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Afghanistan : Nicht ohne meine Mudschahedin

Vormarsch 2001: Kämpfer der Nordallianz warten auf den Befehl, nach Kundus in Nordafghanistan einzurücken. Heute ist dort die Bundeswehr stationiert. Bild: Getty

Vor zehn Jahren machte sich in Afghanistan Aufbruchstimmung breit. Nun bestimmt die Abzugsstimmung des Westens die Politik. Im Kampf gegen die Taliban haben sich die Aufbauhelfer und Präsident Karzai auf alte Machtstrukturen eingelassen.

          In einer Zeit, in der noch alles möglich schien in Afghanistan, machte sich ein Diplomat aus dem Westen auf die Reise nach Faizabad. Die Taliban waren noch nicht lange aus Kabul vertrieben, die Bundeswehr hatte sich noch lange nicht in der nordafghanischen Provinz Badakhshan eingerichtet. Der Reisende saß am Ende einer beschwerlichen Überlandfahrt mit dem örtlichen Gouverneur beim Tee, als plötzlich die Tür aufging, Nazri Mohammad in den Raum trat und den Fremden zum Essen einlud. Die Botschaft war eindeutig: Hier habe ich das Sagen. Wer politische Geschäfte machen will in meinem Reich, der hat mit mir zu reden.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Nazri Mohammad war erst 2002 so wichtig geworden. Als Mudschahedinkommandeur hatte er in der zweiten Reihe gestanden, im Schatten des berühmten tadschikischen Kriegsherrn Ahmed Schah Massud. Dann brachte er ein Regiment unter seine Kontrolle und löste es aus der Kommandokette heraus. Nazri musste etwa Mitte vierzig sein. Er galt als überdurchschnittlich brutaler Warlord. Er erlangte während seines Aufstiegs die Kontrolle über wichtige Schmuggelrouten, über die etwa der Waffen- oder Opiumhandel abgewickelt wird, dem er sich zuwandte.

          Die Bundeswehr, die 2004 ihre Wiederaufbauarbeit in Badakhshan aufnahm, kam ihm nicht in die Quere. Es waren Nazris Männer, die den äußeren afghanischen Schutzring um das Feldlager bildeten. Es gibt keine Zweifel daran, dass er selbst für Sicherheitsprobleme sorgte, wenn er seine Rolle als Schutzherr der Deutschen - und seine damit verbundenen Einkünfte - bedroht sah. Der Lokalfürst hatte auch einen mächtigen Protegé in Kabul: den im Westen als Kriegsverbrecher verhassten tadschikischen Kriegsherrn Mohammed Qasim Fahim, ein berüchtigter Kommandeur der Nordallianz. Er ist der Vizepräsident Afghanistans.

          Dezember 2001: Kämpfer der Nordallianz stehen vor den Bergen Tora Boras und betrachten amerikanische Bombardements auf die Orte, in denen Stellungen der Taliban und Al Qaida vermutet wurden. Dass sich Bin Ladin von den Taliban gedeckt in Afghanistan aufhalte, wurde als Kriegsgrund ausgegeben.

          Es ist nicht zuletzt Leuten wie Fahim im Großen oder Nazri Mohammad im Kleinen zu verdanken, dass heute nichts mehr möglich scheint in Afghanistan. Die Macht der Warlords ist ungebrochen, und darum hat sich auch für viele Afghanen nicht viel geändert. Milizen terrorisieren die Bevölkerung, treiben etwa die Stromrechnung mit vorgehaltener Waffe ein. Ob er wollte oder nicht, der Westen habe dazu beigetragen, dass die alten afghanischen Ungerechtigkeiten auch im neuen Afghanistan Bestand hätten, sagt ein erfahrener Diplomat in Kabul. Die Politik der vergangenen zehn Jahre hat diese sogar gefestigt. Kriegsfürsten wie Nazri Mohammad und Fahim sind zu Partnern der Nato geworden oder sie übernahmen Regierungsämter. Oder beides.

          Bürgerkrieg ist wahrscheinlicher

          Thomas Ruttig kennt die afghanischen Machtstrukturen gut. Er hat sie viele Jahre lang beobachtet, arbeitete als junger DDR-Diplomat in Kabul, seit dem Jahr 2000 für die UN-Missionen Unsma und Unama. Am 5. Dezember reist er schon zum zweiten Mal zu einer Konferenz nach Bonn, die den Weg für eine friedliche Zukunft Afghanistans bereiten soll. Doch Ruttig hält einen neuen Bürgerkrieg für wahrscheinlicher als eine friedliche Entwicklung.

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