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Afghanistan Robuste Einsatzregeln

31.07.2006 ·  Die Schutztruppe Isaf übernimmt heute die Verantwortung für den unruhigen Süden Afghanistans - dort muß die von der Nato geführte Truppe die Taliban entmachten. Ein Einsatz mit erheblichen Risiken. Christoph Ehrhardt berichtet aus Kabul.

Von Christoph Ehrhardt, Kabul
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Das erste Auto, das die britische Patrouille „Foxtrott 101 Alpha“ an ihrem zweiten Wegpunkt kontrolliert, gehört einem Kellner aus Plymouth. Ungläubiges Kopfschütteln, eine gründliche Durchsuchung, ein freundlicher Plausch, ein Foto von Fahrer und Nummernschild, dann wird der Afghane auf Heimaturlaub in den hektischen Verkehr entlassen. Ein Soldat winkt das nächste Fahrzeug heran, die gleiche Prozedur folgt.

Die zwölf Männer der „170. Forced Protection Company“ werden nichts finden an diesem Abend in Kabul. Letztlich geht es darum auch gar nicht. „Wir kämpfen hier vor allem einen psychologischen Kampf“, sagt Patrouillenkommandant Leutnant Alasdair Luff. „Es geht darum, zu verdeutlichen, daß es immer wieder spontane Kontrollpunkte geben wird.“ Zwei Botschaften haben Luffs Soldaten: Wir lassen uns nicht einschüchtern, wir sorgen für Sicherheit; und: Wir sind die Guten, wir helfen euch. Das soll die Gegner des neuen Afghanistans entmutigen, die Sprengfallen oder Drogen durch die Straßen der Hauptstadt schmuggeln.

Ruhiger Norden, heftig umkämpfter Süden

Im relativ ruhigen Norden des Landes mag diese Strategie Aussicht auf Erfolg haben. An diesem Montag aber wird die Internationale Schutztruppe für Afghanistan (Isaf) zusätzlich die Veranwortung für den immer noch heftig umkämpften Süden übernehmen - und was der von der Nato geführten Truppe dort bevorsteht, weiß niemand genau zu sagen. Eine Zeremonie in Kandahar wird die letzte Amtshandlung der von den Vereinigten Staaten geführten „Koalitionstruppen“ sein, die im Rahmen der Mission „Enduring Freedom“ bisher im Süden einen Kampfauftrag gegen Aufständische erfüllten. Ihre Soldaten sollen das nun in den Ostprovinzen fortführen, bis die Isaf Ende des Jahres auch dort die Mission übernimmt.

Dort wurden bei einem Bombenanschlag in der Provinzhauptstadt Dschalalabad am Montag sechs Menschen getötet und 16 verletzt. Eine Autobombe sei vor einer stark besuchten Moschee gezündet worden, hieß es. Der Anschlag galt offenbar dem Gouverneur der Provinz, Gul Afgha Schersai. Dieser blieb jedoch unverletzt und machte indirekt die Taliban für den Terror verantwortlich. „Es war das Werk von Afghanistans Feinden“, sagte er der Nachrichtenagentur Reuters.

Auch die Schutztruppe bekommt es nun mit den Taliban zu tun - einem Gegner, der gut organisiert ist, über sichere Rückzugsgebiete verfügt, vor Selbstmordanschlägen nicht zurückschreckt und nach den Angaben amerikanischer Militärs gezielt Zivilisten als Schutzschilde benutzt. Sie wird zudem auf eine bewaffnete Drogenmafia treffen, die ihr Revier erbittert verteidigt. Auch Stammesrivalitäten, die schon im Norden Anlaß für Übergriffe sind, werden die Isaf-Soldaten beschäftigen.

Einen Gegner in jedem Dorf

Der britische General David J. Richards, Befehlshaber der Truppe, gibt sich dennoch zuversichtlich. Derzeit sind im Süden etwa 8500 Soldaten der Koalitionstruppen im Einsatz, sie werden nun weitgehend der Nato unterstellt. Mehr als 9000 Isaf-Soldaten sollen es am Ende sein. In Helmand sei es nur eine Frage von Wochen, bis die Zahl der britischen Soldaten von rund 150 auf 4000 steige, sagt Richards.

Oberst Thomas Collins, Chef der Presseabteilung der Koalitionstruppen, sieht einen direkten Zusammenhang zwischen diesem Truppenaufbau und der jüngsten Zunahme der Gewalt: „Die Taliban standen unter Zugzwang. Sie mußten etwas unternehmen, bevor die Nato übernimmt und die Zahl der dort stationierten Soldaten steigt.“ Aber sie seien damit gescheitert. In Zukunft soll es keine Dörfer mehr geben, die die Taliban leicht einnehmen können, weil sie dort keinen Gegner finden.

