtet werden. Manch einer geht daher erst bei Dunkelheit zu Versammlungen in die Schule oder zum Haus des Schuldirektors, des berühmten Taliban-Führers Sami ul Haq, des Vaters unseres Gegenübers.
Zum Anwesen Sami ul Haqs gelangt man durch einen Seiteneingang, der von einem bewaffneten Posten bewacht wird. Es ist schwül-heiß, knapp unter vierzig Grad im Schatten. Zur Begrüßung werden ein sehr süßes, trockenes Gebäck und eine tiefrote Limonade von undefinierbarem Geschmack gereicht. Spielende Kinder huschen zwischen den Gebäuden auf dem Campus umher; ein paar Frauen sind zu sehen, sogar unverschleierte. Sie verschwinden schnell.
Hier wird mit Worten gekämpft
Fremde Besucher sind selten, von den Jungen werden sie mit kaum verhohlener Neugier betrachtet. Einer der letzten Journalisten, die hierherkamen, war der Amerikaner Daniel Pearl, der seine Recherche über die Taliban und die Terrororganisation Al Qaida mit dem Leben bezahlte. Am 17. Mai 2002 wurde seine enthauptete Leiche in der Nähe von Karachi gefunden. In Akora Khattak aber herrscht scheinbar entspannte Ruhe. Dies ist die an der Oberfläche friedliche, die pakistanische Seite der Taliban-Bewegung.
Hier wird mit Worten, nicht mit Waffen gekämpft. Die pakistanischen Taliban, sagt der Lokalchef der Zeitung "The News", Behrol Khan, den wir in seinem Büro in Peshawar aufsuchen, hätten eben längst erkannt, daß es wichtiger ist, zu predigen, zu agitieren und Wahlen zu gewinnen, als sie zu stören: "Replace the bullet by the ballot", das sei ihre Taktik, sagt er. In Pakistan sind die Taliban damit erfolgreich. Sie haben es gar nicht mehr nötig, Gewalt anzuwenden, schließlich haben sie im Oktober vor zwei Jahren die Wahlen in der North West Frontier Province und im benachbarten Baluchistan gewonnen und stellen hier seither die Regierung.
Ausrüstung der Heiligen Krieger mit Kultur und Moral
Schickten sie zuvor drei Abgeordnete in die Nationalversammlung nach Islamabad, so sind es heute dreißig. Sami ul Haq, der Direktor der Jamia Hakkania, ist Abgeordneter im pakistanischen Parlament und führendes Mitglied der Taliban-Partei, der Jamaat-i-Islami. Auf Wahlplakaten, die vor dem Eingang zu seinem Haus hängen, ist er mit erhobener Kalaschnikow zu sehen, wie er den Massen predigt. Während unseres Besuches hält er sich gerade in London auf und spricht zu dortigen Sympathisanten.
Was lernen die dreitausend Schüler und Studenten der Taliban eigentlich an diesem Ort? Acht Prinzipien führt das Curriculum der Koranschule auf: religiöse und arabische Erziehung, korrekte Interpretation des Korans, Sicherung der islamischen und arabischen Kultur, Abwehr der "falschen Glaubensrichtungen", Predigen und Lehren, Abfassen religiöser Schriften, Harmonisierung der inneren Einstellung mit der äußeren Lebensweise, Ausrüstung der Heiligen Krieger mit Kultur und Moral.
Sieben- bis achthundert Absolventen pro Jahr
Zehn Monate im Jahr wird gelehrt, es gibt Computer- und Englischkurse und solche in islamischer Rechtslehre talibanischer Observanz. Mit acht Schülern hat die Jamia Hakkania im Jahr 1947 begonnen, jetzt entläßt sie jedes Jahr sieben- bis achthundert junge Absolventen. Doch was sollen diese jungen Männer nach ihrer Schulausbildung tun?
"Alles mögliche", sagt Hamed ul Haq. "Sie können Politiker werden oder Ärzte, sie können viele Berufe ausüben, aber auf islamische Weise. Fast alle Politiker aus unserer Provinz sind auf diese Schule gegangen, unsere Parteiführer, mein Vater, ich selbst. Die meisten Schüler werden Prediger und lehren in der Moschee. Sie gehen zum Studieren nach Ägypten und schließen ihre Ausbildung dort mit einem Diplom ab." Ohne Umschweife kommt Hamed ul Haq auf die politische Mission der Taliban in Pakistan und Afghanistan zu sprechen, auf die Errichtung eines islamischen Staates.
Der Guerrillakrieg in Afghanistan geht weiter
Der afghanische Zweig der Taliban ist, wie der Sekretär der Schule, Hamad Shah Haqani, erklärt, zur Zeit bemüht, eine politische Sammlungsbewegung zu gründen für jene, die von der Präsidentenwahl im Oktober ausgeschlossen sind beziehungsweise sie bekämpfen. Erste Gespräche mit Gulbuddin Hekmatyar soll es bereits gegeben haben. Die afghanischen Taliban rechnen fest damit, daß sie eines nicht allzu fernen Tages zurückkehren werden. Von den pakistanischen Taliban wollen sie bis dahin nachholend gelernt haben, was ihnen an Regierungskunst in den Jahren 1994 bis 2001 gefehlt hat.
Ihren Guerrillakrieg in Afghanistan betreiben sie unterdessen weiter. Dessen Anführer ist nach wie vor der legendäre Mullah Omar. Bei einer Militäraktion der Amerikaner soll er kürzlich verletzt worden sein. Doch er sei wohlauf, wird uns gesagt, und führe den Kampf weiter. Und was verbindet die Taliban mit Usama Bin Ladin? Man kann dem stellvertretenden Schulvorsteher Hamed ul Haq ansehen, daß er auf diese Frage nur gewartet hat. Er lächelt.
„Die Amerikaner haben Al Qaida groß gemacht“
"Die Taliban und Al Qaida sind nicht das gleiche", sagt er. "Wir sind alle Moslems, Usama hat fünfundzwanzig Jahre lang hier bei uns gelebt, doch er ist nur ein Name. Die Amerikaner haben Al Qaida groß gemacht. Das waren doch schließlich deren Gunmen! Zwei Stunden nach dem Anschlag vom 11. September habe ich den Namen ,Al Qaida' zum ersten Mal gehört, selbst den haben sich die Amerikaner ausgedacht. Wann immer etwas passiert, ist Al Qaida schuld, doch das stimmt oft gar nicht. Durch die Propaganda der Amerikaner erst entsteht eine Weltbewegung. Aber ich bin sicher, daß die meisten Attentate nicht auf das Konto von Al Qaida gehen. Dabei geht es hier um einen Kampf zwischen islamischen Staaten und Amerika. Damit haben die Taliban nichts zu tun."
Soviel dazu. Der kleine politische Exkurs, in den wir direkt vom Curriculum der Schule geraten sind, wird freundlich beendet. Die anderen Fragesteller drängen von allen Seiten um Hamed ul Haqs Schreibtisch, er hat wirklich alle Hände voll zu tun.
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