29.05.2006 · Bei Protesten nach einem Unfall, an dem ein amerikanischer Militärkonvoi beteiligt war, hat es in der afghanischen Hauptstadt Tote und Verletzte gegeben. Mehr als 50 Taliban wurden bei einem Luftangriff auf eine Moschee im Süden Afghanistans getötet.
In der afghanischen Hauptstadt Kabul hat am Montag ein von amerikanischen Truppen verursachter Verkehrsunfall zu den größten Unruhen seit dem Sturz der Taliban im Jahr 2001 geführt. Mehrere hundert Demonstranten marschierten durch die Stadt und riefen „Tod Amerika!“ und „Tod Karzai!“ Offenbar kamen mehrere Personen zu Tode, Dutzende erlitten Verletzungen. Angehörige ausländischer Streitkräfte wurden nicht verletzt, die in Kabul stationierten Soldaten der Bundeswehr waren nicht im Einsatz. Gegen Abend hatte sich die Lage nach Einschätzung ausländischer Diplomaten zunächst wieder beruhigt.
Nach offiziellen Erklärungen hatte im Nordwesten Kabuls um 9 Uhr morgens Ortszeit ein schwerer Lastwagen in einem Konvoi der amerikanischen Armee aufgrund eines technischen Defekts an einer belebten Kreuzung zwölf Zivilfahrzeuge gerammt und womöglich auch mehrere Läden beschädigt. Dabei wurden wohl fünf oder sechs Personen getötet und ein Dutzend verletzt. Eine aufgebrachte Menge habe daraufhin Steine auf die Amerikaner geworfen. Es seien auch Schüsse gefallen, hieß es. Ein amerikanischer Militärsprecher sagte, die Soldaten eines Militärfahrzeuges hätten Schüsse über die Köpfe der Menge hinweg abgegeben. Den Amerikanern kamen afghanische Sicherheitskräfte zu Hilfe.
Proteste vor amerikanischer Botschaft
Danach versammelten sich Demonstranten im Stadtzentrum und setzten sich in Richtung des Parlaments und des Präsidentenpalastes in Marsch. Nach Informationen des deutschen Verteidigungsministeriums konzentrierte sich das Geschehen auf zwei oder drei Orte, an denen jeweils etwa 200 Personen zusammenkamen. Nach Agenturmeldungen handelte es sich insgesamt um etwa 2000 Demonstranten. Sie zogen auch zur schwer bewachten amerikanischen Botschaft und bewarfen Autos, die Ausländer beförderten, mit Steinen. Agenturen meldeten, es wurden amerikanische Flaggen verbrannt, Poster von Präsident Karzai heruntergerissen, es seien Schüsse gefallen und Wächterhäuschen der Polizei angezündet worden.
Vor der deutschen Botschaft blieb es nach Auskunft von Diplomaten ruhig. Das Gebäude wurde nicht evakuiert. Die Demonstranten setzten allerdings das Büro der Hilfsorganisation „Care International“ in Brand, das gegenüber der Vertretung der EU-Kommission in Kabul liegt. Agenturen meldeten, ein Haus eines Ausländers in Kabul sei geplündert worden, ebenso wie Geschäfte in der Innenstadt.
Die internationale Schutztruppe Isaf wurde nicht gegen die Demonstranten eingesetzt. Die afghanischen Sicherheitskräfte gaben offenbar Schüsse ab. Am Abend war an der Unfallstelle noch eine Menschenmenge versammelt, die anderen Proteste hatten sich aufgelöst.
Aufgestauter Unmut
Die Präsenz ausländischer Militär- oder Hilfsfahrzeuge ruft in Afghanistan seit langer Zeit den Unmut von Teilen der Bevölkerung hervor, vor allem wenn sie als Statussymbole überbezahlter Berater wahrgenommen werden. Unfälle gelten unter den Ausländern in Afghanistan seit längerem als kritische Situationen, weil sie schnell zu Menschenaufläufen führen können. So starke Reaktionen wie am Montag gab es bisher aber noch nicht. Selbst die Demonstrationen gegen die Mohammed-Karikaturen seien weniger gewalttätig verlaufen, berichteten Korrespondenten.
Europäische Diplomaten wiesen am Montag insbesondere auf die Spontaneität und das Ausmaß der Proteste hin, in denen sich viel aufgestauter Unmut Luft gemacht habe. Das müsse man sehr ernst nehmen, hieß es.
Luftangriff auf Moschee
Am Montag kam es auch wieder zu einem amerikanischen Luftangriff auf eine Versammlung der Taliban im Süden des Landes. Afghanische Einheiten und Soldaten der Koalitionstruppen seien am Morgen von mutmaßlichen Aufständischen angegriffen worden. Daraufhin habe die Koalition eine Bombe auf ein Gelände der Taliban in der Nähe von Kadschaki in der Provinz Helmand abgeworfen, sagte ein amerikanischer Armeesprecher.
Die von afghanischer Seite genannte Zahl von 50 getöteten Taliban nannte der amerikanischer Sprecher „unglaubwürdig“. Bei einem Schußwechsel mit Aufständischen wurden am Montag in der Provinz Kandahar außerdem ein Taliban-Kämpfer getötet und fünf kanadische Soldaten verletzt, wie die kanadische Armee mitteilte. Es wurde vermutet, daß noch mindestens fünf weitere Taliban bei diesen Kämpfen umkamen.
Zunehmender Widerstand
Die Sicherheitslage in Afghanistan hat sich in jüngster Zeit verschlechtert, was sich vor allem in einer steigenden Zahl von Anschlägen und Kämpfen der ausländischen Streitkräfte mit Aufständischen bemerkbar macht. Die radikal-islamistischen Taliban, die Afghanistan bis 2001 beherrscht hatte, haben ihren Widerstand gegen die Regierung Karzai und die ausländische Militärpräsenz dabei womöglich mit Hilfe aus dem Nachbarland Pakistan verstärkt.
Als Grund für den zunehmenden Widerstand gilt auch, daß die Schutztruppe Isaf derzeit dabei ist, ihre Präsenz in die südlichen und östlichen Provinzen des Landes auszudehnen, in denen Hochburgen der Taliban wie Kandahar liegen.