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Afghanistan „Wir helfen gerne“

20.04.2004 ·  Fischer auf Truppenbesuch in Kundus und bei Karzai in Kabul: Der Außenminister bekräftigt die Botschaft, die drei Wochen zuvor schon von der internationalen Afghanistan-Konferenz in Berlin ausgehen sollte.

Von Johannes Leithäuser, Kundus
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Inmitten des deutschen Feldlagers in Kundus säumt eine Rabatte roter Edelrosen einen Rasenplatz. Dort sitzt der deutsche Außenminister auf einer Holzbank unter Bundeswehrsoldaten bei Spätzle-Eintopf, über sie spannt sich ein schattenspendendes Tarnnetz. Die Mittagssonne scheint warm; für das heitere Klima sorgen die Soldaten. Der Funkoffizier erzählt stolz von den Erfolgen des Hörfunksenders, den das deutsche Isaf-Team in Kundus betreibt, die Stabsärztin berichtet über die Anerkennung, die das Feldlazarett unter den Einheimischen genießt.

Der Minister hört zu, er selbst sagt immer wieder das gleiche. Schon morgens gleich nach der Landung gebrauchte Fischer die Formeln, die er mehrfach in Kundus und Kabul wiederholen sollte. Da hatte ihn General Daud, der faktische Herrscher der nordöstlichen afghanischen Provinzen, empfangen und noch auf der Landebahn von Kundus in eine Art improvisierten Meinungsaustausch verwickelt - noch bevor der Minister den protokollarisch korrekten Besuch bei Provinzgouverneur Omar absolvieren konnte.

„Die Lage ist ruhig, aber nicht stabil"

„Wir helfen gern", sagte Fischer, „wir tragen nach unseren Möglichkeiten bei zum Aufbau", „die Freundschaft zwischen Afghanistan und Deutschland ist tief." Der Besuch des deutschen Außenministers in Afghanistan ist eine Bekräftigung der Botschaft, die drei Wochen zuvor schon von der internationalen Afghanistan-Konferenz in Berlin ausgehen sollte. Sie lautet, das Land bleibe im Blick der internationalen Aufmerksamkeit, es werde weiter wirksame Hilfe auf seinem mühsamen Weg finden.

Die aktuelle Wegmarke wird den Berliner Gästen im Bundeswehrlager von Kundus immer wieder verkündet, sie lautet „Die Lage ist ruhig, aber nicht stabil". Dennoch steht in den Gesichtern des kommandierenden Oberst, der Offiziere wie der Zivilbeamten von Auswärtigem Amt, Innenministerium und Entwicklungshilfeministerium ein gewisser Leistungsstolz.

70 zivile Hilfsorganisationen sind inzwischen in den vier Nordostprovinzen mit rund 400 Mitarbeitern tätig, die Zahl der stationierten Bundeswehrsoldaten hat etwa 250 Mann erreicht. Sie wird weiter steigen, wenn von dem Stützpunkt in Kundus aus in allen drei weiteren Provinzen des Aufgabengebiets, in Baghlan, Takhar und Badagschan, Satellitenstützpunkte des deutschen Teams arbeiten, wie sie in Takhar schon entstanden und in Baghlan in den nächsten Wochen eingerichtet sein sollen.

Drogenanbau und Milizen behindern Fortschritt

In der Stadt Kundus sind Aufbaueifer und Fortschrittswille sichtbar, auch wenn die Lehmziegeltransporte von Eseln gezogen werden und die Blechrolläden in den Geschäftsstraßen erst vor einem Drittel der Geschäfte und Betriebe aufgezogen sind.

Die entscheidenden Fortschrittsmarken müssen allerdings auf anderen Feldern gesetzt werden: bei der Bekämpfung des Opiumanbaus und der Entwaffnung der einstigen Bürgerkriegsmilizen. In den Nordostprovinzen um Kundus befehligt General Daud die Reste der einstigen Nordallianz. Das sind nach Schätzungen noch um die 6000 Mann. Die Hälfte davon soll in diesem Sommer abgebaut werden; das entspricht etwa den Demobilisierungsraten, die von der Zentralregierung für das ganze Land bis zu den Wahlen im September vorgegeben wurden.

Die Entwaffnung und Abrüstung der Milizen ist als Hauptvoraussetzung für die Abhaltung freier und unbeeinflußter Wahlen von staatlicher Seite immer wieder zugesichert, von Repräsentanten der afghanischen Zivilgesellschaft auch immer wieder verlangt worden.

„Alles demokratisch“

Die deutschen Militärbeobachter in Kundus geben an, die Abrüstungsschritte von Daud seien bislang jedenfalls nachprüfbar. Der General selbst beteuert gegenüber dem deutschen Außenminister, er garantiere, daß in den vier nordöstlichen Provinzen bei den Septemberwahlen "alles demokratisch geschehen wird, ohne Zwang".

