Nach drei Stunden Fahrt hat die Bundeswehr Imam Sahib erreicht. Zwei Panzer und ein halbes Dutzend Kampfwagen sind nötig, um die beiden Gesandten des Feldlagers Kundus siebzig Kilometer durch den eiskalten afghanischen Winter zum neuen Bezirksgouverneur zu bringen. Dort wollen sie über "die Lage" und Entwicklungsprojekte sprechen. Der alte Gouverneur war im August wegen allzu großer Nähe zu den Aufständischen entlassen worden: Sein Bruder war Kommandeur der Taliban, die Imam Sahib infiltriert hatten. Der Bezirk gehört zur Provinz Kundus, dem Verantwortungsbereich der Deutschen in Afghanistan. Die Deutschen stoppen ihre Fahrzeuge im Schutz der Amerikaner, die hier seit dem vergangenen Jahr einen staubigen Außenposten unterhalten.
Der „Combat Outpost Fortitude“ ist nicht viel mehr als ein befestigter geschotterter Parkplatz, den ringsum Sandsäcke in mannshohen Drahtgestellen schützen. Er liegt in der Innenstadt von Imam Sahib, der gleichnamigen Bezirkshauptstadt. Hier, wenige Kilometer vor der Grenze zu Tadschikistan, hat sich eine amerikanische Kompanie eingegraben: rund hundert Soldaten mit gut einem Dutzend Fahrzeuge, Zelten zum Schlafen und einem schlammverkrusteten Container mit Toiletten und Duschen. Die Einfahrt zur Sandstraße hin versperrt lediglich ein Kampfwagen mit aufmontiertem Maschinengewehr. Die Amerikaner sind hier, um den Bezirksgouverneur und den örtlichen Polizeichef zu schützen und um die Ausbildung weiterer afghanischer Sicherheitskräfte abzusichern.
Zwischen den Sandsäcken verläuft ein schmaler Durchgang direkt zum afghanischen Polizeigelände. Die meisten Polizisten tragen graublaue Uniform. Manche haben Uniformteile an, andere nur eine Polizeimütze auf. Auch eine Handvoll Kräfte der „Afghanischen Lokalen Polizei“ (ALP) sind hier, sie stehen um einen weißen Geländewagen vor dem Tor. Sie tragen dunkelgraue Uniformteile, der eine hat eine Hose in dieser Farbe an, der andere eine Jacke; die Farben sind in Afghanistan nicht einheitlich. In Imam Sahib gibt es mittlerweile 300 ALP-Kräfte, mehr als reguläre Polizisten der Afghanischen Nationalpolizei (ANP) - von diesen sind nur 217 hier, von denen 85 stets im Polizeihauptquartier bleiben.
Die ALP ist vor allem ein amerikanisches Projekt. Es wurde 2010 vom afghanischen Innenministerium und amerikanischen Einheiten aufgebaut. Drei Wochen lang werden die Rekruten von amerikanischen Spezialkräften ausgebildet. Mit Hilfe lokaler Kämpfer soll verhindert werden, dass Aufständische weiterhin ländliche Gebiete infiltrieren. Gleichzeitig gilt die ALP als Arbeitsbeschaffungsprogramm für Waffenträger, die sonst dann und wann die Seiten zu wechseln pflegten.
Für die beiden deutschen Panzer ist im amerikanischen Außenposten kein Platz mehr. Der Kommandant könnte auf dem Hof der Polizeistation parken. Er lehnt ab: "Zu viele afghanische Polizisten", sagt er. Die Sorge vor einem "Innentäter" begleitet die Truppe jeden Tag. Die Panzer bleiben auf der Straße.
„Lokale Sicherheitskräfte“ sind Teil der Abzugsstrategie
Die internationalen Truppen wollen den Vormarsch der Aufständischen um jeden Preis verhindern. Ein Rezept scheint die Aufstellung von Milizen zu sein, auch wenn Bundeswehroffiziere darauf achten, dieses Wort zu vermeiden. Stabilisierung auch über "lokale Sicherheitskräfte" ist Teil der Abzugsstrategie der Isaf. Der im Sommer vergangenen Jahres abgelöste Kommandeur der internationalen Truppen, General David Petraeus, bezeichnete die ALP als „Nachbarschaftswache mit AK-47“.
Der Bezirksgouverneur von Imam Sahib ist nicht da, um die beiden deutschen Gesandten zu empfangen - er eröffnet gerade zusammen mit dem Polizeichef eine Brücke, die von amerikanischem Geld gebaut wurde. Die Bundeswehrsoldaten hatten ihr Kommen aus Sicherheitsgründen nicht angekündigt. Also begrüßt der stellvertretende Bezirkschef die Deutschen im Gouverneursgebäude, ein paar hundert Meter vom Außenposten entfernt.
Imam Sahib sei sicherer geworden, berichtet Sultan Muhammad Nazar. Zunehmend aber richteten sich Anschläge gegen die afghanischen Sicherheitskräfte. Mitte Januar habe man eine auf Kopfhöhe versteckte Sprengfalle aus einem der Sandsäcke an der Straße gezogen. Die ALP-Leute nennt er Arbaki, "Kämpfer". „Die arbeiten für Geld“, sagt Nazar. Manche seien früher Taliban gewesen. Dann erwähnt Nazar Bauprojekte, die in Imam Sahib nötig seien: vor allem Straßen und Schulen.
