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Afghanistan Wahlfieber am Hindukusch

08.10.2004 ·  Bei den ersten freien Wahlen seit Jahrzehnten will sich Präsident Karzai am Samstag demokratisch legimitieren lassen. Taliban und Terror haben ihr Ziel verfehlt: Fast alle Afghanen haben sich registrieren lassen.

Von Ahmad Taheri
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Wenn die afghanischen Politiker vom 9. Oktober als einem „historischen Tag“ sprechen, so ist das nicht übertrieben. Denn an diesem Samstag werden zum ersten Mal seit etwa 40 Jahren freie, gleiche und geheime Wahlen in Afghanistan stattfinden. Gewählt wird ein Staatspräsident, der nach der afghanischen Verfassung mit großer Macht ausgestattet ist.

Nach offiziellen Angaben haben sich zehneinhalb Millionen Afghanen als Wähler registrieren lassen, 42 Prozent davon sind Frauen. Das sind etwa 90 Prozent der potentiellen Wähler. Allerdings sollen sich zahlreiche Afghanen mehrfach registriert haben.

Dennoch: Mit derart hohen Zahlen hat man bei einem Volk mit einem großen Anteil an Analphabeten nicht gerechnet. Man dachte auch, daß die Angst vor den Taliban und den Al-Qaida-Leuten viele Menschen davon abhalten würde, sich als Wähler registrieren zu lassen. Denn in den letzten Wochen und Monaten war es oft zu blutigen Anschlägen gegen Wahlbüros und Wahlhelfer gekommen. Die Terroristen haben also ihr Ziel nicht erreicht.

Rakete in der Nähe der deutsche Botschaft

Noch einen Tag vor der Wahl sind zwei Anschläge in Kabul und Jalalabad verübt worden. Eine Rakete schlug nahe der deutschen Botschaft und eines amerikanischen Stützpunktes ein und beschädigte einige Fahrzeuge. Eine weitere Rakete explodierte in der Stadt Jalalabad.

Nach Angaben der Isaf-Truppe gab es keine Verletzten. Sicherheitskräfte in Kabul zeigten sich zuversichtlich, daß die Wahl an diesem Samstag ohne größere Störungen durch Al Qaida und Taliban-Kämpfer vonstatten gehen wird. Am Wahltag hat die Isaf Großeinsatz. „Wir werden mit allen Kräften draußen sein“, sagte ein deutscher Hauptmann.

Kandidatur mit symbolischem Wert

Seit Wochen war in Kabul und in den anderen Städten Afghanistans so etwas wie Wahlkampf zu spüren. Wahlspots laufen im Fernsehen, die Wände der Häuser sind mit Plakaten bedeckt, eine Versammlung folgt der anderen. Siebzehn Kandidaten, darunter eine Frau, sind gegen den amtierenden Staatschef Hamid Karzai angetreten. Daß eine Frau, Masudah Dschalal, in der afghanischen Männergesellschaft für das höchste Amt im Staat kandidiert, zeigt, daß sich am Hindukusch manches zum Besseren entwickelt hat.

Die tadschikische Ärztin aus der Provinz Kapisa hat gewiß keine Chance. Doch ihre Kandidatur ist von hohem symbolischem Wert. Sie hebt das Selbstbewußtsein der afghanischen Frauen, die unter der Talibanherrschaft aller Rechte beraubt worden waren. Wenn Masudah Dschalal in den ländlichen Gebieten in der Burka, dem alles verhüllenden Schleier, oder in Kabul mit Kopftuch und offenem Gesicht Wahlreden hält, strömen die Frauen zusammen, um die Tadschikin zu sehen und zu hören.

Qanuni ist ein gefährlicher Gegenkandidat

Doch der eigentliche Wahlkampf findet unter den Männern statt. Inzwischen machen tatsächlich ein paar ernst zu nehmende Rivalen Karzai das Leben schwer. Es ist sogar möglich, daß er im ersten Wahlgang die erforderliche absolute Mehrheit nicht erreicht. Der gefährlichste aller Gegenkandidaten ist der frühere Erziehungsminister Junes Qanuni. Der Tadschike gehört neben Verteidigungsminister Mohammad Fahim und Außenminister Abdullah Abdullah zu der sogenannten „Panjschir-Troika“. Viele Tadschiken nördlich von Kabul, aber auch in der volkreichen Provinz Herat im Westen des Landes dürften ihm ihre Stimme geben.

Korruption wird ihm nicht nachgesagt. Die Gelder des Ministeriums habe er bestimmungsgemäß für den Bau von neuen Schulen verwendet, was in Afghanistan nicht selbstverständlich ist. Selbst die Paschtunen sprechen voller Achtung von dem in Dari und Paschtu wortgewandten Politiker. Da seine Frau eine Paschtunin ist, betrachten die Ghalzai, die ostpaschtunischen Stämme, Qanuni als eine Art Schwiegersohn. Um sich die Gunst der Paschtunen zu sichern, hat Qanuni einen ihrer Volksgenossen, den einstigen Innenminister Tadsch Mohammad Wardak, zu seinem ersten Stellvertreter nominiert.

Karzai profitiert von Zersplitterung der Nordallianz

Für die Dschihadis, wie die Veteranen des Heiligen Kriegs gegen die sowjetischen Besatzer genannt werden, ist Hafis Mansur in den Kampf um den Präsidentenstuhl gezogen. Mansur gehört zu der islamistischen Partei Dschamiat-e Islami. Er ist der Herausgeber der Zeitschrift Pajam-e Mudschahed, in der Staatspräsident Karzai des öfteren des paschtunischen Chauvinismus bezichtigt wird. Doch der grimmige Eiferer Mansur ist bei der Bevölkerung nicht besonders beliebt.

Im Norden des Landes war noch bis vor kurzem der berüchtigte Kriegsherr Abdulraschid Dostum der unumstrittene Kandidat der usbekischen Volksgruppe. Inzwischen hat er aber einen Rivalen. Abdul Sattar Sirat, ein gebildeter Usbeke, der unter Zahir Schah Minister war, will Dostum zurückdrängen. Die Zersplitterung der einstigen Nordallianz, die mehr als ein halbes Dutzend Kandidaten aufgestellt hat, kommt freilich Hamid Karzai zugute. Einen der Führer der Nordallianz, Karim Khalili, hat der Staatspräsident für die kommende Amtszeit als seinen zweiten Stellvertreter nominiert.

Garant für internationale Gelder

Damit hofft Karzai die Hazara, die Schiiten mongolischer Herkunft in Zentralafghanistan, deren wichtigster Vertreter Khalili ist, für sich zu gewinnen. Als Vertreter der Tadschiken soll Zia Masud, ein Bruder des legendären Ahmad Schah Masud, der erste Stellvertreter des Präsidenten werden. Trotz des Kandidatengedrängels dürfte der künftige Staatschef Afghanistans also mit großer Wahrscheinlichkeit Hamid Karzai heißen.

Die meisten Afghanen, namentlich in den Städten, sehen in dem „Freund der Amerikaner“ einen Garanten dafür, daß internationale Gelder weiter ins Land fließen und die Warlords in Schranken gehalten werden. Schon allein die Tatsache, daß die Lage nach dem Sturz der Taliban nicht schlimmer geworden ist, hält man der Regierung Karzai zugute. Auch viele Frauen dürften ihre Stimme dem paschtunischen Aristokraten geben. Nach der leidvollen Erfahrung mit den Taliban betrachten sie ihn als ihren Befreier.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 03.10.2004, Nr. 40 / Seite 14
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