Im deutschen Feldlager wird über Daud gesagt, sein Verhalten zeige deutlich, daß er nicht auf seinem militärischen Einfluß beharre, sondern für sich eine politische Zukunft schaffen wolle. Er unterstütze die Zentralregierung auch in ihrer Rauschgiftvernichtungskampagne; er ließ sich etwa bei der Vernichtung von beschlagnahmten Heroinpaketen filmen oder redete auf einer regionalen Landwirtschaftsschau den versammelten Bauern ins Gewissen, die Finger vom Schlafmohnanbau zu lassen. In der fruchtbaren Ebene um Kundus, wo im Sommer zwei Ernten gedeihen, ist der Mohnanbau ohnehin kein gravierender Faktor; in der Außenprovinz Badagschan hingegen wird in den amtlichen Informationsblättern von "traditionellen Anbaugebieten" gesprochen. Dort habe vor wenigen Wochen eine gemeinsame Bekämpfungsaktion afghanischer und britischer Sicherheitskräfte stattgefunden, bei der tonnenweise Rohopium vernichtet worden sei.

Führungsrolle bei der Polizeiausbildung

Während die Briten die Führungsrolle bei der Rauschgiftbekämpfung innehaben, sind die Deutschen mit dieser Aufgabe über ihre Führungsrolle bei der Polizeiausbildung verbunden. In Kundus besteht die Verknüpfung bislang jedoch vor allem darin, daß die drei deutschen Polizeibeamten, die zum Wiederaufbauteam gehören, Rat und Hilfe bei der Auswahl höherer afghanischer Polizisten gewähren, also auch jene mit auswählen, die anschließend in Kabul zu Drogenfahndern ausgebildet werden. Der Aufbau einer regionalen Anti-Drogen-Polizei ist noch im Gange.

Ohnehin stehen die deutschen Polizeihelfer vor weit grundsätzlicheren Schwierigkeiten. In den vier Nordostprovinzen werden zwar an der wiederhergerichteten regionalen Polizeischule inzwischen 850 Polizisten für den einfachen Streifendienst ausgebildet - im gesamten Land sollen es bis zur Wahl im September 20000 sein -, aber fast die Hälfte der Polizeischüler in Kundus sind Analphabeten. Der Einführungskurs der Polizeischule, der von den Amerikanern konzipiert und auf zweieinhalb Monate veranschlagt wurde, ist für die Analphabeten nach der Hälfte der Zeit zu Ende; sie lernen nur das, was man erzählen und am Beispiel demonstrieren kann.

Die deutschen Polizeihelfer haben daher einen Abendkurs entwickelt, der ein Jahr dauern und in einem täglichen Dreistundenpensum die afghanischen Polizisten Lesen und Schreiben lehren soll. Im Sommer soll das Programm für 200 Polizisten beginnen, sofern die Finanzierung bis dahin geklärt werden kann. "Ich denke mal, das ist ne lohnende Aufgabe", sagt ein deutscher Polizeiberater.

"Das sind jetzt unsere besten Freunde"

Die Bundeswehrsoldaten üben unterdessen ihre Sicherheitswirkung auf verschiedenste Art und Weise aus. Deutsche Feldjäger nehmen die einheimischen Polizeioffiziere auf Patrouillenflüge mit, deutsche Soldaten haben der Stadtwache, einer sehr an einen Trupp Freischärler erinnernden Mannschaft, die das Stadttor an der Einfallstraße vom Flughafen bewacht und Transporte kontrolliert, eine einfache Unterkunft gebaut, sie mit einem Ofen gegen die Winterkälte und einem Transistorradio gegen die Langeweile versehen. "Das sind jetzt unsere besten Freunde", erzählt ein Offizier des deutschen Teams, "die melden uns auch, wenn jemand ihren Posten passiert, der ihnen merkwürdig vorkommt."

Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses des Bundestages, der frühere Verteidigungsminister Rühe, zeigt sich nicht überrascht von solchen vertrauensbildenden Maßnahmen der Truppe. Das sei doch schon in Somalia so gewesen, daß die Bundeswehr die Straße von ihrem damaligen Feldlazarett nach Mogadischu gesichert habe, indem sie in jedem Ort aus Brettern eine einfache Schulhütte zusammennagelte und so das Vertrauen der Bevölkerung gewann.

„Die Verbindung von militärischer Sicherheit und zivilem Wiederaufbau, das ist doch so eine Art Markenzeichen der Bundeswehr", sagt Rühe so stolz, daß er fast wieder selber wie der Verteidigungsminister wirkt. Er bewegt sich auch ganz so im Feldlager Kundus, spricht die Soldaten an, stellt sich mit einem Grinsen vor, "Rühe mein Name", und erntet fröhliche Abschiedsrufe, "tschüs, bis zum nächsten Mal, Herr Rühe".

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Jahrgang 1962, politischer Korrespondent in London.

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