Auch der Polizeichef kommt heute nicht mehr, hinterlässt aber seine Nummer. Qayyub Ibrahimi gehört einer wichtigen Familie an. Sein Bruder Abdul Rauf ist Parlamentssprecher in Kabul. Ein anderer Bruder ist der wichtigste Bauunternehmer in Imam Sahib. Ein älterer Bruder, Amir Latif Ibrahimi, war einst Gouverneur der Provinz Kundus. Die usbekische Ibrahimi-Familie kontrolliert den Bezirk - nicht nur viele Paschtunen fühlen sich dadurch benachteiligt.
Die meisten ALP-Kräfte seien seit langer Zeit schon bei ihm, sagt Polizeichef Ibrahimi später am Telefon: "Der Großteil der Leute hat früher mit mir gekämpft." Ibrahimi war Mudschahedin-Kommandeur im Krieg gegen die Russen, später, im Bürgerkrieg, gegen Afghanen, noch später gegen die Taliban. Der kleinere Teil der ALP sei in Dorfversammlungen bestimmt worden, erzählt er. Von einigen wenigen Übergriffen der ALP auf die Bevölkerung habe er zwar gehört, sagt Ibrahimi. Aber die Übeltäter seien "militärisch" bestraft worden.
Insbesondere in den Provinzen Kundus und Takhar habe sich die Sicherheitslage deutlich verbessert, seit afghanische Milizen Teil der Strategie wurden, sagen Militärs. Trotzdem ist die Zeremonie zur Übergabe der Sicherheitsverantwortung an die Afghanen am Montag dieser Woche in Talokan abgesagt worden. Offiziell wegen Schnees, tatsächlich wohl aus Sicherheitsgründen. In Talokan hatte die Bundeswehr bis dahin einen Außenposten mit knapp 50 Soldaten unterhalten. Ähnlich verhielt es sich in der vergangenen Woche bei der Einweihung eines Gemeindezentrums in Utman Zai im Bezirk Kundus, die aus Sicherheitsgründen verschoben wurde.
Das Feldlager Kundus soll 2012 unter zivile Leitung gestellt werden
Berater ziviler Helfer sagen, dass sich die Sicherheitslage verschlechtere und viele Mitglieder der neugeschaffenen Milizen in der Bevölkerung Angst und Schrecken verbreiteten. Dieser Tage berichteten Nachrichtenagenturen, im Norden Afghanistans habe ein regierungstreuer Milizkämpfer seine Frau erwürgt, weil sie ihm eine Tochter anstatt eines Sohnes geboren hatte. Der Polizeichef von Kundus sagte der Agentur Reuters daraufhin, die „Existenz der Milizen sind ein großes Problem, und deshalb haben wir Schwierigkeiten, den Mann zu verhaften“. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch warf den ALP-Kräften im vergangenen Herbst Mord, Misshandlung und das Eintreiben von Schutzgeldern vor; die Isaf teilte daraufhin im Dezember mit, das Auswahlverfahren für die ALP verbessern zu wollen. Das Ziel der Schutztruppe ist es, bis 2014 mehr als 350.000 afghanische Sicherheitskräfte ausgebildet zu haben. Von diesen sollen nach Plänen des amerikanischen Militärs 30.000 ALP-Kräfte sein. Derzeit stehen insgesamt etwa 10.000 von ihnen unter Waffen.
Die Amerikaner haben ihre Truppenstärke in Kundus bereits verringert, die Deutschen sind kurz davor. "Nach 2013 ist hier keiner mehr", heißt es im Feldlager Kundus. Aus dem Auswärtigen Amt in Berlin heißt es, dass Kundus "im Laufe des Jahres 2012 unter zivile Leitung gestellt werden" solle. Der Provinzgouverneur, Muhammad Anwar Jegdalek, war vor kurzem mit seinem Polizeichef und einer Delegation im Feldlager, um es sich schon einmal anzusehen. Besonders beeindruckt sei der ehemalige Ringer vom großen deutschen Fitnessgebäude gewesen, erzählen Soldaten.
Auch das Trainingscamp der deutschen Polizei in der Nähe des Feldlagers soll spätestens im Sommer 2013 an die afghanische Regierung übergeben werden. Vorher werden die Anstrengungen noch einmal verfünffacht: Bildete die deutsche Polizei in Kundus bislang etwa 120 Rekruten gleichzeitig aus, sollen es von diesem Frühjahr an mehr als 500 sein. Die Fundamente der Wohnbaracken sind schon gegossen.
Sechs Wochen dauert die deutsche Polizeiausbildung in Kundus. Weil drei Viertel der Rekruten weder lesen noch schreiben können, finanzieren die Deutschen parallel zur Ausbildung Sprachunterricht. Was mit den Rekruten nach den sechs Wochen passiert, wird nicht überprüft. Nur die Niederlande, die mit einer kleinen Einheit im Feldlager Kundus sind, senden ihre Kräfte in Kontrollpunkte, um zu schauen, was aus den neuen Polizisten geworden ist; das dürfen sie aber aufgrund parlamentarischer Vorgaben nur in der Stadt Kundus.
