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Afghanistan Wegen guter Führung

21.03.2010 ·  Abdul Zahir soll nach der Vertreibung der Taliban aus Mardschah den Distrikt führen. Vier Jahre saß Zahir wegen versuchten Totschlags in Haft - in Butzbach. Das leugnet er bis heute. Eine bewegte Familiengeschichte.

Von Christoph Ehrhardt
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Für Abdul Zahir ist die Sache ausgestanden. „Ich glaube, die Diskussion ist beendet. Wir sind damit beschäftigt, hier in Mardschah eine gute Regierung aufzubauen“, sagt er am Telefon. Der Distriktchef für die gerade befreite Taliban-Hochburg zeigt sich überzeugt, dass er im Amt bleiben werde, allen Vorwürfen zum Trotz. Presseberichte hatten ihn in Bedrängnis gebracht. Sie hatten offengelegt, dass Abdul Zahir, der 1989 nach Deutschland geflohen war, dort für etwa vier Jahre wegen versuchten Totschlags im Gefängnis saß. Er hatte seinen Stiefsohn mit einem Küchenmesser angegriffen und lebensgefährlich verletzt.

Westliche Offizielle hätten Druck auf die afghanische Regierung ausgeübt, Zahir von seinem verantwortungsvollen Posten zu entfernen, hieß es. Schließlich soll der neue Distriktchef der mühsam freigekämpften Region Rechtsstaatlichkeit bringen und das, was die ausländischen Aufbauhelfer „gute Regierungsführung“ nennen. Die Operation „Mushtarak“ galt als Test für die neue Strategie der internationalen Truppen und als Symbol für einen abermaligen Aufbruch des neuen Afghanistans. Viele Hoffnungen ruhten auf dem neuen Statthalter Zahir.

Der Fall beschäftigte sogar den amerikanischen Verteidigungsminister Robert Gates während seines jüngsten Afghanistan-Besuches. Die Nato teilte mit, sie unterstütze den Gouverneur der Provinz Helmand, Gulab Mangal, der Zahir als künftigen Distriktgouverneur ausgewählt habe. Es liege an den afghanischen Behörden, über seine Zukunft zu entscheiden. „Nach allem, was wir wissen, macht Zahir gute Arbeit“, sagte ein Sprecher. Gouverneur Mangal, ein Vertrauter des afghanischen Präsidenten Karzai, machte Zahirs Verbleib im Amt von den Ergebnissen seiner Arbeit abhängig. Der Fall werde geprüft, hieß es. Für gewöhnlich wird dann einfach abgewartet, bis sich die Aufregung gelegt hat.

Auch Zahirs Verteidigungsstrategie erschöpft sich im Aussitzen. Seine Zeit im Gefängnis leugnete er beharrlich. Auch gegenüber der F.A.Z. beteuert er: „Ich war niemals im Gefängnis.“ Es handle sich um eine Verleumdungskampagne politischer Gegner oder gar Feinde. „Ich respektiere deutsche Gesetze und habe sie immer respektiert.“ Da hatten allerdings schon die deutschen Justizbehörden die Enthüllungen bestätigt. Ein Beobachter des Prozesses bestätigte der F.A.Z. ebenfalls, dass es „zweifelsohne“ Abdul Zahir war, der 1998 am Landgericht Darmstadt verurteilt und schließlich ins Butzbacher Gefängnis verlegt wurde.

Der Paschtune aus Südafghanistan hatte 1989 auf seiner Flucht zwei Ehefrauen mit nach Deutschland gebracht. Seine erste Frau war noch im Teenageralter, als sie mit ihm verheiratet wurde. Zahirs zweite Frau war verwitwet und brachte drei Stiefkinder mit in die Ehe, zwei Söhne und eine Tochter. In Nieder-Roden bei Offenbach lebten die Familien getrennt, aber Wand an Wand in zwei verschiedenen Wohnungen. Zahir arbeitete in einem Holiday-Inn-Hotel in der Nähe. „Zur allgemeinen Erheiterung“ habe ein Richter während des Prozesses ausgeführt, dass Zahir Tausende von Mark an Sozialhilfe für seine zwei Familien erhalten habe, berichtet der damalige Prozessbeobachter. Zahir sei streng und autoritär gewesen, heißt es im Umfeld der Familie. Dabei sei er zur Familie seiner zweiten Frau großzügiger gewesen. Gegen ihre Kinder habe er auch nicht so oft die Hand erhoben.

