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Dienstag, 14. Februar 2012
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Afghanistan „Wir haben viel dazugelernt“

11.05.2008 ·  Afghanistan ist nicht „verloren“, mögen die Anschläge der Taliban und die Berichte hierüber auch den gegenteiligen Schluss nahelegen. Ein Grund für Optimismus liegt in der neuen Taktik der Amerikaner.

Von Stephan Löwenstein
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In nervösen Zickzackbewegungen fliegt der Hubschrauber über die blühenden Landschaften. Durch die offene Schiebetür dringt intensiv der süßliche Duft von Schlafmohn. Weithin sieht man die hellvioletten Blüten in sattgrünen Feldern leuchten. Allenfalls eines von drei Feldern, das zwischen dem Stützpunkt Bastion in der Wüste und dem Städtchen Lashkar Gah überflogen wird, trägt eine andere Frucht, Weizen, manchmal Gemüse. Ansonsten ist Helmand, die Provinz im Süden Afghanistans, Opiumland.

Dan McNeill hat keine süßen Erinnerungen an die Opiumfelder. Das letzte Mal, dass er über eines geflogen sei, so erzählt der amerikanische Vier-Sterne-General und Kommandeur der Afghanistanschutztruppe Isaf, seien ihm daraus die pilzförmigen Köpfe jener Panzerfaustgranaten russischer Bauart entgegengeflogen, die in Afghanistan verbreitet sind. Doch jetzt, im Frühjahr, sieht man zwar viele Männer in den Schlafmohnfeldern, alte mit grauen Bärten und junge, kräftige. Doch kaum einer blickt nach oben. Sie sind beschäftigt. Es ist Erntezeit.

„Der Schlafmohnanbau untergräbt unsere Anstrengungen“, sagt McNeill. Auf einer Fläche zwischen 120 000 und 142 000 Hektar wird nach Schätzungen am Hindukusch Schlafmohn angebaut. 90 Prozent des Weltmarkts werden von hier beliefert. Das ist die eine Seite. Die andere ist die Konzentration der Anbauflächen auf bestimmte Gebiete. Sechs von zehn Kilogramm afghanischem Rohopium kommen aus Helmand. 13 der 22 afghanischen Provinzen sind ganz, einige weitere fast opiumfrei. 85 Prozent der Afghanen, so westliche Schätzungen, haben mit der Rauschgiftproduktion nichts zu tun. Und auch in Helmand gibt es die Konzentration. Man kennt teilweise sogar die Namen. Einer der Großgrundbesitzer mit allein tausend Hektar Schlafmohn unter dem Pflug ist Abdul Rahman Jam. Vor kurzem war er noch Polizeichef von Helmand.

Kabul, Isaf-Hauptquartier

Auf dem Schreibtisch des Kommandeurs der von der Nato geführten Truppe stehen zwei Bildschirme und vier Telefone. Auf dem Tisch in der Besprechungsecke steht eine in sich unterteilte Glasschale nach afghanischer Tradition mit Nüssen, Rosinen und - schon weniger afghanisch - bunten Schokoladendrops. Unterteilt sieht McNeill auch die „andere Seite“: in wenigstens vier oder fünf Gruppen, etwa die HiG des alten Kriegsherrn Hekmatyar, Al-Qaida-Kämpfer und Fragmente der früheren Taliban. Den pauschalen Begriff „Taliban“ für alle, die die Regierung in Kabul und die westlichen Soldaten bekämpfen, lehnt der Isaf-Kommandeur daher ab. Er spricht lieber von „antiafghanischen Kräften“.

Fragmentiert sieht McNeill in gewisser Hinsicht auch die eigene Seite. Er spricht von „drei Willen“: dem der afghanischen Regierung, jenem der Vereinigten Staaten und dem europäischer Regierungen. Die Isaf wird von der Nato geführt. Die Schutztruppe hat von den Vereinten Nationen den Auftrag erhalten, die afghanische Regierung bei der Herstellung von Sicherheit zu unterstützen. Auch in dieser Hinsicht zeigt sich eine bemerkenswerte Konzentration. Die meisten Zwischenfälle, die neulich gemeldet wurden, haben sich in einem Viertel der knapp 400 afghanischen Distrikte abgespielt. Aus zwei von drei Distrikten wurden hingegen überhaupt keine Zwischenfälle bekannt. Wie beim Opium liegt auch bei der Gewalt der Schwerpunkt im Süden, in Helmand.

