Shafiullah war gegen den Willen seines Vaters an den Fluss geritten. Nachbarn hatten berichtet, dass die Taliban dort Benzin verteilten. „Ich habe es ihm verboten. Ich kenne den Krieg, ich weiß, was passieren kann“, klagt der Vater, der neben seinem Sohn im Provinzkrankenhaus von Kundus sitzt. Shafiullah hat Glück gehabt. Der 12 Jahre alte Junge ist mit einem gebrochenen Bein und Prellungen am Arm davongekommen. Er war noch nicht am Fluss angekommen, als die Tanklastwagen von der Isaf aus der Luft bombardiert wurden und explodierten. „Ein Liter Benzin kostet 30 Afghani (umgerechnet knapp 50 Euro-Cent). Deshalb sind er und sein Bruder auf dem Esel losgeritten“, sagt der Vater.
Shafiullah ist einer von zwölf Verwundeten, die nach dem Luftangriff in der Nacht zum Freitag ins Kunduser Krankenhaus eingeliefert wurden. Die meisten Toten seien sofort beerdigt worden, sagt der Leiter des Hospitals, Khamush. Nur die Leiche eines der getöteten Tanklastfahrer werde in der Kühlkammer des Krankenhauses verwahrt. Der Mann sei erschossen worden – nicht geköpft, wie Medien berichtet hatten.
Ein Stockwerk tiefer liegt Wazir Gul in einem Dreibettzimmer. Auf seinem Rücken klafft eine tiefe Brandwunde. Auch er war losgelaufen, um Benzin zu bekommen. Etwa gegen neun Uhr abends habe er sich auf den Weg gemacht. Das wären etwa zwei bis drei Stunden, nachdem die Taliban die beiden Tanklastwagen auf der Hauptstraße Richtung Kabul entführt hatten.
Guls Dorf, Isarkhel, ist mehrere Kilometer vom Ort des Geschehens entfernt. Als er angekommen sei, habe er sich in eine lange Schlange von Wartenden gestellt. Neun Bewohner seines Dorfes seien tot. Aus mindestens vier anderen Dörfern werden Opferzahlen gemeldet.
Scham über die Benzindiebe
„Die Leute sind selbst schuld“, sagt Guls Onkel Gul Mohammad, der gekommen ist, um nach dem Neffen zu schauen. „Warum rennen sie auch mitten in der Nacht aus dem Haus, um Benzin zu stehlen?“ Wazir Gul nickt. Von Hass auf Ausländer oder die Internationale Schutztruppe (Isaf) ist in seinem schwer gezeichneten Gesicht nichts zu lesen. „Es wäre besser gewesen, wenn sie vom Boden aus angegriffen hätten. Dann hätten die Leute wegrennen können“, sagt er nur.
Viele Familien, die Angehörige verloren haben, haben die Beerdigungen nicht in den Moscheen verkünden lassen, wie es üblich ist. In Kundus wird das als ein Zeichen von Scham gewertet. Offenbar wollten sie nicht, dass allzu viele Trauergäste an den Beisetzungen teilnehmen. „Sie waren Benzindiebe“, sagt der Student Nasratullah an der Pädagogischen Hochschule der Stadt. „Das gilt auch bei uns als Schande.“ Auf dem Markt würden viele Menschen die Toten beschimpfen, sagt er.
Die Dorfbewohner sprechen von vielen zivilen Opfern. Doch die Frage, wie viele Zivilisten in jener Nacht getötet wurden und wie viele der Getöteten Taliban waren, wird schwer zu beantworten sein. Die meisten Leichen sind bis zur Unkenntlichkeit verkohlt. Ihre Familien sind kaum in der Lage, sie zu identifizieren. Zudem sind die Grenzen zwischen Aufständischen, Sympathisanten und Passanten fließend. Manch ein Anwohner arbeitet tagsüber als Bauer und nimmt nachts eine Waffe in die Hand, um für Geld gegen Regierung und Isaf-Kräfte vorzugehen. Auch ist es von früheren Vorfällen bekannt, dass die Taliban geschickt darin sind, zivile Opfer für die eigene Propaganda zu nutzen. Nach Recherchen lokaler Medien befanden sich gegen 23 Uhr viele Zivilisten in der Gegend, die nach Benzin anstanden. Doch gegen Mitternacht hätten viele von ihnen den Ort verlassen. „Wenn die Isaf die Tanklaster früher bombardiert hätte, wären noch sehr viel mehr Menschen getötet worden“, sagt der Journalist Gulrahim Niusmand.
Schwerer Rückschlag für die neue amerikanische Strategie
Am Nachmittag besuchte eine Nato-Delegation, angeführt von General Stanley McChrystal, den Ort des Geschehens. Ein deutscher Oberst war ebenfalls an der Untersuchung beteiligt. Falls sich der Verdacht erhärten sollte, dass wieder viele Zivilisten bei einem Nato-Luftangriff getötet worden sind, wäre das ein schwerer Rückschlag für die neue amerikanische Strategie, die McChrystal erst vor wenigen Tagen nach Washington geschickt hatte. Der Schutz und die Sicherheit der Bevölkerung nehmen darin eine zentrale Stellung ein. Dass der Kommandeur der Isaf und der amerikanischen Truppen in Afghanistan sich persönlich auf den Weg ins nordafghanische Kundus gemacht hat, zeigt, wie ernst der Vorfall in Washington genommen wird.
Zudem gibt es Befürchtungen, dass die angespannte Sicherheitslage in Kundus sich durch den Vorfall weiter verschlechtern könnte. Am Morgen sind ein britischer Journalist und sein Übersetzer entführt worden. Er hatte sich an den Ort gewagt, an dem die beiden Tanklastwagen bombardiert wurden. Niusmand befand sich ganz in der Nähe. „Ich saß mit einigen Dorfältesten unter einem Baum, um zu erfahren, wie viele Opfer in ihren Dörfern zu beklagen waren“, sagt er. Der Fahrer des Journalisten sei zu ihnen gerannt, habe ihnen die Schlüssel seines Toyotas vor die Füße geworfen und habe gerufen: Sie haben ihn entführt. „Die Dorfältesten sind sofort losgegangen, um mit den Entführern zu verhandeln“, sagt Niusmand. „Sie sagten: Der Journalist hätte uns informieren müssen, dass er sich in unserem Gebiet aufhält.“
Ein wichtiger Beitrag....
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