Dennoch gab es große Spannungen zwischen Zahir und der Familie seiner zweiten Frau – vor allem zwischen dem Familienoberhaupt und seinen selbstbewussten Stiefsöhnen. Die Zeitung „Darmstädter Echo“, die damals über den Prozess berichtete, schrieb unter Berufung auf Angaben des Gerichts, „das sich ausgesprochen patriarchalisch gebende Familienoberhaupt“ habe im August 1997 seine Stiefsöhne unter einem Vorwand nach Afghanistan gelockt, ihnen dort Pässe und Flugtickets abgenommen und sie ihrem Schicksal überlassen. Beim Sozialamt in Deutschland habe er sie dann abgemeldet und Landsleuten eine Legende über ihren Verbleib aufgetischt. Erst im Dezember sei es den beiden gelungen, mit fremder finanzieller Hilfe nach Deutschland zurückzukehren. Darüber sei Zahir mit seiner Frau in Streit geraten. Er habe sie geschlagen.

Die Spannungen eskalieren

Am Abend des 15. Dezember 1997 eskalierten die Spannungen. Ein Stiefsohn Zahirs rief an, um in den Streit einzugreifen. Es seien sehr harte Worte gefallen, sagt ein enger Freund der Familie. Zahir sei sehr, sehr aufgebracht gewesen, habe sich seine Jacke übergeworfen und sei aus der Wohnung seiner ersten Frau gestürmt, um seinen Stiefsohn zur Rede zu stellen. In der folgenden Auseinandersetzung stach Zahir nach Angaben der Staatsanwaltschaft zweimal mit großer Wucht auf seinen Stiefsohn ein und verletzte dabei dessen Leber lebensbedrohlich. Auf seiner Flucht wurde der Afghane am 7. Januar 1998 bei Görlitz an der deutsch-polnischen Grenze festgenommen.

Am 10. Januar 2002 wurde Zahir aus dem Gefängnis entlassen. Es war angeblich sein 51. Geburtstag. Aus dem engen Familienumfeld heißt es, die Haft habe ihn sehr verändert. Zahir sei als Vater liebevoller und als Person nachdenklicher geworden, oft sei er tief in Gedanken versunken gewesen. Die Familie seiner ersten Frau, die ihn regelmäßig im Gefängnis besuchte, war in den Jahren seiner Haft auf sich allein gestellt. Das Geld war knapp, die Mutter sprach kaum Deutsch, der älteste Sohn war gerade einmal elf Jahre alt. Ihm habe die Haft seines Vaters eine schwere Bürde auferlegt, heißt es. Um einer Abschiebung zuvorzukommen, habe Zahir gut ein Jahr später das Land freiwillig nach Pakistan verlassen. „Lieber gehe ich selbst“, soll er gesagt haben. Viel besaß er zu der Zeit wohl nicht mehr. Der Landbesitz der Familie in Afghanistan war schon verkauft. In Pakistan heiratete Zahir eine dritte Frau, in seiner afghanischen Heimat wurde er dann zum anerkannten Stammesvertreter und Politiker. Er sei schon immer ein politischer Mensch gewesen, sagt ein Vertrauter.

Zahir selbst plädiert dafür, die alten Geschichten ruhenzulassen. „Ich bin jetzt hier. Das ist alles vorbei“, sagt er. Allerdings nicht ohne die Relevanz der Enthüllungen in Frage zu stellen, die er so energisch leugnet: „Es interessiert weder die Leute in Mardschah noch im übrigen Afghanistan, ob ich mich mit meiner Frau gestritten habe“, sagte er. „Die Leute lachen darüber.“ Im afghanischen Parlament säßen Mörder, die Tausende von Menschen getötet hätten. Auf sie müsse sich die Diskussion über die Glaubwürdigkeit der Regierung konzentrieren.

Dass sich die Menschen in Mardschah und die Stammesältesten an der Tat Zahirs womöglich nicht besonders stören, glauben auch westliche Partner. Der Kommandeur der Nato-Truppen in Südafghanistan, der britische General Nick Carter, sagte der Zeitung „Wall Street Journal“: „Zahirs Fehler war, sich in Deutschland wie ein Afghane zu benehmen.“

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Jahrgang 1975, Redakteur in der Politik.

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