19.07.2010 · Am Dienstag beginnt in Kabul die internationale Afghanistan-Konferenz, bei der es auch um den geplanten Abzug der ausländischen Truppen gehen soll. Die Europäer rechnen nur noch mit einer „fragilen Stabilität“ in Jahresfrist, wenn die ersten amerikanischen Verbände ausgedünnt werden sollen.
Von Lothar RühlPakistan und die afghanischen Bürgerkriegsparteien bereiten sich auf den Beginn des angekündigten amerikanischen Abzugs vor. Westliche Nachrichtendienste und militärische Stäbe, aber auch europäische Regierungen rechnen für Afghanistan nur noch mit einer „fragilen Stabilität“ in Jahresfrist, wenn die ersten amerikanischen Verbände ausgedünnt oder abgezogen werden sollen. Wie lange eine solche relative Stabilität im größeren Teil des Landes danach halten wird, ist die offene Frage.
Dieses Fragezeichen steht hinter dem Kalkül des neuen Oberkommandierenden General Petraeus, der bei Antritt seines Postens in Kabul erklärte, man stehe „am Wendepunkt“. Sein Auftrag lautet, „Stabilität darzustellen“, wie hohe Militärs und Regierungsbeamte in Europa sagen, und eine Lage zu konsolidieren, in welcher der Staat Afghanistan den schrittweisen Abzug der internationalen Truppen übersteht, jedenfalls nicht hinter den Stiefelabsätzen der abziehenden ausländischen Kräfte zusammenfällt.
Scheitern wie in Vietnam verhindern
So soll ein offenkundiges Scheitern wie in Vietnam 1973/75 verhindert werden. Dass in den kommenden 12 bis 24 Monaten Armee und Nationale Polizei Afghanistans so gefestigt werden könnten, dass sie „Verantwortung“ mit Aussicht auf nachhaltigen Erfolg tragen können, wird in Allianzkreisen wie in Berlin bezweifelt.
Doch führt kein Weg mehr an dem von Präsident Obama öffentlich erklärten Termin für den Beginn des „Prozesses“ vom Juli 2011 an vorbei, wenn in Afghanistan kein größerer Rückschlag eintritt. Die alliierte „Offensive“ in der Provinz Helmand ist bisher nicht recht vorangekommen und die angekündigte in der Provinz Kandahar verzögert sich entsprechend.
Während des Abzugs weiter offensiv operieren
Kritisch für das weitere Vorgehen ist der politische Überprüfungstermin der Lageentwicklung in Washington im Dezember. Dann müssen auch die militärischen Vorplanungen für die Jahresmitte 2011 zum Beginn des „Strategic exit“-Prozesses eingeleitet werden. Dieser soll sich nach heutiger Sicht über einige Jahre erstrecken, solange er nicht unter akuten Druck kommt. Es wird darauf hingewiesen, dass der sowjetrussische Rückzug von 1988/89 in Verhandlungen mit den afghanischen „Mudschahedin“ drei Jahre lang vorbereitet wurde. Solche Verhandlungen werden auch mit verschiedenen „Insurgenten“ für die amerikanischen und die Isaf-Truppen notwendig. Während der gesamten Zeit muss weiter aktiv und oft offensiv operiert werden.
Es ist in dieser Zeitspanne keine Waffenruhe und kein Nachlassen der Kämpfe zu erwarten, denn die afghanischen Bürgerkriegskräfte rivalisieren um günstige Positionen für die Zeit nach dem Abzug der Fremden, wenn es um die Macht im Lande oder in einzelnen Landesteilen geht. Die Stämme handeln schon seit langem nach ihren eigenen Opportunitätskriterien, nicht nach einem nationalen Maßstab. Eine „nationale“ afghanische Kraft fehlt im Spiel, und für die angestrebte „regionale“ Lösung zur Beendigung des Konflikts fehlt bisher jeder Ansatz.