Doch anders als bei der Opiumproduktion, die im Großen und Ganzen gleich geblieben ist, nimmt die Zahl der Anschläge und Gefechte zu. Und die der Verluste. Mehr als dreißig Soldaten der Schutztruppe sind seit Januar getötet worden und mehr als 150 verwundet. Das sind fast doppelt so viele Verluste wie im vergangenen Jahr im gleichen Zeitraum. Besonders gefährlich sind die „improvisierten“ Bomben der radikalen Aufständischen. Mehr als dreihundert sind in diesem Jahr schon explodiert - vierhundert wurden rechtzeitig gefunden und entschärft.

Deutet das auf eine Stärkung der Taliban? Bei der Isaf macht man sich einen anderen Reim auf die Zunahme feindlicher Kontakte. Danach seien die Angriffe immer weniger koordiniert, und es sei eher ein Zeichen von Schwäche, dass sich der Feind zunehmend auf Sprengstoffanschläge verlege. Immer mehr Gefechte würden von eigener Aktivität provoziert.

Seit 2005 ist die Truppe ständig größer geworden, von 9000 Soldaten auf heute 51 000. Sie ist in immer mehr Provinzen präsent, in denen vorher die Extremisten nahezu ungestört waren. Gleichzeitig ist die afghanische Armee von 22 000 auf 70 000 Mann angewachsen. Man sei viel mehr „draußen“ und halte „den Feind in Bewegung“, heißt es. Den Fehler, den Feinden der neuen Ordnung das Feld zu überlassen und ihnen die Bevölkerung durch hartes Auftreten in die Arme zu treiben, den will man nicht noch einmal machen. Hatte in der Zeit nach dem Sturz des Taliban-Regimes das Motto der westlichen Truppen gelautet, den Feind „zu suchen, zu finden und zu vernichten“, folgt die Aufstandsbekämpfung heute einem komplexen Konzept. Zu dem gehört die kurzfristige Verstärkung der Isaf um 2400 amerikanische Marineinfanteristen.

Kandahar Airfield

Schon Oberst Petronzios Vater war Marineinfanterist, er kämpfte in Korea und in Vietnam. Der Sohn führt jetzt die „24th Marine Expeditionary Unit“, die dem Isaf-Kommandeur als freie Einsatzreserve für ganz Afghanistan bis Oktober unterstellt worden ist. Petronzio hat dazu einen Verband zur Verfügung, um den ihn mancher Truppenführer beneidet: mit verstärktem Infanteriebataillon, mit Transport- und Kampfhubschraubern.

Doch, versichert der Marineinfanterist, wolle man nicht nach dem Motto auftreten: Wir zeigen den anderen erst mal, wie es richtig geht. Die „Marines“ hätten in den vergangenen Jahren viel dazugelernt. Dazu gehöre viel mehr als Gefechtserfahrung. „Kultur ist sehr wichtig.“ Man könne extremistische Organisationen „tödlich“ treffen, ohne „kinetisch“ zu sein, indem man sie von der Bevölkerung trenne, sagt Petronzio. Seine Marineinfanteristen wurden im März vom Irak, wo sie ein Jahr kämpften, nach Afghanistan verlegt. „Jeder weiß, dass das Regionalkommando Süd am meisten Hilfe braucht“, sagt Petronzio. „Wir werden in Gegenden gehen, wo bisher noch keine Isaf-Soldaten waren.“ Am Tag darauf sind die „Marines“ vom Stützpunkt Kandahar Airfield zu ihrer ersten Mission ausgerückt - in den Süden, Richtung pakistanische Grenze.

Kabul Military Training Center

Viel trauen sich die beiden jungen Soldaten nicht zu sagen. Sind die Taliban stärker geworden? Ja, nickt Abdul aus Khost und verstummt dann nach einem Seitenblick auf seinen Feldwebel. Was seine Familie davon hält, dass er zur Armee gegangen ist? Die Familie sei sehr glücklich. Ob sein Sold ausreicht? Ja, mit täglich 500 Afghani, umgerechnet 6,50 Euro, komme man gut aus.

Abduls Kamerad aus Kandahar will nicht einmal seinen Vornamen nennen. Seine Familie war in der Talibanzeit nach Iran geflohen und ist dann zurückgekommen. Was man bei ihm zu Hause davon halte, dass er zur Armee gegangen sei? Wenn er das erzählt hätte, wäre er getötet worden. Warum ist er dann zur Armee gegangen? Um Vater und Mutter im eigenen Land zu verteidigen. Die Soldaten üben draußen im staubigen Gelände nahe Kabul Schießen in der Formation.

