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Afghanistan Tot, weil sie nicht lernen sollten?

13.09.2007 ·  Die Mörder kamen auf einem Motorrad: Mussten zwei Schülerinnen ihr Leben lassen, weil ihre Direktorin nach Amerika reiste? Denn damit verstieß sie aus Sicht religiöser Führer gegen islamisches Recht. Von Friederike Böge.

Von Friederike Böge, Pul-i-Alam
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Die Mörder kamen gegen zwölf, als der Unterricht für die Mädchen gerade zu Ende war. Als die Kinder auf den kleinen Sandweg vor der Qala-i-Saida-Schule strömten, feuerten die beiden Männer auf dem Motorrad in die Menge. Zwei Schülerinnen wurden bei dem Anschlag vor knapp drei Monaten in der afghanischen Provinz Logar getötet. Vier Mädchen wurden verletzt. Die Täter konnten fliehen.

Bald darauf ging das Gerede über die Schuldirektorin los. „In der Moschee sagen die Leute, dass das passiert ist, weil ich 2006 in Nebraska war“, sagt Bibi Gul. Das amerikanische Bildungsministerium hatte sie und elf weitere afghanische Schulleiter zu einer Reise in den Mittleren Westen der Vereinigten Staaten eingeladen.

Den religiösen Führern in der Provinz Logar war das offenbar nicht recht. Vor allem, weil die selbstbewusste Direktorin ohne Begleitung eines männlichen Familienangehörigen, eines Mahram, unterwegs war. Aus Sicht der Geistlichen ist das ein Verstoß gegen islamisches Recht. Dass eine Frau ins Ausland reise, sei für die Menschen in Logar neu, sagt die 42 Jahre alte Lehrerin, die aus Angst vor weiteren Anschlägen längst ihre Heimat verlassen und ihre Arbeit aufgegeben hat. „Außerdem haben sie gedacht, dass ich danach die Schüler das Christentum lehre.“

„Er will nicht mit Mädchen arbeiten“

Wer hinter dem Anschlag steht und ob er sich durch das Verhalten der Direktorin provoziert fühlte, ist ungeklärt. Klar aber ist, dass der Mord an den Schülerinnen den Konservativen in der Gemeinde Auftrieb gegeben hat. Das Vertrauen der lokalen Bevölkerung in den Staat ist erschüttert. Nun suchen sie Schutz bei den alten Kräften.

Ein Korangelehrter soll nun die Leitung der mit deutschem Geld gebauten Schule übernehmen, an der 1600 Mädchen und Jungen unterrichtet werden. „Er kann die Schule ohne Waffen schützen, weil alle ihn respektieren“, begründet der Leiter der Bildungsbehörde von Logar, Karimullah Zadran, seinen Entschluss. Noch allerdings hat der Geistliche nicht eingewilligt. Er ziert sich, womöglich weil er wenig von Mädchenbildung hält. „Er will nicht mit Mädchen arbeiten“, sagt Zadran. Noch laufen die Gespräche.

Das Gleichnis vom Fluss

Auch an mehreren Mädchenschulen soll die Leitung nun ausgewechselt werden. „Angesehene Persönlichkeiten“ sollen die bisherigen Direktorinnen ersetzen. Der Rat der Geistlichen, die Ulama, soll zudem stärker in Bildungsbelange einbezogen werden. „Die Leute müssen sehen, dass auch die Ulama Bildung wichtig findet“, sagt der Departmentchef.

Zadran sitzt im Lehrerzimmer des Qala-i-Saida-Gymnasiums, das seit Mitte Juli wieder geöffnet ist. Er philosophiert über böse Elemente in der Gesellschaft und erzählt ein Gleichnis von einem Fluss, in dem selbst kleine Steine von der Strömung zu gefährlichen Geschossen verwandelt werden. Ein paar Lehrer und Schüler sind aus Neugier dazugekommen. Noch fehlen viele Schülerinnen beim Unterricht. Vor allem die älteren Mädchen zögern, denn gerade ihre Ausbildung betrachten Ultrakonservative mit Misstrauen. Manche fordern schon, das Gymnasium solle zu einer Grundschule zurückgestuft werden, in der nur bis zur sechsten Klasse unterrichtet werde.

Lieber ein Mann als Schulleiter

Als eine Lehrerin noch einmal den Hergang des Attentats schildert, dem die zwölfjährige Shukria und die zweiundzwanzigjährige Sadia zum Opfer fielen, flüstert eine andere: „Dabei waren sie doch islamisch gekleidet. Sie trugen Tschadori.“ Es klingt, als wäre ihr die Tat erklärlicher gewesen, wenn die Mädchen keinen Ganzkörperschleier übergestreift hätten.