Die Rolle Pakistans: Verhinderung fremder Einflüsse
Die europäischen Regierungen haben inzwischen den Eindruck gewonnen, dass Washington keine schlüssige Konzeption zur „Regionalisierung“ oder auch nur für die Rolle Pakistans in Afghanistan hat. Die pakistanische Armee unterscheidet allem Anschein nach zwischen der Bekämpfung der „Islamisten“ im eigenen Land und den „afghanischen Taliban“ oder anderen Aufständischen im Nachbarland. Diese sucht sie wie früher als Instrumente ihrer Politik zu nutzen und zur Verhinderung fremder Einflüsse in Afghanistan, insbesondere indischer. Entsprechend zurückhaltend geht sie mit ihnen im Grenzgebiet um und nimmt dabei auch ein gewisses Maß an Unsicherheit auf der eigenen Seite der Grenze in Kauf. So lässt sie dem „Haqqani-Netzwerk“ im Grenzgebiet freie Hand, auch ihrem alten Halbverbündeten und Werkzeug Hekmatyar, einem der mörderischsten Islamisten im afghanischen Bürgerkrieg.
Für die Armee und die Geheimdienste Pakistans sowie maßgebliche Kräfte in der Regierung ist Indien der Feind, Kaschmir der Hauptkriegsschauplatz und das erste nationale Interesse. Dieser Vorrang hat sich in den vergangenen Monaten wieder gezeigt, nachdem es im vergangenen Jahr zeitweilig so aussah, als wende man sich konsequent der islamistischen Gefahr im eigenen Grenzgebiet zu.
Nachfolger der Amerikaner antreten
Aber seitdem man die „Taliban“ des eigenen Landes zurückgeschlagen und geschwächt hat, richtet sich das Augenmerk wieder ganz auf Afghanistan, wo man Bündnisse mit Aufständischen sucht, das Regime Karzai zu schwächen versucht, gleichzeitig aber die Paschtunen gewinnen will, um im günstigen Moment die Nachfolge der Amerikaner anzutreten. Dabei zielt Pakistan nicht auf eine neue „Taliban-Herrschaft“ über Afghanistan, geschweige denn auf eine Rückkehr von Al Qaida, sondern auf eine beherrschbare Gemengelage der Stämme und Clans im Sinne klassischer Gleichgewichtspolitik.
Diese Interessen Pakistans und die innere Entwicklung in Afghanistan mit der Rückzugsperspektive, die im Westen auch Iran und im Nordwesten Russland betrifft, hat unmittelbare Wirkung auf die zentralasiatischen Nachbarländer Tadschikistan, Usbekistan und Turkmenistan, auch auf Kirgistan und das zunehmend an Südwestasien interessierte China, das im Sinkiang eine für den Islam empfindliche Grenze zu Zentralasien hat.
Wirkung auf zentralasiatische Nachbarländer
In Afghanistan selbst tritt der alte Gegensatz zwischen den Paschtunen, dem Mutterboden der „Taliban“, und den nördlichen Völkern der Tadschiken und Usbeken noch stärker in den Vordergrund. Die neuen Eisenbahnbauvorhaben von Zentralasien über die Grenze in Richtung Mazar-i-Sharif schaffen eine stärkere Direktverbindung denn je. Usbekistan hat schon Sorge über islamistische Terrorverstärkung über die Grenze hinweg laut werden lassen. Die tadschikisch-usbekische „Nordallianz“ in Nordafghanistan steht wieder in offener Opposition nicht nur zu den Paschtunen, sondern auch zum Regime Karzai und zu dessen Appellen an „die lieben Taliban“, sich zur „brüderlichen Verständigung“ bereitzufinden.
Zwischen China und Pakistan ist der noch überwiegend ruhige und stabile Norden Afghanistans mit fremden Einflüssen konfrontiert, die Bewegungsfreiheit und Unabhängigkeit kosten könnten. In diesem Kontext werden von den nördlichen Regionalmachthabern auch die Amerikaner mit ihren Truppen und Nachschublinien aus Zentralasien als Gefährdung der eigenen selbständigen Existenz gesehen, jedenfalls als unnötige Beeinträchtigung ihrer Positionen. So ist man ein Jahr vor Beginn des beabsichtigten Abzugs noch weit von einer „regionalen Einbettung“ Afghanistans entfernt.