Sie sind in der dritten Woche ihrer Ausbildung. Mit Waffenkunde hat man sich nicht lange aufhalten müssen. Feldwebel Nurzay Wakisada preist die Vorzüge der Kalaschnikow, mit der sich jeder auskenne. Der Aussicht, dass die Armee künftig mit amerikanischen Sturmgewehren ausgerüstet werden soll, sieht er mit gemischten Gefühlen entgegen. Die amerikanischen Mentoren, die die Ausbildung unterstützen, loben die Afghanen als geborene Kämpfer. Was ihnen beigebracht werden müsse, seien Disziplin und Organisation.

Qualität gehe vor Quantität

Fünf Kandaqs, afghanische Bataillone, mit 5200 Rekruten werden derzeit im militärischen Übungszentrum nahe Kabul ausgebildet; zehn Wochen dauert die Grundausbildung. Danach gehen vier von fünf Soldaten in ihre Einheiten und gegebenenfalls in den Einsatz. Die übrigen erhalten eine Spezialausbildung. 80 000 Mann soll in diesem Jahr die afghanische Armee umfassen und ihre bisher vorgesehene Zielstruktur erreichen. Für Brigadegeneral Mohammad Amin Wardak, den Leiter des Übungszentrums, ist das zu wenig. Er befindet sich damit im Einklang mit Verteidigungsminister Abdul Rahmin Wardak, mit dem der General weitläufig verwandt ist. Doch die Amerikaner sind zurückhaltend. Eine Armee, die so groß sei, dass die afghanische Regierung nicht mehr alle Soldaten ordentlich unterbringen und bezahlen könne, würde mehr Probleme als Nutzen bringen. Qualität gehe vor Quantität. Und mit der Qualität der afghanischen Armee (ANA) sind alle westlichen Gesprächspartner sehr zufrieden.

ANA - das sei eine Erfolgsgeschichte. Zugleich ist sie der Schlüssel für die Hoffnung der Nato-Streitkräfte, sich nach und nach zurückziehen zu können. Dieses Jahr noch soll die ANA die Verantwortung in und um Kabul übernehmen; das würde an der westlichen Truppenpräsenz nicht viel ändern, wäre aber ein symbolisch wichtiger Schritt. Isaf-Kommandeur McNeill sagt, angesichts der Entwicklungen könne er sich vorstellen, dass die ANA 2011 so weit sei, dass die Nato-Präsenz „zurückgefahren“ werden kann.

Ein Problem hingegen sei die Polizei. Sie gilt als korruptionsanfällig und inkompetent. Man müsse das verstehen, sagt Zarar Ahmad Moqbel, der Innenminister. Der Aufbau der nationalen Polizei habe erst vor zwei Jahren begonnen, drei Jahre später als jener der Armee. Inzwischen habe man 175 Polizeigenerale entlassen und einige vor Gericht gestellt; man habe die Löhne erhöht und ein Beschwerdentelefon - Nummer 119 - für die Bevölkerung eingerichtet. Nur in den südlichen Provinzen, wo Taliban, Al Qaida und Rauschgift miteinander vermengt seien, da habe man Probleme. „Aber wir haben Pläne zur Reform, um die bösen Jungs aus der Polizei zu entfernen.“

Der ministerielle Optimismus wird nicht überall geteilt. Ein Grund sind Zweifel an der Integrität der Regierungsspitze. Zwar erkennen westliche Diplomaten an, dass Präsident Karzai ein „Unabhängiges Büro für lokale Regierungsführung“ (IDLG) eingerichtet hat, auf dessen Betreiben hin seit August 2007 acht Gouverneure ausgewechselt wurden. Doch taucht immer wieder der Name Wali Karzais auf, des Sprechers der Abgeordnetenkammer der Provinz Kandahar und jüngeren Bruders des Präsidenten. Wie könne der es wohl vom Kellner zum Milliardär gebracht haben? Während offizielle Gesprächspartner darauf verweisen, dass es keine Beweise für eine Verwicklung Walis in den Rauschgifthandel gebe, sind Diplomaten von einer Verstrickung des Präsidentenbruders überzeugt.

Provinzen Nangahar und Kunar gelten als „Erfolgsgeschichte“

Eifrig wird gehobelt, und es fallen Späne. Die jungen Männer in blauen Overalls bearbeiten stumm ihr Holz. Der Meister, ein Afghane mit weißem Bart, prüft den Balken, ob er auch gerade geraten sei. An anderer Stelle in der lichten, neuen Fabrikationshalle spachteln die Schüler Zement auf Lehmziegel und setzen eine Mauerecke. Der Bart des Ausbilders, der hier über die gekauerten Männer im Blaumann wacht, ist hennarot. Im Hof klopfen die Jungen in der kräftigen Frühjahrssonne auf Bewehrungseisen herum.