Zunächst tun die Lehrer so, als wüssten sie nichts über die Vorwürfe gegen ihre ehemalige Direktorin. Die stellvertretende Schulleiterin sagt nur so viel: „Es wäre besser, wenn in Zukunft ein Mann die Aufgabe übernähme.“ Doch schließlich platzt es aus einer Schülerin heraus. „Es stimmt“, flüstert sie auf Englisch, damit die anderen es nicht verstehen können. „Im Moment wissen wir nicht, ob es an der Direktorin lag“, mischt Zadran sich ein. „Wenn unser Plan aufgeht, werden wir es wissen.“

Den Schutz in die eigene Hand genommen

Auf den Schutz der Polizei wollen die Dörfler sich nicht länger verlassen. Aus 16 Dörfern kommen die Kinder hier nach Sadaat, einem Vorort der Provinzhauptstadt Pul-i-Alam. Die Sicherheitskräfte erreichten den Tatort nach Angaben einer Lehrerin erst eindreiviertel Stunden nach dem Attentat. Deshalb hat die Schule mit Einwilligung des Ältestenrats einen ehemaligen Milizenführer und fünf seiner Männer als Wachen engagiert. Said Wahid zeigt stolz eine Erkennungsmarke vor, die er vom amerikanischen Militär erhalten hat. Sie weist ihn als Leiter einer 300 Mann starken Miliz aus, die vor kurzem an der Grenze zu Pakistan noch Taliban jagte. 1000 Dollar im Monat habe er dafür bekommen, sagt Wahid, mehr als das Zehnfache des Lohns eines afghanischen Polizisten. Der Milizionär ist ein Freund der Schule und hat das Grundstück gespendet, auf dem sie steht. Er hat drei Töchter auf der Schule und ist stolz darauf, dass sie zu den ersten zählten, die nach der Wiedereröffnung zum Unterricht erschienen. „Hier leben aufgeklärte Leute“, beteuert der Mann.

Eine Lizenz für ihre Waffen haben die neuen Wächter vom Staat bekommen. Denn Schulen sind seit zwei Jahren Angriffsziel aufständischer und unzufriedener Kräfte geworden. Hunderte Lehranstalten mussten zumindest vorübergehend wegen Anschlägen oder Drohungen geschlossen werden. Zahlreiche Lehrer wurden ermordet. Ein Programm des Bildungsministeriums sieht deshalb vor, dass die lokale Gemeinschaft selbst den Schutz der eigenen Schule übernehmen soll.

Die Strapazen ins Gesicht geschrieben

Doch Wahid hat größere Pläne: „Wir wollen das ganze Gebiet absichern. Wir werden Terrorismus nicht erlauben“, sagt er freundlich. Der Rat der Dschihadis, der ehemaligen Widerstandskämpfer, habe entschieden, die Polizei bei ihrer Aufgabe zu unterstützen. Von den Eltern wird das offenbar begrüßt. Diejenigen, die eine moderne Polizei aufbauen wollen, fürchten dagegen, das Beispiel könne Schule machen.

Es war nicht das erste Mal, dass die weit über den Vorort als fortschrittlich bekannte Qala-i-Saida-Schule angegriffen wurde. Im vergangenen Jahr beschädigte nachts eine Bombe einen Teil des Gebäudes. Schon damals gab es das Gerede über die Direktorin und Morddrohungen gegen sie. Nun hat sich Bibi Gul an einen sicheren Ort in der Hauptstadt Kabul geflüchtet. Zum Gespräch in einem Kulturzentrum hat sie ihren Ehemann und ihre Tochter mitgebracht. Dem Mädchen sieht man die Strapazen der vergangenen Wochen an. Die Hitze macht ihr zu schaffen. Auf der Taxifahrt zum Treffpunkt ist sie kurz bewusstlos geworden. Jetzt klammert sie sich an eine Wasserflasche. Der Ehemann sitzt wortlos da. Neben seiner energischen Frau im eleganten braunen Kostümkleid wirkt er schmächtig. Er unterstütze die Arbeit seiner Frau, sagt er. Mehr nicht.

Selbstbewusstsein auf dem Lehrplan

Die Familie gehört der modernen afghanischen Mittelschicht an. Der Mann war lange Jahre Pilot der Luftwaffe. Deshalb lebten sie am Luftwaffenstützpunkt in der nordafghanischen Stadt Mazar-i-Sharif, die als besonders aufgeklärt gilt. Wie viele aktive Frauen in Afghanistan führte Bibi Gul während der Taliban-Zeit eine Heimschule, weil Mädchenschulen von den Radikal-Islamisten verboten waren. Nach dem Sturz des Regimes übernahm sie die Leitung der Qala-i-Saida-Schule in ihrer Heimat Logar und machte sie zu einer Vorzeigeschule, die Besuch von Politikern erhielt und von Care International unterstützt wird. Westliche Geber unterstützen besonders gern Frauen wie Bibi Gul. Manchen Kräften ist das offenbar ein Dorn im Auge.

„An dieser Schule lernten die Mädchen, selbstbewusst zu sein“, sagt Bibi Gul. Doch auf dem Land, fügt sie hinzu, wollten viele nicht, dass sich die Mädchen entwickelten und Ärztinnen würden. Dennoch plädiert die ehemalige Direktorin nun für einen Kompromiss mit den Ultrareligiösen. „Solange nicht alle Leute die Schule gemeinsam schützen, wird sie nicht sicher sein.“

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