„Die sollen sich denken: Das wollen wir auch“

„Es gibt zwei Möglichkeiten“, sagt ein amerikanischer Offizier: „Entweder man bringt so viele von den bösen Jungs um, daß sie aufgeben, oder man schafft sich zunächst ruhige Enklaven.“ Letzteres will die Nato nun versuchen. Die Anti-Taliban-Offensive, Operation „Mountain Thrust“, hat nach den Worten von General Richards verhältnismäßig sichere Zonen geschaffen, in denen nun gezielt die Wiederaufbauarbeit gefördert werden soll. Aus ihnen sollen prosperierende Inseln werden, deren Strahlkraft sich positiv auf den Rest der Region auswirkt. „Die Leute sollen dazu gebracht werden, zu verteidigen, was aufgebaut wurde. Und diejenigen, die diese Erfolge von außen betrachten, sollen sich denken: Das wollen wir auch.“

Richards bekräftigt, daß das Tempo der militärischen Operationen nicht verringert werde. Er habe alle Freiheiten, die er brauche, sagt der britische General, der 1999 die britischen Truppen in Osttimor und 2000 eine britische Eingreiftruppe in Sierra Leone kommandierte. Dazu gehöre auch die Möglichkeit, Truppen aus den anderen Landesteilen, wenn nötig, in den Süden zu verlegen. Die Soldaten seien mit einem Mandat ausgestattet, das auch Präventivschläge erlaube.

„Wir haben nicht die Feuerkraft der Amerikaner“

Der amerikanische Isaf-Sprecher Major Luke Knittig nennt das „robustere“ Einsatzregeln. Die Bundeswehrsoldaten im Norden, für die bis auf weiteres enger gefaßte Vorschriften gelten, würden allerdings kaum in die Verlegenheit geraten, in den Süden gerufen zu werden. Richards setzt auf die afghanische Armee, die stetig stärker werde. Bis 2008 sollen rund 70.000 Soldaten ausgebildet worden sein.

Der stellvertretende afghanische Verteidigungsminister, Yussuf Nuristani, teilt diese Zuversicht nur bedingt. In seinem Kabuler Büro hängt eine Landkarte an der Wand, auf der täglich neue Anschläge, neue Kämpfe und neue Opfern verzeichnet werden. „Wir sind schwach“, sagt Nuristani ernst. Die Moral der Truppe sei zwar gut, die Soldaten seien nach Jahren des Bürgerkriegs kampferprobt. Aber sie seien viel zu schlecht ausgerüstet. „Wir haben nicht die Feuerkraft der Amerikaner, wir haben keine Luftwaffe. Wenn wir Luftunterstützung anfordern, kommt sie entweder spät oder gar nicht.“

„Hier und da ein Hubschrauber?“

Trotzdem glaubt er an den Sieg über die Taliban: „Sie bringen wenige von uns um, wir bringen viele von ihnen um.“ Mehr als 700 Talibankämpfer sind nach Angaben der Koalitionstruppen in diesem Jahr getötet worden. Insgesamt wurden weit mehr als 1000 Menschen bei Kämpfen oder Anschlägen getötet, unter ihnen nicht wenige Zivilisten. In der afghanischen Bevölkerung, die vor ein paar Jahren noch begeistert an eine bessere Zukunft glaubte, scheint das zu einer Ernüchterung geführt zu haben, die bisweilen in Frust umschlägt.

Der Isaf-Kommandeur für die neun Nordprovinzen, der deutsche Brigadegeneral Markus Kneip, glaubt nicht, daß alldem nur mit Soldaten begegnet werden kann. „Mit Militär können wir das Problem hier nicht lösen. Mehr Entwicklungshilfe? Ja. Hier und da ein Hubschrauber? Ja. Aber nicht 5000 Soldaten mehr. Das ist nicht das Problem“, sagt er. Es sei besonders wichtig und gleichzeitig die größte Herausforderung, daß die Soldaten trotz der angespannten Sicherheitslage nicht überreagierten, „nicht herumpoltern“.

„Die Jungs im Norden haben es einfach“

Im „Camp Eggers“, dem amerikanischen Hauptquartier der Koalitionstruppen in Kabul, hält man das allerdings für eine Sicht der Dinge, die stark vom vergleichsweise ruhigen Einsatzort der Bundeswehr geprägt ist: „Die Jungs im Norden haben es ja auch recht einfach.“

In Kabul müssen die Soldaten der Patrouille „Foxtrott 101 Alpha“ trotzdem aufpassen. Bevor sie ihre mobilen Kontrollpunke einrichten, durchsuchen sie die Umgebung sorgfältig nach Sprengfallen. Das ist nicht immer einfach - die Straßen sind meist unbeleuchtet, das Licht der Autoscheinwerfer nur diffus, und die Rinnsteine quellen vor Unrat über. Ihr jüngster Fund, ein selbstgebastelter Sprengsatz, war einfach in eine schwarze Plastiktüte gesteckt und an den Straßenrand gelegt worden.

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Jahrgang 1975, Redakteur in der Politik.

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