Das „Kunar Construction Center“ ist ein Projekt des Provinzwiederaufbauteams (PRT) Assadabad. Sechs Klassen werden hier unterrichtet. Die 150 Schüler werden aus verschiedenen Distrikten der Provinz Kunar zusammengesucht - es soll eine ausgewogene Mischung sein -, die sich dann gleichsam als Botschafter der Stabilität wieder zerstreuen. In der Regel sind sie zwischen 18 und 35 Jahre alt. Sadullah, der an einer Sitzbank herumschmirgelt, ist, wie er sagt, erst 14. Er hat aus dem Radio davon gehört, eine Ausbildung zu erhalten, und ein Freund sagte, komm, lass uns gehen. Ein guter Schreiner möchte er werden.

Kunar ist der Osten vom Osten, die Provinz hat 300 Kilometer Grenze zu Pakistan. Das amerikanische PRT Assadabad ist ein kleiner Außenposten von etwa achtzig Mann. Zugleich ist es ein beträchtliches Entwicklungsunternehmen, dessen Projekte unter der Verantwortung von Oberstleutnant Dan Dwyer stehen: 200 Kilometer Straße; 9 Brücken; 16 Schulen; 20 ärztliche Zentren; ferner Distrikthäuser, Kontrollpunkte, Kulturhäuser. Kosten insgesamt: 37 349 771 Dollar. Das Geld muss nicht auf einem langen bürokratischen Weg in Washington beantragt werden. Es kommt aus Fonds, die den militärischen Führern draußen frei nach ihrem Ermessen zur Verfügung gestellt werden. Der Oberstleutnant hat 25 000 Dollar im Säckel, sein Brigadechef genehmigt Projekte bis 250 000 Dollar; alles darüber kommt von der Division. „Cerp“ lautet das Kürzel für diese Fonds.

Cerp ist beliebt bei den Feldkommandeuren. Einer formuliert: „Cerp ist unsere asymmetrische Waffe“, ein anderer sagt es drastisch: „Cerp ist meine Atombombe.“ Damit ist gemeint, dass es diese Projekte hier, wo nach Lage der Dinge keine zivile Hilfsorganisation arbeiten kann oder will, den Militärs ermöglichen, der Bevölkerung einen „positiven Unterschied“ zwischen Taliban- und Nichttaliban-Herrschaft zu demonstrieren. Wichtig sei es, sagen sie, nicht irgendetwas irgendwo zu pflanzen, sondern in Gesprächen mit Dorfältesten und Stammesführern herauszufinden, was nötig sei und was gewünscht werde, und die Arbeiten von Ortskräften ausführen zu lassen. Die lokalen Führer stärken, um die Warlords zu entmachten, und afghanische Behörden oder das Militär dazwischenschalten, damit die Projekte auch ihre Autorität stärken - das ist das neue Prinzip. „Wir haben viel dazugelernt.“

Die Provinzen im Regionalkommando Ost gelten bei den Amerikanern als Erfolgsgeschichte. Binnen zweier Jahre sei hier der Schlafmohnanbau fast auf null gesunken; mit jedem Kilometer Straße in die Berge breite sich auch die Autorität der Regierung aus, sagt Oberst Mark Johnstone, der stellvertretende Brigadekommandeur. Die Straßen bringen den Bauern Zugang zu Märkten. Acht große rote Ovale auf Johnstones Landkarte zeigen die Gegenden, in denen noch vor einem Jahr „der Feind“ das Sagen hatte. Es habe verlustreicher Kämpfe bedurft, um ans Straßenbauen auch nur zu denken. Heute sagten die Ältesten den Aufständischen: Geht weg, wir wollen euch nicht mehr - heute riefen die Dorfbewohner die Amerikaner an, wenn ungebetene Besucher kämen.

Und was ist, wenn die Kriegsführer und Taliban sich in die Berge oder nach Pakistan zurückziehen? Wenn sie die Westler Straßen und Brücken bauen lassen und warten, bis ihnen die Puste oder die politische Unterstützung zu Hause ausgeht, um dann wiederzukommen? Dann müssten die afghanische Regierung, Polizei und Militär hinreichend gestärkt sein, um die Sache selbst in die Hand zu nehmen, so lautet die Antwort. Und so lange müsse man eben bleiben.

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