„Infrastrukutrkräfte“
Die ALP ist nicht das einzige Programm, mit dem die Isaf versucht, die Afghanen in die Verantwortung zu nehmen. Seit neun Monaten sind die afghanischen Sicherheitskräfte um ein Akronym reicher: CIPP. Dieses - ebenfalls von den Amerikanern aufgebaute - "Schutzprogramm für wichtige Infrastruktur" gibt es nur in den nördlichen Provinzen Kundus, Balch, Jowzjan, Fariab und Sar-i-Pul. CIPP-Kräfte kommen aus den Dörfern und Gegenden, die sie schützen sollen, weil es, so die Isaf, "noch nicht überall genügend afghanische Soldaten und Polizisten gibt". Ihre Mitglieder erhalten kaum Ausbildung und dürfen ihre eigenen Waffen mitbringen. Sie sind an strategisch wichtigen Orten wie Brücken und Straßen postiert. Im Nachbarbezirk von Imam Sahib etwa, in Khala-e-Zal, ist der örtliche Warlord Nabi Gechi mit 200 seiner Kämpfer vor kurzem direkt ins CIPP-Programm eingetreten. "Manche dieser Leute haben uns früher noch beschossen", sagt ein Bundeswehroffizier in Kundus.
Den ersten Monatslohn übergab den CIPP-Kräften im vergangenen Sommer ein Hauptmann der amerikanischen Armee bar auf die Hand, 7000 Afghani, umgerechnet 150 Dollar. Seitdem soll das Geld über die jeweiligen Polizeichefs ausgezahlt werden. Der Hauptmann ist Mitglied der amerikanischen Spezialkräfte in der "Forward Operation Base Kunduz", die etwa einen Kilometer vom deutschen Feldlager entfernt liegt. Die CIPP-Kräfte erhalten eine gelbe Armbinde und werden biometrisch erfasst. Dann schwören sie einen Eid auf die afghanische Verfassung.
Die laut Isaf "verbesserte Sicherheitslage" in Kundus soll unter anderem auf diese Kräfte zurückzuführen sein - auch, weil diese so selbst unter Kontrolle gehalten werden können. "Die lokalen Sicherheitskräfte sind ein wichtiger Baustein geworden für uns im Norden", sagt General Markus Kneip, der Isaf-Regionalkommandeur für den Norden Afghanistans in Mazar-i-Sharif. Kneip bewertet den Aufbau von ALP und CIPP als gut: "Alles läuft transparent." Die Biometrisierung verhindere, dass Kriminelle in die Programme übernommen würden. Die Kontrolle im Dienst erfolge dann durch die afghanischen Polizeibezirkschefs. "CIPP ist eine erfolgreiche Methode um in Afghanistan Ortskräfte, kontrolliert, zum lokalen Schutz einzusetzen", sagt Kneip.
General Allen: Eine „temporäre Lösung“
Afghanistans Präsident Hamid Karzai lehnt die Infrastrukturschützer ab. Die Existenz der CIPP-Kräfte sei ihm nicht bekannt gewesen, sagte Karzai im Dezember - ein Vorwurf, der von der Isaf zurückgewiesen wird. Nun sollen die CIPP-Kräfte unter die Kontrolle des afghanischen Innenministeriums gestellt werden. Das Programm läuft offiziell noch bis zum 30. April. Der Isaf-Oberkommandierende, der amerikanische General John Allen, nennt es eine „temporäre Lösung“.
Lokalpolitiker in Kundus-Stadt nennen ALP- und CIPP-Kräfte „Diebe“. Auf die Frage, was nach 2014 passiere, wenn die afghanischen Sicherheitskräfte möglicherweise nicht mehr alle finanziert werden können, antwortet Sultan Muhammad Nazar, der stellvertretende Bezirksgouverneur von Imam Sahib: „Dann gibt es Buskashi - alles wird neu verteilt.“ Buskashi ist ein afghanischer Nationalsport: Reiter wetteifern um eine tote Ziege, es gibt keine festen Mannschaften, nur wechselnde Bündnisse. Imam Sahibs Polizeichef Ibrahimi hält zur neugegründeten Allianz des usbekischen Warlords und Kriegsverbrechers Dostum, der zusammen mit dem Bruder des von den Taliban 2001 getöteten tadschikischen Kriegshelden Ahmed Schah Massud und dem Führer der schiitischen Hazara-Minderheit eine "Nationale Front" gegründet hat. „Ich unterstütze diese Männer“, sagt Ibrahimi. Das heiße nicht, dass er gegen die bestehende Regierung sei. Was er anstrebe, seien vor allem mehr Macht für die Bezirke und weniger Zentralstaat. "Es ist gut, dass die ausländischen Truppen gehen", sagt Qayyub Ibrahimi. "Aber vorher brauchen wir noch mehr Training und Waffen."
